2.7 Viagra aus Affenfleisch

Die Fußballnationalmannschaft von Zaire, jetzt Demokratische Republik Kongo, hatte bei der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland teilgenommen. Zwar war Zaire nicht die erste Mannschaft aus Afrika, die jemals bei diesem Turnier teilgenommen hatte. Die früheren Begegnungen Deutschlands mit afrikanischen Mannschaften aus Marokko, Tunesien, Ägypten waren nicht in Vergessenheit geraten. Jede dieser Begegnungen war eine Zitterpartie, bei der jedes Mal eine Blamage drohte. Trotzdem verursachte Zaires Teilnahme viel Wirbel in der Presse, weil Zaire eben die erste „echt afrikanische“ Mannschaft präsentierte. Da die Mannschaft aus Zaire in Berlin spielen sollte, war das Interesse der Berliner für eine so exotische Gruppe sehr stark. Keiner kannte ihre Stärken und Schwächen, viele wussten noch nicht einmal, dass dieser Staat überhaupt existierte. Bereits Wochen vor Beginn der Spiele stand allerlei Skurriles über Zaire in der BZ, Berlins großer Boulevardzeitung. Angeblich hatten sie Juju mitgebracht, um ihre Gegner schwindlig werden zu lassen, mal hieß es, ihr Trainingsquartier wäre nun Zentrum von obskuren Voodoopraktiken. Einmal sogar stand in großen Buchstaben, dass die Mannschaft der schwarzen aus dem tiefsten Afrika Affenfleisch im Gepäck hätte. Ein Reporter hätte gesehen, wie geräucherte Affenstücke als Teil des Gepäcks auf dem Flughafen Tempelhof ausgeladen wurde. Die Spieler aus Zaire versprachen sich beim Verzehr von Affen Potenz, Kraft und Ausdauer. Abends in der Boulevard, meiner Stammkneipe Ecke Wilmersdorferstraße in Charlottenburg, wurde ich mit einem Zeitungsausschnitt und jeder Menge pfui Teifel begrüßt. Meine Proteste, dass der deutsche Zoll so was gar nicht gestattet und dass es schließlich um Zaire ging und nicht Ghana, wo ich her komme, ließ keiner der Kumpels in der Kneipe gelten. Afrikaner ist Afrikaner, egal.

Dann wurde mit den Spielen begonnen. Klar wollte man wissen, ob das Affenfleisch gepaart mit Voodoo eine merkliche Wirkung erzielen würde. Leider, leider musste Zaire im ersten Spiel gegen Weltmeister Brasilien antreten. Zaire bekam eine ordentliche Packung von 10-2. Am drauf folgenden Tag war die Hölle los auf den Straßen und in den Kneipen von Berlin. An diesem Abend mied ich Boulevard und ging lieber zum Udo in der Windscheidstraße. Auch dort gab es keine ruhige Minute für mich. „Hey, Lumumba, hast du noch Affenfleisch zu Hause?“, fragte ein Bauarbeiter, der in der Nachbarschaft wohnte, begleitet von lautem Gelächter der übrigen Zecher. Da in Deutschland der Kneipenbesitzer immer das letzte Wort hat und diese Spezies überhaupt viel Macht besitzt, wandte ich mich hilfesuchend an Udo.

„Du Udo“, sagte ich zu ihm, „du kannst doch nicht einen treuen Kunden und Gast wie mich einfach im Regen stehen lassen, wenn er so beleidigt wird, oder?

Also stand Udo auf, stützte sich auf die Holztheke und richtete im breitem Berlinerischein Wort an meinen Peiniger.

„Lass mein Nega in Ruhe, du, du Pfeife. Der hier, wa, (er zeigte auf mich) der ist ganz in Ordnung. Sein Vater ist Häuptling in Afrika. Der wird sicherlich Minista, wenn er wieder in seiner Heimat ist“, verkündete Udo mit Überzeugung und sichtlich mit sich zufrieden. In der Kneipe wurde es still. Nach der Frage, warum ich ausgerechnet später Minister werde, meinte er, ich hätte durch meinen Aufenthalt in Berlin viele Kenntnisse erworben, viel gesehen und genug Zivilisation genossen, um sie dort weiter zu verarbeiten.
„Nur weil ich in Europa bin?“, fragte ich.

„Ja sicher. Schau mal, wie viele Deiner Landsleute haben überhaupt das Privileg gehabt, nach Europa zu fahren?“

Ich war sprachlos und wollte protestieren. Bevor ich aber etwas sagen konnte, beugte er sich über mich und flüsterte mir ins Ohr,

„Sag mal ehrlich. Stimmt das mit dem Affenfleisch? Macht es richtig geil?“

Jetzt war ich richtig fertig!

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