3.2 Ampongs Geld

Es war die Geschichte von Ampong, die mich auf das ghanaische Sprichwort kommen ließ. Es besagt, „Das Kind, das seine Mutter nicht schlafen lässt, schläft auch nicht“.

Im Falle von Ampong, schien dieses Sprichwort genau zu passen. Er war gebürtiger Ghanaer, hatte aber ein Jahrzehnt seines Lebens in Nigeria verbracht, wo er bei verschiedenen Ölfirmen als Handlanger gearbeitet hatte. Nach dem allgemeinen Rausschmiss von Ausländern aus Nigeria in den achtziger Jahren hatte er sich auf der Suche nach Arbeit ein Flugticket nach Deutschland besorgt. Ampong lebte illegal in Deutschland. Hier fand er keine geregelte Arbeit und lebte vom gelegentlichem Diebstahl in Kaufhäusern. Um seine Bleibe ein wenig abzusichern, beantragte er Asyl. Wie das damalige Gesetz verlangte, durfte er zwei Jahre lang nicht arbeiten. Das war blöd, weil er genau wegen der Arbeitsmöglichkeit Asyl beantragt hatte. In seiner Heimatland wurde er natürlich nicht politisch verfolgt, aber das wusste ja eh jeder, da er nicht schreiben und lesen konnte. Egal. Er musste schleunigst arbeiten. Er fing an, mit Kokain zu dealen. Das war mit Sicherheit der schnellste Weg, um reich zu werden. Er machte schnell viel Geld im Asylantenheim und das brachte ihm viele Probleme. Erstens waren da seine ängstlichen Landsleute, die keinen Mut zum Kokainverkauf besaßen und sehr neidisch auf ihn waren. Dann war da die Polizei, die ihn nicht schnappen dürfte. Er passte auf, so gut wie es ging. Sein Geldpolster wuchs ständig, er musste das Geld irgendwo aufbewahren.

Dann lernte er Akweley, eine langbeinige Schönheit aus Ghana im hessischen Butzbach kennen. Warum ausgerechnet Butzbach? Butzbach ist relativ klein, aber sehr wuselig. Dort waren Amerikaner stationiert, die gern die Liebesdienste von „leichten“ Mädchen wie Akweley in den einschlägigen Bars in Anspruch nahmen. Sie zahlten gut. Ampong, mit seinen großen Schultern und strammen Muskeln, wurde Akweleys Lover und passte sonst auf sie und ihr Geld auf. Die Geschäfte liefen prima, die beiden zogen zusammen in ein schönes möbliertes Apartment mit allen Annehmlichkeiten, das Leben war sehr schön. Bald stellte Ampong fest, dass er eigentlich nichts in Ghana besaß. Wenn dieses Weib mich eines Tages hinauswirft, bin ich erledigt, dachte er oft. Etwas musste er tun, seine Freunde ermunterten ihn, ein bißchen von Akweleys Geld beiseite zu schaffen, für den Fall...

Er entschloss sich, ein Konto im Ausland zu eröffnen. Er besuchte eine ghanaische Agentur in Bad Vilbel-Gronau, die auf Bankgeschäfte mit Ghana spezialisiert war, und eröffnete ein Devisenkonto in Accra. Auf dieses Konto verschob er regelmäßig Gelder, bis ungefähr 30.000 DM zusammen gekommen waren. Er war befreit. Jetzt könnte Akweley oder gar die Polizei kommen. Sie würden nichts verräterisches mehr finden. Zurück im Asylantenheim war er stolz auf sich. Er erzählte seinen Freunden von dem Geheimkonto. Die neidische Landsleute waren aber zutiefst enttäuscht. Sie hatten nun keine Möglichkeit mehr, ein wenig von dem Geld abzubekommen.

„Bist du blöd, sagte der eine. Du glaubst wirklich, dass dieser Kerl dein Geld tatsächlich auf ein Konto in deinen Namen eingezahlt hat? Was beweist das? Woher weist du, ob er dein Geld nicht auf sein eigenes Konto geschoben hat. Du kannst noch nicht einmal lesen. Und selbst wenn du den Schwindel entdecken solltest, kannst du nichts machen, weil dein Geschäft illegal ist. Mit solchen Geldern macht man nur eins. Man investiert in ein Export-Import Geschäft, das keiner kontrollieren kann. Wir könnten dir helfen“.

Ampong dachte nach. Es stimmte irgendwie schon. Was würde er wirklich machen, wenn dieser Landsmann ein Hochstapler wäre? Er entschied sich, das Geld wieder abzuholen. Und so geschah es. Sein Geld war wieder da. Zu viert kauften sie jetzt gebrauchte Reifen ein für die Verschiffung und für den weiteren Verkauf nach Westafrika. Dann gingen die anderen drei zur Polizei und zeigten ihn als Drogenhändler an. Eines schönen Morgens kam die Polizei und holte ihn ab. Sie fanden ein Bündel mit Kokain als Beweismittel bei ihm. Er wurde zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe verdonnert und danach des Landes verwiesen. Als er die Strafe abgesessen hatte und in das Heim zurückkehrte, um seine Koffer für die Heimreise zu packen, waren weder Geld noch Freunde da. Mit den Reifen im Container und dem Rest des Geldes setzten sie sich in Westafrika ab. Nun stand unser Freund mittellos da. Jetzt war klar, dass die ganze Sache ein gemeiner Komplott war, um an sein Geld zu kommen. Er kaufte ein Flugticket nach Afrika mit dem Entschluss, die Täter ausfindig zu machen und deren Kehlen durch zu schneiden.

„Ich war im Gefängnis. Ich bin bereit, wieder dort hin zurück zu kehren. Mir ist jetzt alles egal“, schwor er und flog ab. Das letzte mal, dass ich von ihm hörte, hatte er einem der Gangster tatsächlich die Kehle durchgeschnitten und suchte gerade nach dem anderen. Wie ich höre, weiß er bereits, wo der andere sich aufhält. Aber dieser Andere hat schon ein Häuschen mit seinem Anteil des Geldes gebaut. Einmal tot, geht das Haus an die Verwandten über. Ampong sucht jetzt gerade eine günstige Gelegenheit, um erst das Haus zu bekommen, bevor er diesen Typ tatsächlich killt. Was soll man ihm eigentlich wünschen? Viel Erfolg?

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