Halbwahrheiten
1.8 Die Nachbarin
Frau Zitzwitz lebte mit ihrer Tochter neben meinem Büro in Bad Vilbel. Sie war 68 Jahre alt und Witwe. Ihr Mann, sagt sie, war ein feiner Mann, der im zarten Alter von 24 im letzten Krieg gefallen war. Ja, gefallen hat sie gesagt. Nicht einfach erschossen, nicht getötet. Gefallen war er im Krieg. Hinterhältig von einem polnischen Partisanenkommando bei Breslau umgebracht, eiskalt. Zurück gelassen hatte er eine junge Frau und eine sechs Monate alte Tochter, die Elfriede heißt. Inzwischen ist sie schon 55 und immer noch unverheiratet.
Vor den beiden war meine Nachbarin eine freundliche Italienerin, die ab und zu mit mir italienisch Sprach. Ich hatte früher ganz passables italienisch gesprochen, bis ich deutsch lernte. Aber heute noch reichte es, um die Dame zu begeistern. Sie zog aus. Zu teuer war die Miete geworden, sagte sie. Eines morgens komme ich aus meinem Büro raus und laufe in Richtung Fahrstuhl, um den Briefkasten zu leeren. Mein Pech, die alte nette Dame wartete schon. Sie hatte immer etwas auf den Lippen.
„Zeigen Sie mir bitte Ihre Hand, Herr Ghana. Sie sind mir nicht böse, wenn ich Sie Herr Ghana nenne, oder? Für uns sind Sie es, ein richtiger Repräsentant Ihres Landes. Und Ihren richtigen Namen würden wir uns sowieso nie merken.“
Sollte ich nun meine Hände zeigen oder nicht? Ich entschied ja, und zeigte brav meine Hände. Für alle, die es noch nicht wissen. Die Innenseite der Hände von schwarzen Menschen ist hell und ein riesiger Kontrast zur übrigen dunklen Haut.
„Warum?“, fragte sie. „Warum sind ihre Hände weiß, Herr Ghana?“. Ich überlegte und fand keine passende Antwort. Aber bevor überhaupt ein Wort aus meinem Munde kam, fuhr sie fort. „Darf ich Sie mal kurz anfassen, Herr Ghana?“ Sie durfte. Sie fasste mich an und ging ganz zart über die Rückenpartie meiner Hand.
„Warum ist Ihre Haut so glatt und zart, Herr Ghana?“
Es wurde mir langsam zu viel. Aber was sagt man zu einer alten freundlichen Dame, die noch nie einen Afrikaner angefasst hat? Ich versuchte, so nett wie irgend möglich zu sein, und dachte an Wole Soyinka (Afrikas zweiter Literatur Nobelpreisträger) und sein Gedicht „Telephone Conversation“.
„Wissen Sie“, fing ich an. „Wir werden doch in ihre Sprache als farbig bezeichnet, nicht wahr? Wir sind es wirklich! Gucken Sie meine Zähne an. Sie sind nicht schwarz. Mein Blut ist rot und kann auch in die Blutbahnen der Europäer gepumpt werden, wenn es sein muss. Die Innenseite meines Fußes ist auch hell und an manchen Stellen am Hintern bin ich besonders dunkel. Kommt vom zu vielen sitzen, wissen Sie? Wirklich!“