2.3 Wir fahren nach Luxemburg

Den Spruch, es regnet nie, es gießt, hatte ich nie richtig verstanden, bis ich eines Tages eines Besseren belehrt wurde. Margarethe, meine Freundin seit meinen aller ersten Tagen in Deutschland, geht nicht mehr zur Kirche. Dies allein wäre eigentlich keine Nachricht, wenn die Umstände nicht so anderes gewesen wären. Schließlich geht die Mehrheit der Deutschen nicht zur Kirche. Nein, Margarethe ist einfach sauer auf die Katholische Kirche. Und zwar aus einem ganz spezifischen Grund. Sie hat einige katholische Mönche in Verdacht, sie beklaut zu haben.

Es geschah ausgerechnet in Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx. Was haben wir als Studenten in Afrika nicht alles getan, um seine Ideen zu unterstützen! Jetzt wo ich in Deutschland war, war ich wirklich auf diese Stadt gespannt, ich wollte sie unbedingt kennen lernen. Trier ist für viele Leute in erster Linie bekannt als die Heimatstadt Karl Marx’. Für mich und meine Freunde bringt der Name Trier ganz andere Assoziationen. Und auch heute noch haben wir ein ganz besonderes Verhältnis zu dieser Stadt.

Wir machten gerade Urlaub an der Mosel. Wir, das waren meine Frau, unsere zwei Kinder und ich. Ebenfalls mit von der Partie war die Familie Schenker, ein befreundetes Ehepaar aus Rendel, unserer Nachbargemeinde. Familie Schenker bestand aus Mama Margarethe, Papa Klaus und Melanie, die Tochter. Eines Morgens, während einer Rast in der Nähe von Buley an der Mosel, stellten wir fest, dass wir gar nicht so weit von der Stadt Luxemburg entfernt waren. Wir beschlossen ganz spontan einen Ausflug am nächsten Tag dorthin zu machen. Von Margarethe, einer waschechten Kommunistin aus fröhlicheren Tagen, lernte ich, dass Trier eine ehrwürdige alte Stadt mit viel Geschichte an der Grenze zu Luxemburg war. Dort steht zum Beispiel die Porta Westfalica, eine gut erhaltene römische Sehenswürdigkeit. Jedes Jahr wurde die Stadt von Tausenden besucht. Also nichts wie hin.

So kamen wir eines schönen Samstagmorgens in Trier an. Unser Plan war, erst ganz gemütlich frühstücken, uns auf den Weg zu machen und Mittags irgendwo unterwegs ein Picknick machen. Wir kauften entsprechend ein: reichlich Obst für die Kinder, Fischkonserven, Salami, Schinkenspeck, Baguettes, Oliven, Butter und etwas zu trinken. Alles vom feinsten. Wir vergaßen auch nicht die Decken und Matten, sogar Nachtisch hatten wir dabei. Wir fuhren los und kamen auch gegen Mittag in Trier an. Da, wo wir unseren Kleinbus parkten, war wie ausgesucht, genau gegenüber befand sich die imposante Kathedrale von Trier. Was lag also ferner als die Kathedrale zu besuchen, zumal Margarete Kunstgeschichte studiert hatte und sich für Kirchen wahnsinnig interessierte. Trotz viel Appetit auf das Mitgebrachte entschieden wir, zunächst die Kirche zu besuchen und gleich danach in aller Ruhe zu picknicken. Wir nahmen die schweren Tüten mit dem Essen mit in die Kathedrale, ich als starker Mann trug sie.

