1.5 Die Entlassung

Ich arbeitete einst als Übersetzer in einer Mess- und Regeltechnikfirma in Frankfurt am Main. Sechzehn mehr oder weniger glückliche Jahre lang. Ich verstand mich prächtig mit meinen Kollegen und Vorgesetzten. So gut, dass ich eines Tages ausgewählt wurde, bei der Vorbereitung einer Firmenbroschüre für die Werbeabteilung mit zu wirken. Dabei sollte die Internationalität der Firma heraus gestrichen werden. Mit von der Partie war noch ein Mitarbeiter aus Indien, der genug „exotisch“ aussah, dass er ebenfalls für die Zwecke qualifiziert war. Es machte Spaß mit den Fotografen zu arbeiten, ich war stolz, für den Erfolg unserer Firma mitwirken zu dürfen.

Am gleichen Nachmittag nach der letzten Fotositzung ging ich fröhlich in die Kantine essen. Mein Chef saß mit am Tisch und erkundigte sich ziemlich intensiv nach den Arbeiten, die ich in hohen Tönen pries. Er war sichtlich zufrieden. Nach dem Essen bat er mich, ihn zu sich ins Büro zu begleiten. Ich dachte nicht weiter darüber nach. Oft genug musste ich Briefe für ihn schnell übersetzen, diese Einladung war also nicht ungewöhnlich.
„Nehmen sie bitte Platz, bat er mich.“ Dies sagte er allerdings mit so eine Miene, dass ich befürchten musste, dass etwas nicht in Ordnung war. Seine Freundlichkeit von vorhin war gänzlich gewichen. Er mied den direkten Augenkontakt.

„Sie werden verstehen, dass was ich Ihnen zu sagen habe, mir keinen Spaß macht, eröffnete er. „Ich bin leider der Überbringer einer sehr schlechten Nachricht. Von der jüngst abgehaltenen Betriebsversammlung wissen Sie mit Sicherheit, dass es unserer Firma nicht mehr gut geht. Die Lage ist in der Tat so schlimm, dass wir uns leider gezwungen sehen, Anpassungen vorzunehmen. Gestern ist die Entscheidung gefallen, die ganze Übersetzungsabteilung zu schließen. Dies bedeutet, dass Sie mit Beendigung Ihrer Kündigungsfrist von sechs Monaten nicht mehr bei uns beschäftigt sein werden.“ Während er den letzten Satz herunter spulte, holte er einen blauen Brief von seinem Schreibtisch und übergab ihn mir. Hiermit war ich entlassen.

Mit den Worten „vielen Dank für die langjährige, erfolgreiche Zusammenarbeit“, beendete er unsere kurze Unterredung, die ihm bestimmt keine Freude gemacht hatte. Ich lief wie besoffen aus seinem Büro raus, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Der Schock war überwältigend. Und die Enttäuschung. So einfach war es also. Innerhalb der letzten zehn Minuten war mein Leben ganz anders geworden. Ich hatte keine Zukunft mehr.

Vor allem fühlte ich mich verarscht, auf gut Deutsch.

Wochen später wurde die neue hoch Glanz Broschüre unserer Firma publiziert. Auf der dritten Seite war ich schön abgebildet, wie ich mich mit deutschen Experten unterhalte. Von anderen Abteilungen bekam ich Anrufe von Arbeitskollegen, die Gratulationen für den gelungenen Auftritt aussprachen. Von meiner Entlassung wusste natürlich niemand, außer den engsten Mitarbeitern. Einige der guten Freunde rieten mir, meine Zusage für die Werbung zurück zu ziehen und die Broschüren einstampfen zu lassen. Ich entschied, alles so laufen zu lassen.

Acht Jahre sind seitdem verstrichen. Inzwischen wurde meine alte Firma bereits dreimal weiterverkauft, aber neulich rief ein ehemaliger Kollege an. „Du, dein Bild wird noch weiter gedruckt, berichtete er. Lässt Du das immer noch zu?“

„Ja“, sagte ich. Vielleicht gibt es noch jemand bei Euch, der merkt, dass ich immer noch meine Niederlagen wie Siege feiern kann. Oder ist es vielleicht zu hoch für die, das zu verstehen?“

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