Halbwahrheiten
2.4 Flughafen Stanstead
Mein Flugzeug aus Frankfurt kommend landete pünktlich in Stanstead bei London. Es war mein erstes Mal in England. Ich war auf Geschäftsreise in Sachen Bücher. Damals hatte ich gerade meinen ersten Reiseführer im Selbstverlag publiziert und suchte nach Vertriebsmöglichkeiten auf der Insel. Ich hatte Air UK gewählt, sie war die preiswerteste Gesellschaft, operierte aber nur von Stanstead aus. Keine Ahnung, wo dieser Flughafen lag, aber das war nicht so wichtig. Hauptsache England, ich würde dann weiter sehen.
Stanstead ist wahrscheinlich der modernste Londoner Flughafen. Sehr futuristisch geplant und großzügig in der Landschaft eingebettet. Durch endlose Gänge hindurch wurden alle Passagiere zur Ankunftshalle gelotst. Diese war fast ein Kilometer vom Flugfeld entfernt, ein automatischer Zug ohne Fahrer brachte uns lautlos und sicher hin.
Wie üblich musste man sich in die langen Schlangen einreihen für die Paß- und Einreisekontrollen. Insgesamt waren wir nur siebzig Personen in der kleinen Maschine, es herrschte nicht soviel Betrieb in der Halle. Sogar am Kontrollschalter saßen nur zwei Personen, die die Einreisepapiere kontrollierten. Links, die Personen aus der Europäischen Union, rechts, die Europäer aus Nicht-EU-Staaten und in der Mitte, die Personen außerhalb Europas. Das war die Linie für mich und an dem Tag war ich der einzige Nicht-Europäer an Bord. Nachdem alle die anderen zügig ihre Ausweise gezeigt hatten, und niemand mehr in EU-Schlange stand, wechselte ich in die EU-Schlange als Letzter. Die Dame schaute auf meinen Paß: Republic of Ghana.
„Ghana ist kein EU-Land“, verkündete sie ganz süffisant. „Warum stehen Sie in der EU-Schlange?“ Ich fing mit einer Erklärung an, aber die Dame wartete nicht. Sie stand auf, wechselte ins benachbarte Kabine, nur mit einer dünnen Pappwand getrennt, aber mit der Aufschrift „Andere Länder“, nahm Platz und verlangte von dort cool meinen Paß. Ich dachte, ich wäre in einem falschen Film. Ich konnte nicht mehr und fing an zu lachen. Auf diese blöde Art, die meine Frau auch nicht leiden kann. Ich fand diese Situation filmreif und komisch, die Engländerin aber überhaupt nicht. Sie guckte streng vor sich hin, fingerte meinen Paß wie dreckige Wäsche, stempelte ihn ordnungsgemäß und gab ihn mir wieder. Ich lachte wieder und ging fort, den Kopf schüttelnd.
Unterwegs in die Londoner City ging mir diese Episode nicht aus dem Kopf. Als Student hatte ich sehr gern Molière gelesen. Und diese Geschichte hier erinnerte mich sehr an einer Szene in L’Avare (der Geizkragen). Da, wo der Koch und Gärtner darauf besteht, nur mit Kochmütze erst als Koch angesprochen zu werden. Gar nicht aus der Luft gegriffen! Es passiert auch heute noch. Am Flughafen Standstead, zum Beispiel, kann es jeden Tag passieren. Irgendwie war ich froh, dass es mir passiert war. Ich lache heute noch mit Wonne darüber. Immer wenn meine Freunde mich nach Unterschiede zwischen Europa und Afrika fragen, erzähle ich diese Geschichte. Mit Sicherheit kann ich behaupten, dass so etwas niemals in Afrika stattfinden könnte.