2.1 Grenzübergang Funchal

Als Franz Fanon sein Buch „Die Verdammten der Erde“ während des Algerien-Kriegs gegen Frankreich schrieb, hatte er bestimmt nicht an mich oder an Grenzübertritte von Afrikanern in Europa gedacht. Aber der Spruch passt genau. Es ging ja im Buch schließlich um die Stellung des Afrikaners bzw. Afrika-stämmigen in Europa und in der übrigen Welt. Damals hatte das Buch für Furore gesorgt. Ich hatte es als Junge gelesen, aber damals noch nicht richtig verstanden, was der gute Mensch aus Martinique konkret meinte. Bis ich nach Europa reiste...

Zugegeben, heutzutage ist das Reisen in Europa wahrhaftig einfach geworden, selbst für Afrikaner. Dank Schengen kann ich von Palermo bis zum Nordkap trampen, wann ich will. Aber vor ein Paar Jahren noch, bevor Begriffe wie „Schengen“ in Mode kamen, war die Sache mit den Grenzübertritten in Europa gar nicht so einfach für Afrikaner. Und da hatte Fanon recht.

1984 machte ich Urlaub mit meiner Frau Marion und unseren zwei kleinen Kindern auf Madeira, der schönen portugiesischen Insel im Atlantik. Am Flughafen von Funchal angekommen, durfte ich einen sehr großen Eindruck auf die Grenzbeamten dort gemacht haben. Sie verlangten ordnungsgemäß meinen Reisepass und bekamen ihn auch. Dann fingen die Probleme an. Offensichtlich wussten sie nicht, was sie mit einem Pass aus Ghana anfangen sollten. Früher war Ghana ein engagierter Kritiker der portugiesischen Kolonialpolitik in Afrika gewesen. Damals war es Ghanaern nicht gestattet, nach Portugal einzureisen. Aber das war lange her. Inzwischen war Portugal selbst eine Demokratie geworden, die Kolonien schon lange unabhängig. Diese Zeiten, dachte ich, waren längst vorbei.

Ein Beamter mit finsterer Miene guckte auf den Reisepass, winkte mich zur Seite und ließ die anderen Passagiere durch. Er sagte nichts, reichte den Pass nur an einen anderen Beamten weiter und ging seinen Pflichten weiter nach. Dieser verschwand mit meinem Pass hinter einer Tür. Aus früheren bitteren Erfahrungen klüger geworden, hatte ich ein Visum für Portugal besorgt. Aus meiner Sicht gab es also keinen offensichtlichen Grund für die jetzige Verzögerung. Es war eine TUI-Pauschalreise gewesen, ich war der einzige Afrikaner an Bord der Boeing 737 der Condor-Maschine. Rund einhundertundzwanzig Leute gingen an mir vorbei und wurden von ihren Veranstaltern in Empfang genommen. Zwanzig Minuten gingen vorbei. Ich stand noch wie geparkt da, keiner sagte etwas. Alle fünf Minuten sah ich, wie der Beamte mit meinem Pass von einer Tür in die andere verschwand, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich wartete. Meine kleine Frau hatte sich geweigert, mit unseren Kindern weiter zu gehen und stand an meiner Seite. Fragende Blicke von vorbei gehenden Menschen sagten uns, das wir wohl etwas verbrochen hätten. Inzwischen saßen alle die TUI-Passagiere im Bus und warteten ungeduldig auf uns. Es wurde durchgezählt. Noch vier Passagiere, die in Frankfurt an Bord gegangen waren, fehlten. Ohne sie konnte man nicht starten. Alle im Bus versicherten dem dort ansässigen Reiseleiter, den fehlenden Afrikaner mit einer ziemlich blassen Frau und zwei etwas dunklen Kindern an Bord des Flugzeugs gesehen zu haben. Warum er denn nicht käme, konnte niemand erklären.

Vielleicht ist er mit Drogen oder Schmuggelware erwischt worden? Keine Ahnung.

Ich war mir sicher, dass gegen mich nichts vorliegen konnte und entschied mich, geduldig zu warten. Ich war mittlerweile amüsiert und fragte mich, worauf diese Verzögerung zurückzuführen seien. Es passierte immer noch nichts.

Nach gut vierzig Minuten des Wartens öffnete sich plötzlich eine Tür. Heraus kam ein großer Mann in Militäruniform, grüßte mich höflich in fließendem Englisch, fragte nach meinem Namen, gab mir meinen Reisepass zurück und winkte mich durch.

Keine Erklärung, keine Entschuldigung. Triumphierend gingen wir nun zum wartenden Bus. Dort angekommen, spürten wir die gereizte Stimmung der Wartenden. Viele der Mitreisenden rollten die Augen, einige atmeten tief durch, andere schüttelten ungläubig den Kopf. Nur eine ältere Dame fasste genug Mut und fragte mich ziemlich unwirsch, was ich in Gottes Namen vierzig Minuten im Flughafengebäude getan habe, wo ich doch genau wusste, dass alle auf mich warteten!

Glauben Sie mir, ich fand zunächst keine passenden Worte.

„Gnädige Frau“, sagte ich dann ganz cool, „anstatt im Bus zu sitzen und sich zu wundern, wo ich bleibe, hätten Sie genau diese Frage auch ruhig den Grenzbeamten stellen können. Es hätte vielleicht geholfen. Mir hat bisher auch keiner was gesagt.“

„Na sowas!“

„Ja, na sowas!!

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