Halbwahrheiten
2.9 Eins zu Null für Wiener
Es ist bekannt, dass die Österreicher die Deutschen nicht mögen und umgekehrt. Unser Chef bei Mannesmann Energietechnik in Frankfurt am Main, wo ich lange arbeitete, war Österreicher. Er war ein netter, stattlicher Mann von Welt, dem keiner so schnell etwas vormachen konnte. Gut, er war Chef und hatte viel Macht, aber war eben Österreicher und als solcher einfach nicht gut genug. Es war diese Geringschätzung, die der Chef spüren sollte und auch spürte. Er wusste genau, dass seine Mitarbeiter hinter ihm tuschelten und darauf warteten, dass er sich mal eine Blöße gibt. Diese Blöße kam und kam nicht, bis einige deutsche Mitarbeiter den Geduldsfaden verloren. Um ihn zu provozieren, besonnen sich auf österreichische Witze, die es in Deutschland zu Hauff gibt. Immer wenn unser Chef in der Nähe war, fiel einem Mitarbeiter ein österreichischer Witz ein. Nach dem Muster, wie dick ist ein österreichisches Kochbuch? Wie gesagt, unser Chef war ein gewiefter Mann mit viel Erfahrung. Nichts in seinem Verhalten ließ erkennen, dass er die Witze der Kollegen gehört hatte. Wie ich vermutete, wartete er auf seine Chance.
Mit der Einführung des PCs im normalen geschäftlichen Ablaufs um 1982 herum, nahmen die Dinge einen dynamischen Ablauf. Alle Mitarbeiter in meiner Abteilung bekamen jeweils einen Computer und damit auch die Möglichkeit, E-Mails zu versenden. Prompt zirkuliert die österreichischen Witze abteilungsweit. Prominent bei diesem Spiel war Junior, mein Kollege, der so genannt wurde, weil er als Dreiundzwanzigjähriger gleich nach dem Studium zu uns kam.
Junior schickte ein E-Mail mit der Frage, ob allen klar war, dass Hitler ein Österreicher war und Beethoven ein Deutscher? Die Gelegenheit, auf die unser Chef zu warten schien, war da. Am Montag Morgen kam der Chef persönlich, setzte sich an seinen Computer und verfasste eine ausführliche Antwort, die er an alle Mitarbeiter schickte.
„Unsere deutschen Brüder sollten sich nicht so aufregen“, hieß es da. „Zunächst einmal, Hitler war ein armer, untalentierter Maler und Tapezierer in Österreich. Er emigrierte nach Deutschland, nachdem er eingesehen hatte, dass er in Österreich zu nichts kommen würde. Erst in Deutschland haben unsere guten Nachbarn seine Qualitäten entdeckt und ihn zu ihrem Führer gemacht“. Er blieb nicht dabei und fuhr fort.
„Beethoven, wiederum, versuchte vergeblich sein Talent in Deutschland zu beweisen. In Bonn, seiner Heimatstadt, war er ein Nobody. Nachdem er überall sonst abgewiesen worden war, reiste er nach Wien. Erst dort wurde sein Talent erkannt, dort erst wurde er berühmt. Wer war klüger, fragte unser Chef?
Zu dieser Frage habe ich eisern geschwiegen, weil es mich als Afrikaner nichts anging. Nach dem Motto, wenn sich zwei streiten...
Eigenartigerweise schwiegen auch meine Kollegen. Seitdem hatte unser Chef Ruhe.