2.5 Auf der Post

Als Folge der letzten Postreform wurde die ehrwürdige Hauptpost in einem düsteren grauen Gebäude an der Nidder in Bad Vilbel geschlossen. Es gab ein Sturm der Proteste. Die Omas und Opas protestierten, weil ihre Wege nun lange sein würden. Lkw-Fahrer weigerten sich, die Alternative auf der Frankfurter Straße anzunehmen, weil man auf der Hauptstraße nicht parken könne. Aber die Reform kam trotzdem. Die Privatisierung fand statt, eine Firma genannt McPaper übernahm die örtliche Post, die sich nun im neuen, modernen Stil präsentierte. Die angestammten Postbeamten wurden teils übernommen, teils pensioniert und teils entlassen. Neue Verkäuferinnen wurden eingestellt und mit neuen Uniformen und Namen auf der Brust versehen. Für Corporate Identity, hieß es süffisant aus der Führungsetage der Post. Dann mussten die Damen den Umgang mit dem Computer lernen. Die meisten taten sich schwer. Ergebnis waren lange Schlangen an den Schaltern und höchst unzufriedene Kunden. Das war aber nicht das größte Problem. Sie mussten auch Geographie lernen, um zu bestimmen, wo die jeweiligen Länder für die zahlreichen Briefen lagen.

Eines Tages komme ich mit einem Brief in das Vereinigte Königreich. Die diensthabende Dame dreht den Umschlag mehrmals herum, sagt nicht weshalb oder wonach sie sucht. „Kann ich Ihnen helfen“, frage ich vorsichtig. „Habe ich etwas vergessen?“

„Wo ist das Vereinigte Königreich? Amerika ist es ja wohl nicht, oder?“ Als Entschuldigung fügte sie hinzu, dass man ja nicht alles wissen könne. Nein, natürlich nicht, versicherte ich. Dieser Brief sollte nach Großbritannien geschickt werden, sagte ich.

Ein anderes Mal komme ich mit einem Brief, den ich an einer Freundin in Calheta auf Madeira senden will. Obwohl ich ein „P-“ davor gesetzt hatte, wie von der Post selbst vorgeschrieben, wusste kein Mensch auf der Post, wo nun Madeira lag. Erst schaute die Postdame auf die große Weltkarte, die sie alle haben und sagte triumphierend, „Atlantik.“ Dafür sollte ich für den unter 20 g Brief 3 DM bezahlen. Zu ihrem Erstaunen weigerte ich mich, diesen Betrag zu bezahlen, mit dem Argument, dass Portugal wohl doch im Sinne der EU Inland sei.
„Ja, Portugal, aber nicht Madeira“, entgegnete sie bestimmt. Ich verlangte nach dem Chef, der kurz daraufhin kam und die Gemüter besänftigte. Madeira war Inland und mein Brief kostete nun eine 1,10DM, wie es sich gehört. Die Postdame vergaß nicht mein Gesicht mit dem triumphierenden Blick.

Ein anderes Mal kam ich mit einem Brief, dessen Empfänger in Côte d’Ivoire war. Ich wusste, dieser Name würde besonders heikel werden. Just zwei Wochen davor hatte die Post selbst in allen Zeitungen abdrucken lassen, dass die Regierung der Elfenbeinküste fortan nicht mehr wünschte, den Namen ihres Landes in allen erdenklichen Sprachen übersetzt zuzulassen. Hoch offiziell sollte international das Land einfach Côte d’Ivoire genannt werden. Und zwar unabhängig von der jeweiligen Landessprache. Natürlich hatte dies noch nicht bei den Postbediensteten herum gesprochen. Diesmal war eine andere Dame am Schalter, aber sie wusste ebenso wenig, wo dieses Land lag. Um ihr Gesicht zu wahren, fragte sie mich auch nicht, sondern ging zum Nachbarschalter, um Rat zu holen. Die Nachbarin guckte mich an, erkannte mich als der Unruhestifter von vor ein paar Wochen und schüttelte den Kopf.

„Oh jeeh“, sagte sie ganz laut und deutlich, „der Kerl ist besonders schwierig. Da kommt er schon wieder mit seinen komischen Ländern, die kein Schwein kennt. Zeigen Sie ihm die Karte und lassen Sie ihn zeigen, wo das ist. Nein, man kann wirklich nicht alles wissen.“ Ich lächelte, entschuldigte mich und sagte nickend, dass man wirklich nicht alles wissen könne.

Jetzt habe ich einen Freund in Dschibuti, dem ich gern mal schreiben möchte. Ob ich mich bei den misstrauischen Damen auf meiner Post dann sehen lassen kann, ist die Frage. Ich habe den Brief noch nicht abgeschickt. Ich traue mich noch nicht.

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