1.3 Küssen verboten?

Ich bin bestimmt der erste Mensch auf Erden, der genau wusste, dass die Sache mit dem Kommunismus keine Zukunft haben würde. Meine ganz private Läuterung offenbarte sich mir an dem Tag in Ostberlin, als sich eine hübsche junge Dame, die ich mir extra ausgesucht hatte, öffentlich weigerte, mich zu küssen. Danach wusste ich Bescheid:

Aus! Aus mit dem Kommunismus.

Augenblicklich hatte ich ins Gesicht des schweigenden Buddha geguckt und das wahre Licht der Welt erblickt. Während alle meine „Landsleute“ im fernen Afrika noch in der Dunkelheit weilten, hatte ich eine hässliche Konfrontation mit der Wahrheit gehabt. Von da an wusste ich, dass dieser Kommunismus zu einer absterbenden Spezies gehören würde.

Nun. Ich bin ein Nichts, aber ich bin ein gläubiger Mensch. Und ein System, in dem ich so gedemütigt werde, durfte einfach nicht erfolgreich sein. Ich vertraute fest an Gott und ich sollte nicht enttäuscht sein. Leider, leider.

Der größte Idiot, sagt ein Sprichwort aus Ghana, ist derjenige, der seine eigenen Lügen glaubt. Deswegen hatte ich Churchill nicht verstanden, als er sagte, er glaube nur den Statistiken, die er selbst gefälscht hatte. Jetzt, mit sechsundfünfzig Jahren, verstehe ich was er damit meinte. Offenbar hatten die Kommunisten aller Länder auch Churchill leider nie verstanden.

Erinnern Sie sich? 1991. Zusammenbruch des gesamten kommunistischen Systems. Ganz Westdeutschland redet von unendlicher Freiheit und so weiter. Kurz danach werden Jagdszenen auf Ausländer in der ehemaligen Republik der Arbeiter und Bauern veranstaltet. Die übrigen Europäer sind überrascht. Ihre Brüder im Osten halten ihnen den Spiegel vor und sie erkennen sich selbst wieder. Auch sie hatten die antifaschistische Fassade, die leeren Parolen Freundschaft und Solidarität in aller Welt für echt gehalten. Jetzt war das rassistische Gesicht Ostdeutschlands zum Vorschein gekommen. Wie gesagt, nur ich war nicht überrascht.

Der real existierende Sozialismus hatte uns Afrikanern sehr früh schon solche Begriffe wie Freundschaft, Internationale und Solidarität beigebracht und wir hatten alles geglaubt, ohne Churchills Spruch zu Herzen zu nehmen. Ein großer Fehler. Erstens weil soviel Wahrheit drin steckt, und weil Afrikaner so leichtgläubig sind. Sie gehörten zu denjenigen, die die propagandistischen Klimmzüge der Kommunisten und der Kapitalisten gleichermaßen für echt hielten. Deswegen ist mancher Europäer auch dann erschrocken, wenn er nach Afrika reist und dort entdeckt, wie weit die armen Menschen dort immer noch in ihrem Irrglauben verfangen sind. Ob es um Christentum oder Islam geht, es gibt kaum eifrigere Verfechter dieser Religionen in der übrigen Welt.
Afrikaner fressen fast blindlings, was andere für sie kochen. Drum glaubten die Menschen in den französischen Kolonien früher, die Gallier seien ihre Vorfahren. Drum haben die früheren Völker in den englischen Kolonien ebenfalls geglaubt, die Queen im Buckingham Palast sei tatsächlich ihre Königin. Auch mit den Ideologien war es ähnlich.

Die absurden Bilder von Marx und Lenin auf den Straßen von Mengistus Äthiopien, wo die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben kann, die surrealistischen Zustände in Machels Mosambik. Während er von der Dialektik schwadronierte, hatte das Volk nichts zu essen. Oder man denke an die lächerlichen Attrappen der Jean Marie Ngouabi, der von der Diktatur des Proletariats sprach. In einem Land ohne Proletarier. Ebenfalls waren die Machenschaften von Zaires Mobutu, von Kaiser Bokassa in Bangui oder gar von Idi Amin, der sich Feldmarschall nannte, zeugen von Afrikas naiven Vorstellungen von Europa. Nur ich, Sohn von Kwame Owusu aus Banso-Anyinasie, glaubte kein Wort von dieser oder anderen Seite. Ich wusste schon Bescheid. Wie das?

Das Fest für die Jugend der Welt, auch Weltfestspiele genannt, hatte 1973 in Ostberlin stattgefunden. Wir, die armen Jungs aus Afrika, waren auch eingeladen, ich war mit von der Partie. Wir wurden wie die Helden am Ostberliner Flughafen Schönefeld und überall sonst stürmisch begrüßt. Ein paar Stunden nach der Ankunft in Ostberlin mutierte ich zum unermüdlichen Freiheitskämpfer für die Sache der Schwarzen auf dem schwarzen Kontinent. Überall wo ich ging, in der Deutschen Demokratischen Republik, fragte man mich, wie der Kampf gegen Apartheid und Rassismus in Südafrika nun stand. Wildfremde Menschen umarmten mich auf der Straße, gratulierten mir und fragten mich nach dem Leben als Guerillero in den Schützengraben von Guinea-Bissau. Ich gab reichlich Auskunft.

Dann kam der Abend am Alexanderplatz. Versammelt war die Weltjugend in einem großen Kreis von fast dreißig Leuten, Männlein und Weiblein. Gespielt wurde ein Spiel, dass ich und meine Freunde bis dahin nicht gekannt hatten. Jeder in der Runde durfte jemand mit einem Halstuch herausholen, in die Mitte des Kreises bringen und ordentlich küssen. Damals war AIDS und andere Gefahren unbekannt. Wow! Wir hatten noch nie weiße Mädchen geküßt. Nichts wie hin. Zu rhythmischen Klatschen wurde tüchtig geküßt, ich kam an die Reihe. Ganz aufgeregt, aber voller Spannung zirkelte ich um die Frauen und angelte mir eine tolle Blondine mit meinem neuerworbenen FDJ-Tuch heraus. So standen wir Mitten im Kreis. Es wurde geklatscht, aber das Mädchen wollte nicht. Voller Scham kehrte ich zu meinen Kumpels zurück.

Wir verließen sofort die Runde fluchend und in Zorn. Für uns war der Kommunismus seitdem tot. Achtzehn Jahre später war der Spuk vorbei. Es geschah dem Kommunismus recht. Auch heute noch meide ich die neuen Länder und ich glaube ich mache dabei gar keinen Fehler. Wie es bei uns heißt: Der Leopard verändert manchmal seine Farbe, aber er verliert niemals seine dunklen Flecken.

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