Halbwahrheiten
2.2 Visum für Österreich
Ich lebte lange in Deutschland und unterrichtete Fremdsprachen an einer Gesamtschule bei Frankfurt. Reisen war und ist meine Leidenschaft und ich wollte einmal in meinem Leben das Heimatland von Hitler sehen: Österreich. Nein, natürlich nicht wegen Hitler, sondern weil Österreich als ein sehr schönes Land galt. Nun war die Sache für mich nicht so unkompliziert wie für meine deutsche Frau. Während sie überhaupt keine zusätzlichen Papiere benötigte, musste ich mir ein Visum für Osterreich besorgen. Unsere ganze Reise sollte eine Art Tour durch mehrere Städte sein und drei Tage dauern. Ich suchte das österreichische Konsulat in Frankfurt am Main auf und erhielt die entsprechenden Formulare, die ich an Ort und Stelle ausfüllte. Die Frage nach Bekanntschaften, Ziele und Referenzadressen in Österreich ließ ich unbeantwortet, ich kannte wirklich niemand dort und wusste von keinem Hotelnamen, da ich noch nicht einmal wusste, wo wir übernachten würden. Mein Nichtwissen erschien mir als nur all zu selbstverständlich. Zurück zur diensthabenden Beamtin. Sie warf nur einen Blick auf das Formular und gab es mir wieder zurück. Ohne eine Anschrift in Österreich könnte ich beim besten Willen nicht hin reisen, versicherte sie mir ganz unverblümt. Meine etwas unbeholfenen Einwände, dass ich keine Menschen und deswegen keine Adressen dort angeben könne, ließ sie nicht gelten.
„Sie können sich entscheiden, ob sie nach Österreich wollen oder nicht. Und wenn sie keine Hoteladressen kennen, dann suchen Sie sich welche.“
Ja, woher findet ein armer Afrikaner in Frankfurt die Anschrift eines Österreichers den er nicht kennt oder eines Hotels, in dem er gar nicht vor hatte, zu schlafen? Ich ging ängstlich zurück zu der Beamtin und fragte, ob sie mir doch nicht helfen könne. Sie war schließlich die einzige Person aus Österreich, die ich jemals in meinem Leben kennen gelernt hatte. Diese Nachricht überraschte sie sichtlich und ich meinte, ein unauffälliges Lächeln auf ihren Lippen gesehen zu haben, das sie aber schnell zu kaschieren versuchte. Sie sagte nichts, hob von ihrem eleganten Schreibtisch ab und winkte mich zu sich ans Fenster, dass auf die Hauptwache, Frankfurts Einkaufszentrum, öffnete. Dann zeigte sie auf ein hohes Gebäude circa 200 Meter von uns entfernt.
„Sehen Sie das lange Gebäude da?“ Ich bejahte. „Es steht auf der Schillerstraße. Gehen Sie dort hin. Im Erdgeschoss dort befindet sich ein Büro des ADAC. Verlangen Sie dort nach einem Hotelverzeichnis für Österreich. Darin sind sehr viele Anschriften. Nehmen Sie einfach eine Hotelanschrift, tragen Sie sie auf das Formular ein und bringen Sie es wieder hier her. Ich werde Ihren Antrag dann prüfen und eventuell ein Visum gewähren, wenn alles stimmt.“ Ich ging natürlich schnell hin, fand das Büro, schrieb eine Adresse nieder und kam zurück mit dem Antrag ins Konsulat, wo ich schnell mein Visum bekam.
Bis heute habe ich die Anschrift nicht vergessen: Pension Foidl, Untergasse 14, A – Kitzbühel. Wir reisten ein paar Tage später in Österreich ein. An der Grenze in Kufstein wurde mein Visum ordnungsgemäß gestempelt und wir durften weiter fahren. Keine Frage, ob ich in Kitzbühel bleiben wollte. Also fuhren wir an Kitzbühel vorbei und verbrachten unsere erste Nacht auf österreichischem Boden in einem Ort genannt Sankt Anton. Diese Tatsache interessierte aber niemanden in Österreich. Uns auch nicht mehr. Trotzdem frage ich mich heute noch, was das eigentlich sollte.