1.1 Gehversuche

Als Kwame Ankomahs Vater abends nach Hause kommt, zeigt er ihm stolz einen Brief vom Akademischen Auslandsamt der Stadt Berlin. Der Brief enthält eine Zulassung zur dortigen Freien Universität für ein Studium der Germanistik in Deutschland.

„Du fliegst also nach Europa“, resümiert sein Vater, irgendwie resigniert.

„Ja!“

„Wo denn genau?“

„Berlin“

„Ah, nach Deutschland! Du tust mir leid. Nein, nicht wegen Deutschland an sich, sondern wegen Europa überhaupt“, sagte der Vater süffisant. „Wie du weißt, war ich Student in Großbritannien gewesen. Mir hat kein Mensch dort auch nur ein Haar gekrümmt, trotzdem hatte ich seit meiner Rückkehr nicht einmal Sehnsucht, Europa wieder zu sehen.

„Warum denn?“

„Dort kann ein Afrikaner vierzig Jahre leben und graue Haare bekommen, die Einheimischen werden ihn trotzdem nicht als Erwachsener ansehen. Dort bleibst Du ewig Student und wenn Du tatsächlich zu lange bleibst und graue Haare bekommst, werden sie Dich Uncle Ben nennen. Jedes Kind dort kennt das Bild des Uncle Ben’s von der Reis-Werbung. Überhaupt scheinen Europäer einen Heidenspaß daran zu haben, Dich ständig darauf hinzuweisen, dass Du aus einem bitter armen Land in Afrika kommst. Aber nur wenn man eine Reise tut, kann man was erleben. Also viel Spaß in Europa!“

Trotz dieser deprimierenden Worten, war Ankomah zu begeistert von seinem Zulassungsbescheid, um die negative Einstellung seines Vaters genau abzuwägen. Es ist auch zu bezweifeln, ob er auch verstanden hätte, was sein Vater genau meinte. Egal. Sein Traum war wahr geworden. Er flog nach Deutschland. Genau nach Westberlin.

Ankomah fand West Berlin im Jahre 1974 sehr schön. Alles war viel sauberer als in Accra, viel größer und unermesslich reich. Dort gab es alles und man konnte fast alles tun.

Schnell lebte er sich ein, selbst wenn er vor Einsamkeit fast umkam. Besonders faszinierend für Ankomah war der Autostrich. Wer, wie er, aus einer Kleinstadt wie Tarkwa in Ghana stammte, hatte so etwas noch nie in seinem Leben gesehen. Es machte einfach Spaß zuzugucken, wie Männer in schönen Autos ganz wildfremde Frauen mit extrem langen Beinen aber halbnackt, ansprachen, in ihre Autos luden und nach vielleicht fünfzehn Minuten an der gleichen Stelle wieder ausluden. Und die Frauen vom Autostrich waren sagenhaft schön, besonders die, die sich neben der Berliner Philharmonie aufhielten. Das war Ankomahs Lieblingsplatz zur Beobachtung des Geschehens.

Heutzutage ist alles in Berlin ganz anders geworden. Damals, in den Zeiten des kalten Krieges, war die Gegend um die Philharmonie eine dunkle, verlassene Gegend. Ostberlins Demarkationslinie war nicht weit weg. Obwohl die Philharmonie an einer tagsüber belebten Straße lag, war die Gegend abends verlassen und äußerst trostlos. Bis in die kalten Monate hinein stolzierten die doll geschminkten jungen Frauen mit langen blonden Haaren und hochhackigen Schuhen entlang des vielbefahrenen Boulevards. Gern hätte er einmal in seinem Leben eine dieser Damen engagiert, aber die Stolpersteine in seinem Weg waren zuviel.

Erstens hatte er natürlich kein Geld für die Nummer. Zweitens hatte er kein Auto und drittens hatte er einfach Schiss. Was würde er sagen? Und wie würde die ganze Sache von Statten gehen? Seine Erziehung in Afrika erlaubte es ihm nicht, einfach wildfremden Frauen anzügliche Angebote zu machen. Er machte sich also einen Jux daraus, sie zu beobachten.

Eines Tages fasste er Mut, ging zu einer Dame und fragte ganz mutig, wie viel so eine Schnellnummer nun kosten würde.

„Fünfzig Mark mit Gummi, aber nicht für Neger. Mein Freund tötet mich, wenn er erfährt, dass ich es mit Negern treibe“, hieß es ganz knapp.

„Und mein Geld? Ist es auch Negergeld?“, fragte Ankomah ganz frech.

„Egal. Ich mache es nicht mit Negern. Wenn Du willst, gibt es genug Frauen am Stuttgarter Platz. Da kannst Du hingehen.“

Da Ankomah sowieso am Savigny Platz in Charlottenburg wohnte, und der Stuttgarter Platz nur ein Steinwurf entfernt lag, war es ihm die Sache wert. Er wollte es wissen und ging eines abends dorthin. Tatsächlich stolzierten einige verbrauchte, starkgeschminkte Damen umher.

„Wie viel kostet eine Nummer“, fragte mein Freund ganz lässig.

„30 Mark mit Gummi, 50 Mark ohne, aber mit Kleider an. Wenn Sie noch 30 Mark hinzu addieren, können Sie meine Brüste dabei lutschen. Für hundert Mark ziehe ich meine ganzen Klamotten aus. Aber Zeit ist Geld. Wenn du nicht viel Geld hast, machen wir es schnell. Gleich hier im Garten neben an.“

Jetzt, wo alles klar schien, und Ankomah tatsächlich DM 30 in der Tasche hatte, war er sprachlos. So wollte er es doch nicht. Was würden seine Eltern daheim sagen? Vor allem, was würden die Götter sagen. Bei ihm daheim ist es Tabu, Sex im Freien oder im Wald zu haben. Es ärgert die Götter und bringt Unglück für den Rest des Lebens.

Die Hure guckte ihn fordernd an.

„Was ist? Willst Du erst die Genehmigung von deiner Mutter holen oder was?“, fragte sie ganz ungeduldig. Unser junger Freund starrte nur vor sich hin. Er hatte die Situation unterschätzt und schämte sich. Über Sex so offen zu reden war ihm unbekannt. Und soviel Geschäftsmäßigkeit hatte er nicht erwartet. Plötzlich war die Geilheit verschwunden, er hatte keine Lust mehr, nur Angst. Schnell drehte er sich um und fing an zu rennen. Etwa zweihundert Meter weiter hielt er an. Dann musste er plötzlich lachen.

Zum ersten Mal in seinem Leben war er vor einer Frau weg gerannt. Auch das ein Unding in seiner Kultur. Nur weil er Angst vor Sex im Freien hatte. Das müsste er mal seinen Freunden daheim erzählen. Recht hatte sein Vater, als er sagte, wenn du eine Reise tust, kannst du was erleben. Er war jetzt mitten drin im Geschehen. Und zu erzählen hatte er schon was.

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