Halbwahrheiten
1.7 Der rassistische Hund
Stephen Mensah kommuniziert immer noch mit seinem alten Lehrer. Dieser lebt mittlerweile wieder in seiner Heimatstadt Notre Dame, im Staate Indiana der USA. Es ist bald vierzig Jahre her, dass Stephen, mein Zimmer Nachbar von Berlin-Moabit, seine Schullaufbahn in Ghana beendete. Trotzdem wird er ständig vom schlechten Gewissen geplagt, wenn er einen Brief von diesem alten Mann in Amerika bekommt. Stephen hat nämlich den Hund seines früheren Gymnasiallehrers auf dem Gewissen. Es kam so.
Jerome Chandler, der Lehrer, verstand die Welt nicht mehr. Aus einem unerklärlichen Grund war Jupiter, der Hund der Missionare des Heiligen Kreuzes in Sekondi Ghana, ziemlich bissig geworden. Seltsamerweise und zum Verdruß seiner Besitzer war er Rassist geworden. Seit dem letzten Schülerstreik vor einigen Tagen bellte Jupiter nur schwarze Menschen an und wurde richtig böse, wenn er Schülern des Gymnasiums begegnete. Neulich, als ein Schüler mit ihm spielen wollte, ging Jupp (so nannten wir ihn liebevoll) plötzlich auf ihn los und biss ihn ganz fest in die Wade. Aus Furcht vor Tetanus musste der Schüler schnell nach Effia-Nkwanta ins Krankenhaus, sechs Kilometer weiter südlich in Richtung Takoradi, gefahren werden.
Was war nur mit Jupiter los? Es war richtig peinlich für die weißen Missionare aus Amerika. Jedes Mal, wenn Jupiter wieder einmal einen Schwarzen anbellte, hieß es in der unmittelbaren Nachbarschaft, na ja, kein Wunder. Es ist ein amerikanischer Hund und er verhält sich halt wie alle weißen Amerikaner. Viele waren der Meinung, die Missionare hatten den armen Hund so dressiert, dass er einfach Afrikaner nicht ausstehen konnte. Gerade in den sechziger Jahren, als der Kampf der Schwarzen, geführt von Martin Luther King, in der ganzen Welt für Furore sorgte. Alle die Jahre war Jupiter ein lieber Hund gewesen. Er kam zu den Missionaren nach St. John’s, ein gutgeführtes, katholisches Gymnasium, als er gerade zwei Wochen alt war. Alle Schüler kannten und liebten Jupiter, der wiederum sämtliche Schüler zu kennen und lieben schien. Wie oft hatte er mit wedelndem Schwanz am Straßenrand gestanden, bis jemand kam, der mit ihm spielen wollte.
Jupiters Leben veränderte sich abrupt an dem Tag, als ein Schüler mit eigenen Augen sah, wie Jerome Chandler, unser Lehrer, diesen Hund mit frischen Eiern fütterte.
„Was?! Und uns geben diese scheiß Missionare jeden Morgen Grießbrei. Der blöde Hund schleckt täglich Eier, er ist also besser als wir“, hieß es unisono bei uns Schülern. Der Hass auf den Hund, der Eier fraß, war von nun an ausgebrochen. Der Schülerrat beschloss, ab jetzt sollte kein Schüler mehr mit diesem Hund spielen. Jedes Mal, wenn Jupiter in Sicht kam, zutraulich wie immer, wurde er von manchen Schülern getreten. Besonders an dem Tag, als die Schüler für Frühstückseier streikten, wurde Jupiters Leben ungenießbar. Der arme Hund wurde aber auch von jedem getreten, wenn keiner der Missionare präsent war. Seitdem war Jupiter natürlich allergisch auf die Schüler und besann sich seinerseits auf Rache.
Als die Situation für die ahnungslosen Missionare immer peinlicher wurde, entschieden sie sich, Jupiter einschläfern zu lassen. Gesagt, getan. An einem Freitag, nach der Schule brachte William Gates, der jüngste Missionar in der Gruppe Jupiter nach Sekondi, wo er sofort mit einer tödlichen Spritze ins Jenseits befördert wurde. Als die Schüler von Jupps Tod hörten, waren sie entsetzt.
Was anfing als ein kleines böses Spiel, hatte ein tödliches Ende gefunden. Das wollten sie natürlich nicht. Es wurde das größte Geheimnis der Schüler von St. John’s. Bis heute. Und Stephen hat es immer noch nicht verwunden. Manchmal möchte er nicht mehr mit seinem alten Lehrer korrespondieren, aber er ist sich auch nicht sicher, was dann passieren würde. Jetzt hofft er, dass der alte Mann irgendwann diese Zeilen hier ließt, damit er die Erklärung für Jupps Tod erfährt. Noch eine Schwierigkeit. Der alte Mann versteht aber immer noch kein Deutsch. Ein echtes Problem!