1.4 Die Probezeit

Ein Sprichwort aus Ghana sagt, niemand schneidet sich einen Stock, der länger ist, als er selbst. Mein Chef, Herr Schutz, war natürlich kein Ghanaer, aber er muss diesen Spruch irgendwie gekannt haben. Zumindest hatte ich nach meiner ersten folgenschweren Begegnung mit ihm dieses Gefühl. Es war an einem Freitag, als ich zu ihm ins Büro gebeten wurde. Ich war fünf Monate vorher bei ihm als Übersetzer eingestellt. Nun galt es festzustellen, ob ich die Probezeit bestanden hatte.

Gleich vorweg. Seiner Meinung nach hatte ich nicht. Und warum? Weil ihm mein Gang nicht gefiel. Und das sagte er mir auch gleich. „Junge. Die Art und Weise, wie Sie hier herumschlendern und auf den Fluren vor sich hin pfeifen. Das geht beim besten Willen nicht. Sie nehmen uns nicht ernst, Sie nehmen Ihre Arbeit nicht ernst, unser Betriebsklima ist bald dahin, wenn jeder so pfeifen und schlendern kann, wie er will. Es tut mir leid, wir können Sie nicht weiter beschäftigen. Sie machen sich lustig über uns. Sie provozieren uns tagtäglich. Wir stellen fest, wir haben einen Fehler bei der Einstellung begangen, jetzt wollen wir diesen Fehler korrigieren. Mit anderen Worten, wir wollen Ihre Probezeit nicht verlängern“, sagte er ganz trocken.

Ich war baff. Wo war ich eigentlich gelandet?. Hier sollte ich eiskalt entlassen werden. Aber mit einem Grund, der mir so unverständlich erschien.

„Haben Sie Fragen“?

Ich musste mir etwas einfallen lassen. Ich hatte eigentlich keine Chance, aber wie man so schön sagt, ich musste sie nutzen, um alles wieder gerade zu biegen. Mein Leben schien an einem seidenen Faden zu hängen. Bloß, was sollte ich sagen?

„Ja. Geht es also gar nicht darum, wie ich arbeite?“, fragte ich unverfroren.

„Sie arbeiten natürlich gut. Aber so wie Sie hier laufen, das geht nicht. Ich habe Sie beobachtet, Herr Jumbe. Jeden morgen schlendern Sie herein, als ob hier ein Freizeitpark wäre. Sie provozieren uns.“

„Ich dachte aber, dass es nur auf die Arbeit ankommt. Wie ich es sehe, habe ich mich getäuscht“ Ich fuhr fort.
„Eines möchte ich machen, egal wie Sie sich jetzt entscheiden mögen. Ich möchte mich für meine saloppe Art zu laufen entschuldigen. Ich hatte nie gewusst, dass sie Entsetzen auslösen würde. Sie können davon ausgehen, dass ich noch lange hier arbeiten möchte. Kein Mensch möchte in seiner Probezeit seinen Vorgesetzten provozieren. Und dennoch darf ich hinzufügen, dass ich zutiefst enttäuscht bin. Die ganze Zeit dachte ich, in Deutschland kommt es lediglich auf die Arbeit an. Sonst wäre ich selbstverständlich anders gelaufen. Und ich habe noch eine Frage. Wenn es so schlimm war mit meinem Gang, warum hat keiner auch nur ein Wort gesagt? Nur ein freundlicher Wink von oben hätte genügt, und ich hätte mindestens eine Chance gehabt mich zu verändern. So werde ich für eine Lappalie bestraft“.

Der Chef bat um Bedenkzeit von zwei Tagen. In dieser Zeit wollte er prüfen, ob mein Gang etwas dynamischer würde. Meinem damaligen engsten Kollegen, mit dem ich gleichzeitig eingestellt wurde, erzählte ich voller Entsetzen, was vorgefallen war.

„Ja, Junge, holte er aus. Das muss du wissen. Die Deutschen haben eine ganz andere Vorstellung von Disziplin“, versuchte er zu erklären. „Sie haben den militärischen Drill erfunden, seit Jahrhunderten marschieren sie. In den Krieg, zur Arbeit, in der Freizeit. Sie sind stolz darauf und werden sich dies nicht von einem daher gelaufenen Afrikaner zerstören lassen“, sagte er ganz ironisch zu mir.

Lange Rede, kurzer Sinn. In den mir verbleibenden zwei Tagen lief ich wie ein Derwisch herum, mit geradem Rücken, ernster Miene und etwas mehr Nachdruck im Schritt. Ich muss ganz traurig bei meiner Verteidigung ausgeschaut haben. Nach den zwei Tagen rief mich der Chef erneut zu sich. Meine Stunde der Wahrheit hatte geschlagen. Herr Schlei hatte als Jugendlicher im letzten großen Krieg schon mitgewirkt und war kein Mann von vielen Worten. Er kam gleich zur Sache.

„Sie dürfen bleiben, aber wir werden Sie beobachten,“ sagte er ganz trocken.

Von da an hatte ich meine Lektion gelernt. Mit Europa, speziell Deutschland, sollte kein Afrikaner scherzen. Ich habe es seitdem nicht mehr getan. Jetzt laufe ich ordentlich gerade herum, und ich bin schnell, selbst ohne Grund. Meine Kollegin guckte mich neulich komisch an und bemerkte, ich wäre furchtbar deutsch geworden. Irgendwie überhastet, steif und nüchtern. Mein Gott. Was soll ich machen?

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