Die Kirche war wirklich grandios und wir machten unsere Runden von Altar zu Altar. Dann waren die Katakomben mit den Grabstätten von Bischöfen und Kardinälen dran. Die Atmosphäre in der Kirche wurde noch erbauungsvoller mit den Gregorianischen Gesängen der Mönche, die gerade beim Gebet waren. Wir alle waren sehr bewegt. Allmählich wurden meine Arme schwer vom Tragen. Ich entschied, die schwere Tüte an einer der großen Säulen in der Kirche anzulehnen und mich richtig umzusehen. Es waren ja nichts als Fressalien drin und wir waren schließlich in Deutschland. In einem Land, wo keiner wegen Mangel an Essen darben musste. Wer wollte schon Essen klauen, zudem noch in der Kirche?
Nach etwa dreißig Minuten in der Kirche hatten wir alle genug und wollten mit unserem Picknick beginnen. Ich kehrte zu der großen Säule zurück, nur die Tüte war nicht mehr da.

„Margarethe, das Essen ist weg!“, schrie ich voller Entsetzen.

„Wie, das Essen ist weg? Weg wohin?“

Das weiß ich doch nicht. Sie stand doch vor 5 Minuten noch genau hier. Jetzt ist sie nicht mehr da“

Das gibt’s doch nicht!

Ich bin darauf hin ziellos durch die Kirche geeilt und hielt Ausschau nach der Tüte. Andere Besucher schwirrten lautlos umher und wussten nichts von meinem Kummer. Ein Mönch kam vorbei. Ich rannte zu ihm und fragte, ob er vielleicht die Tüte aus gutgemeinten Gründen beiseite geräumt hatte. Nein, er hatte keine Tüte gesehen. Etwa zehn Minuten lang suchten wir die ganze Kirche ab, keine Tüte. Nun war die Katastrophe perfekt. Es war samstags, damals machten alle Geschäfte spätestens um halb eins zu, danach hätten wir keine Möglichkeit einzukaufen. Wir mussten uns jetzt beeilen, um mindestens etwas für die Kleinen zu kaufen. Wohin gehen? Keiner von uns war jemals in Trier. Keiner wusste wo die Geschäfte waren. Wir fragten nach der Fußgängerzone. Die Zeit drängte, es blieben uns nur noch zehn Minuten vor Ladenschluss. Bis wir im Geschäftsviertel ankamen, waren natürlich alle Geschäfte schon zu. Wir machten uns schnell auf den Weg zur nächsten Imbissbude, denn nicht nur unsere Kinder waren hungrig geworden, wir selbst hatten inzwischen Hunger bekommen. Wir fraßen, was uns in die Finger kam: Currywurst bzw. Bratwurst mit Pommes und Cola dazu. Unser eigentliches Ziel Luxemburg lag noch vor uns und die Zeit drängte. Wir fuhren weiter zur Grenze nach Wasserbillig. Wir waren fast mit unserem Auto über der Grenze, da tönte eine schrille Pfeife von einem luxemburgischen Grenzbeamten.

„Sie wollen wohin?“

„Nach Luxemburg!“

„Haben Sie einen Reisepass für den jungen Mann auf dem hinteren Sitz? Wo kommt er überhaupt her?“

„Der junge Mann kommt aus Ghana, lebt in Frankfurt und will mit uns nur zwei Stunden lang die Stadt Luxemburg besichtigen, antwortete Margarethe ganz cool.“

„Geht nicht ohne Visum. Auch nicht für zwei Stunden. Ich mache nur meinen Job. So sind unsere Vorschriften. Wenn Sie Beschwerden haben, können Sie sie entweder in Bonn oder Luxemburg vorbringen. Für jetzt tut es mir aber Leid, Sie können nicht weiter reisen.“

Mit nichts konnten wir diesen Beamten umstimmen. Wir mussten unverrichteter Dinge wieder zurück nach Trier und weiter zum Campingplatz an der Mosel.

Seit dem hatte ich oft die Möglichkeit, nach Luxemburg zu fahren aber bis jetzt weigere ich mich standhaft, diese Stadt zu besuchen. Ich habe auch meinen Stolz. Jetzt wo ich könnte, möchte ich es nicht mehr. Das haben die Luxemburger zu verantworten. Mir ist es wirklich egal. Lieber würde ich mir in die Zunge beißen, als einfach so nach Luxemburg zu fahren. So toll kann es gar nicht sein.

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