Halbwahrheiten
2.6 Der Amtsschimmel
Eine der Gründe für Deutschlands Erfolg ist seine effiziente Bürokratie. Du kannst jeden schwachsinnigen Brief an irgend ein Amt schreiben. Als Bürger hast Du das Recht auf eine Antwort. Und die Behörden schreiben wirklich zurück. Ich habe es mehrmals probiert. Es stimmt. Besonders effizient ist das Finanzamt. Es gibt kaum penetrantere Leute auf der Welt als die Beamten dort. Es geht soweit, dass bei einem Steuerschuld von 5 DM der gleiche Staat Briefe im Wert von 20 DM schreibt. Aus Prinzip. Sonst könnte ja jeder kommen, heißt es.
Kingsley Amoah aus Ghana arbeitet als Steinmetzgehilfen bei der Firma Jungjohann in Lang-Göns bei Gießen. Firma Jungjohann hat sich auf Grabsteine spezialisiert. Der Job ist hart, wird aber gut bezahlt. Kingsley verdient gut und kann jedes Jahr circa 5000 DM an seine arme, alte und ungebildete Mutter in Ghana schicken. Dieses Geld pflegt er einem gewerblich registrierten Büro für Geldtransfers in Bad Vilbel anzuvertrauen, da die arme Frau in Ghana kein Konto besitzt. Alles ging bisher wunderbar, bis Ende letzten Jahres. Da Kingsley Amoah selbst im hessischen Langenselbold wohnt, ist das Finanzamt von Hanau im Main-Kinzig-Kreis für seine Steuerangelegenheiten zuständig. Erst schrieb das Amt dem ahnungslosen Amoah, dass er gesetzlich verpflichtet sei, seine Steuererklärung für das vergangene Jahr zu machen. Amoah war perplex. Seine Deutschkenntnisse sind miserabel und er verstand das deutsche Steuerrecht sowieso nicht. Dies war auch nicht weiter schlimm, da auch viele Deutsche ihre liebe Mühe mit ihrer eigenen Sprache haben. Dafür gibt es ja Tausende von Steuerberatern, die einem diese Arbeit erleichtern. Amoah wusste, dass er seine Geldtransfers an seine Mutter in Ghana geltend machen könnte. Zunächst musste er jedoch nachweisen, dass er tatsächlich dieses Geld nach Afrika geschickt hatte. Also ging er zur Afrika Service Agentur in Bad Vilbel, die Transferagentur und holte sich eine Bestätigung, samt Stempel und Unterschrift auf einem Firmenbriefkopf. Beim Steuerberater angekommen, erfuhr er, dass dies nicht ausreichte. Es gab ein neues Formular, das er nach Ghana schicken musste. Seine Mutter sollte alle Fragen auf dem Formular gewissenhaft beantworten, die Angaben vom Rathaus ihrer Heimatgemeinde bestätigen lassen und das besagte Formular zurück nach Hanau schicken. Erst dann könnte der Antrag auf Berücksichtigung der extra Ausgaben von Kingsley Amoah bearbeitet werden. Dies ist was das Finanzamt von der guten, armen, alten und ungebildeten Frau in Ghana wissen wollte:
Geburtstag, Geburtsort, Verwandtschaftsverhältnis, Familienstand, berufstätig, arbeitslos, jährliches Einkommen aus Lohn, Pension, Vermietung, Verpachtung, Landwirtschaft. Bei Landwirtschaft die Größe in ha, ar oder qm. Auch zu klären war, ob sie Getreide, Obst, Gemüse geerntet hatte, ob sie eigenes Vermögen hätte, ob ihr Vermögen zur Bestreitung des Lebensunterhaltes reichte, ob sie im Haushalt mit anderen unterstützten Personen wohnte? Da Amoahs Mutter weder lesen und schreiben kann, füllte er ordnungsgemäß das Formular zum größten Teil aus und schickte es nach Ghana zur Bestätigung des Bürgermeisters. Der Bürgermeister von Asempaneye, Distrikt Amansie East in Ashanti, Ghana schickte das Formular unbestätigt zurück mit einem freundlichen Brief in Englisch an das Finanzamt in Hanau.
„Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für den Brief aus Deutschland. Wir kennen die gemeinte Person aus unserer Gemeinde sehr gut und freuen uns, dass sie in Europa so berühmt geworden ist. Nun zu Ihren Fragen: Frau Akosua Ampem wurde bei uns hier in Asempaneye geboren, als das mittlere Erdbeben nach dem 2. Weltkrieg ganz Südghana erschütterte. Viele Leute hier erinnern sich noch ganz genau an der Zeit, als sie ihren hübschen Sohn Kingsley Amoah gebar. Er ist logischerweise ihr Sohn, selbst wenn er seinem Vater Opanin Amenfi Amoah nicht unbedingt ähnelt. Ja, wir wissen, dass Kingsley Amoah inzwischen in Deutschland lebt und dort viel Geld verdient. Und obwohl es in unserem Dorf jeder weiß, dass dieser gute Sohn regelmäßig Geld an seine Mutter schickt, können wir nicht mit Sicherheit sagen, wie viel und wie oft er dies tut. Er hat uns nie darüber informiert, und es ist auch nicht unsere Sache. Des Weiteren kennen wir das Einkommensverhältnis von Frau Akosua Ampem nicht, da auch dies uns als Behörde überhaupt nichts angeht. Im Grunde kann sie uns alles erzählen, wir wissen es nicht genau. Wir sehen uns darum außerstande, eine Bestätigung zu geben. Wir wissen es einfach nicht. Am besten, Sie fragen den guten Sohn in Deutschland selbst. Er weißt am besten über seine Familienverhältnisse Bescheid.
Mit freundlichen Grüßen.“
Selbstverständlich akzeptierten die Beamten diese Begründung nicht und weigerten sich, auch nur einen Pfennig aus dem Staatssäckel in Anerkennung von Amoahs Bemühungen seiner Mutter gegenüber zu zahlen. Irgendwie ungerecht ist es schon, denke ich. Was kann der arme Kerl dafür, dass er aus Afrika kommt. Und was kann er dafür, dass seine Mutter nicht lesen und schreiben kann. Woher sollten die ehrlichen Beamten in Asempaneye tatsächlich von der Lebenssituation einer Frau wissen, deren Existenz noch nicht einmal amtlich feststand?
Neulich zeigte mir Amoah diesen klugen Brief aus Ghana.
„Was hätten sie sonst antworten können“, fragte er mich. „Okay, sie hätten einfach lügen können und einen dicken Stempel auf das deutsche Formular drücken können. Aber wäre das richtig gewesen?“
Ich frage mich, warum die guten Beamten des Finanzamts von Hanau (und nicht nur dort) nicht auf solche logische Gedankengänge kommen?