Halbwahrheiten
2.8 Afrikanische Schlitzaugen in Hanau
Mein älterer Bruder James besuchte mich einmal in Deutschland. Es war im Winter des Jahres 1977. Er hatte in Oxford zu tun und wollte mich und Deutschland unbedingt sehen. Knackig kalt war es. Ich weiß es noch genau, weil mein Bruder James so gefroren hatte, obwohl er nicht direkt aus Afrika kam. Das heißt, Kälte hatte er schon in England erlebt, aber irgendwie fror er trotzdem barbarisch in Deutschland. Von wo ich wohne in Schöneck, Stadtteil Büdesheim, ist die nächste große Stadt Hanau, also lud ich meinen Bruder zum Einkaufsbummel nach Hanau ein. Wir fuhren mit dem Bus, der auch heute noch die gleiche Tour fährt. Die Stationen unterwegs waren wie heute noch Kilianstädten, Niederdorfelden, Wachenbuchen und Mittelbuchen. Ich war stolz, meinen älteren Bruder sicher durch Deutschland zu führen, es machte viel Spaß, ihn die ungewöhnlichen Namen aussprechen zu lassen. Einige Passagiere im Bus lachten mit.
Wenn man in Büdesheim lebt, ist die Innenstadt von Hanau schon beeindruckend geschäftig. Viele Menschen, viele Autos und viel Lärm. James, mein älterer Bruder, hatte ein paar Reiseschecks in Pfund, die er umtauschen wollte, damit er einige Souvenirs aus Deutschland kaufen konnte. Am Freiheitsplatz im Zentrum gibt es viele Banken, sagte ich. Kein Problem, dort Schecks einzutauschen. Wir steuerten auf eine Bank zu, deren Name ich hier nicht erwähnen werde, weil die Angestellten dort immer noch Dienst tun. Es waren drei freundliche, hübsche Frauen am Schalter. James zückte seine frischen Schecks, ging durch die üblichen Prozeduren und gab seinen Pass ab. Plötzlich leuchteten die hell grünen Augen der Dame, die den Pass in Händen hielt, ihr Gesicht war voller Erstaunen. „Kleinen Moment“, sagte sie ganz höflich. Mit einem süßen Lächeln verschwand sie durch eine Tür, die wir anfangs gar nicht beachtet hatten. Mein Bruder James guckte mich an und bemerkte auf Akan, unsere Muttersprache, dass die Deutschen doch sehr höflich seien. Ich bejahte, dachte aber, dass etwas nicht ganz stimmte. Irgend etwas musste noch kommen. Normal war das Verhalten der Dame bestimmt nicht, aber ich hatte keine Erklärung. Die Dame kehrte nach vielleicht drei Minuten mit unseren Pässen zurück, murmelte etwas ins Ohr ihrer Kollegin, die uns sofort anschaute und süß lächelte. Dann verschwanden die beiden hinter einer anderen Tür. Sofort kam ein Mann raus, guckte uns kurz an, lächelte, zog seinen Kopf wieder ein und machte die Tür leise wieder zu. jetzt waren wir wirklich gespannt und hätten gern gewusst, was die Leute so amüsierte. Ich sagte meinem Bruder nichts, aber er war sich der komischen Situation jetzt auch bewusst und guckte mich fragend an. Unsere schwarze Haut konnte beim besten Willen nicht der Grund sein, das wusste ich. Hanau ist seit dem 2. Weltkrieg eine Garnisonsstadt der US-Amerikaner. Hier wimmelt es seitdem nur so von schwarzen GIs. Nein. Wir warteten, bis plötzlich wieder eine Tür aufging. Dann kamen drei Leute hinter einander aus einem Hinterzimmer mit dem Pass meines Bruders. Die süße Dame mit den grünen Augen händigte den Pass aus, gab James das gewechselte Geld und die Quittung zurück. „Auf Wiedersehen“, sagten alle drei und wir gingen aus dem Bankgebäude raus. Nicht ohne uns weiter zu wundern. „Da war etwas“, sagte ich zu James. Ich versuchte, eine Erklärung zu finden „Die Deutschen sind nett, aber nicht so. Lass mich auf die Quittung schauen“, sagte ich. Einen Blick darauf, dann verstand ich die Aufregung. Dort stand als Ausstellungsland des Passes „China“ anstatt Ghana.
Wenn ich mich nicht täusche, schwören diese Bankangestellten aus Hanau heute noch, sie hätten mit eigenen Augen tiefschwarze Chinesen gesehen.