1.2 Erster Weihnachten in Berlin

Ankomah war nun rund drei Jahre in Deutschland, als er Frau Schmitz kennen lernte. Sie war stellvertretende Schulleiterin in Bönstadt. Eine kräftige, resolute, lebendige Dame war das. Als er sie traf, war sie gerade aus Kamerun zurückgekehrt. Dort hatte Frau Schmitz zwei Jahre lang als Entwicklungshelferin in einer Grundschule in Bafoussam unterrichtet. Ankomah sprach sehr schlecht Deutsch, sollte aber bald in eine Gesamtschule in der Nähe von Böhnstadt Englisch unterrichten. Frau Schmitz wurde seine Deutschlehrerin. Sie hatten viel Spaß zusammen, und Ankomah lernte innerhalb von zwei Wochen soviel deutsch wie vorher in einem Jahr.
Diese Frau pflegte es Ankomah echt komische Geschichten über ihrer Aufenthalt in Afrika, wie sie sagte, zu erzählen. Da es kurz vor Weihnachten war, erzählte sie ihm über ihr erstes Weihnachten in einem kleinen Ort ohne Strom, genannt Bidusi bei Nkonsamba, Kamerun.

„Ganz ungewohnt war es. Kein Schnee, keine Weihnachtsdekoration auf den Straßen, kein heißer Glühwein, keine Nüsse, nichts. Im Gegenteil: bullige Hitze, Staub und trockene Luft wegen der Harmattan-Saison. Und vor allem keine Familie zum Mitfeiern“, erzähle Frau Schmitz.

Weihnachten war also schlecht.

Dann kam Silvester. Noch schrecklicher, sagte sie.

„Kameruner“, klärte sie mich auf, „kennen Silvester nicht. Gegen zehn Uhr gehen sie alle einfach ins Bett. Ich saß alleine im Wohnzimmer und wusste nicht so recht, was ich nun machen sollte. Wie konnte ich vor Mitternacht ins Bett gehen? Nein, das ging nicht. Ich entschloss mich, bis dann wach zu bleiben. Aber alleine war das nicht so einfach.

Um die Zeit zu überbrücken, machte ich eine Flasche Sekt auf und begann zu trinken. Gegen elf Uhr war ich fast betrunken, musste aber noch eine Stunde aushalten. Ich trank weiter, aß Schokolade, Erdnüsse und legte eine mitgebrachte Platte aus der fernen Heimat auf. Ich schlief natürlich ein, wurde ungefähr zehn vor zwölf wach und starrte hartnäckig auf die Uhr, bis es endlich Mitternacht schlug.

Nur Stille, sonst nichts.

Etwas musste geschehen. Das neue Jahr musste begrüßt werden.

„Ich stürmte hinaus, machte eine Wunderkerze an und feuerte eine Rakete gen Himmel. Fast betrunken hatte ich vergessen, dass so etwas in einem Kaff in Kamerun total außerordentlich war. Plötzlich rannten alle in der Umgebung aus ihren Hütten auf die Straße. Die Leuchtkraft der Rakete war so intensiv, dass die abergläubischen Menschen dachten, die Erde würde untergehen.

„Ich muß zugeben, in der finsteren afrikanischen Nacht doch mit meiner weißen Haut und fliegenden Haaren muß ich ein furchterregendes Bild abgegeben zu haben. Die Kinder schrieen, die Frauen kreischten und die Männer holten ihre Gewehre. Es hieß zunächst, die Götter wären verrückt geworden. Dann, als feststand, die Erde würde in dieser Nacht doch noch nicht untergehen, beruhigten sie sich.

Die Gelächter danach war groß und seitdem gab es jedes Jahr ein Fest zur Erinnerung an das schreckliche Ereignis mit mir, der weißen Hexe. Herrlich.

Nun. Du bist dran. Du hast bestimmt auch etwas zu erzählen.“

Gewiß, hatte Ankomah auch seine Erfahrung mit Weihnachten in Deutschland.

„Es war in Berlin“, begann er. „Ich und meine Freunde hatten damals noch nicht gut deutsch verstanden, spürten und sahen aber, das Weihnachten nahte. Die Kälte intensivierte sich, die Straßen waren mit Millionen Lichtern dekoriert, ständig gab es Weihnachtslieder im Radio, die Werbung wurde aggressiver. Natürlich verstanden wir nichts davon.

Erst Jahre später würde ich verstehen, was damals wirklich los war, aber im Grunde passierte immer dasselbe, was mich vermuten lässt, dass das Gleiche passierte auch als wir kaum Deutsch verstanden hatten: das ständige Bombardement der Radiohörer mit der Präsentation von neuen Spielen, neuen Geschenkideen und die schlechten Witze über Schwiegermütter und so.

Irgend etwas musste am heiligen Abend geschehen, wir wussten nur nicht was. Ab dem späten Nachmittag merkten wir, wie die Menschen plötzlich verschwanden. Gegen 17 Uhr war kein Mensch mehr auf den breiten Berliner Straßen zu sehen, keine auch nur so kleine Bewegung in der Luft. Uns war soviel Stille unheimlich. Nach unserer Sitte fingen wir an, vor unserem Haus zu singen. Das muss man sich mal vorstellen. Ein riesiger Kasten von Haus aus der Gründerzeit, sieben Stockwerke mit rund 50 Parteien. Vor so einem Haus sangen wir vier Afrikaner. Unsere Nachbarn guckten aus ihren Fenstern raus und fanden dies überhaupt nicht witzig. Einige zeigten uns stinke Finger. Macht nichts, wir verstanden die Bedeutung eh nicht.

Zu Silvester wollten wir uns nicht überraschen lassen. Wir machten Pläne. Das Höchste, was ein Afrikaner zu Silvester macht? Er kauft sich Hühner und kocht viel Essen, das er mit allen im Haus teilt. Genau dies wollten wir machen. Wir selbst waren zu viert, hatten aber noch vier Nachbarn, die wir mit einer heißen, scharfen Erdnusssuppe um Mitternacht überraschen wollten. Wir kauften also sechs Suppenhühner aus dem Supermarkt und kochten den ganzen Tag über. Rund zehn vor zwölf, klingelten wir bei unseren Nachbarn mit heißer Suppe im Schlepptau. In den meisten Wohnungen hatten sich Leute versammelt, Sekt trinkend und Schallplatten spielend. Eine recht heitere Stimmung überall. Zu unserer Verblüffung jedoch wollte keiner unsere Suppe. Einige sagten, sie hätten schon gegessen, einige entschuldigten sich mit der Begründung, sie aßen abends nie warm, andere fingen sogar an uns auszulachen. Was?! Hühnersuppe zu Silvester! Ha, ha, ha.

Wir hatten ein Problem. Wohin mit dem riesigen Topf voller Hühnersuppe? Natürlich war die Enttäuschung groß. Wir mußten eine Woche lang Hühnersuppe essen. Vergessen haben wir es nie mehr.

Am nächsten Silvester blieben wir mit unserer Suppe zu Hause und verfluchten die Nachbarn. Aber enttäuscht waren wir nicht mehr.

Unterhaltung