- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 3.1 Höhere Macht, bitte kommen
- 3.2 Ampongs Geld
- 3.3 Deutschlands gewiefte Richter
- 3.4 Geld verdirbt den Charakter!
- 3.5 Die Wege des Herrn
- 3.6 Geld stinkt nicht. Frauen auch nicht!
- 3.7 Paris (Oh, Champs Elysées)
- 3.8 Eis Kamerun!
- 3.9 Joseph und Maria auf afrikanisch
- 3.10 Ein Arschloch in der Kirche
- 3.11 Deutschlands Frauen
- 3.12 Sieh’ auf deine Vergangenheit und du erkennst deine Zukunft.
- 3.13 Wir grillen
- 3.14 Unser Spatz vom Dach
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
3.3 Deutschlands gewiefte Richter
Einem Afrikaner kann die folgende Geschichte überall in Europa passieren, wahrscheinlich auch in Amerika und Kanada. Ich war zwar noch nie in Australien und Neuseeland, aber da diese mit den Menschen in Europa eng verwandt sind, nehme ich an, dass auch dort mit Wasser gekocht wird.
Es handelt sich um jenes Phänomen, dass es Afrikanern ermöglicht, ziemlich unbedrängt in öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, egal wie dicht das Fahrzeug mit Passagieren besetzt ist. Man setzt sich in den Bus und fährt eine relativ lange Strecke. Der Sitz neben dem Afrikaner bleibt fast immer leer, die anderen ziehen es vor, zu stehen oder Leib an Leib gepresst im Bus zu schaukeln. Nichts scheint schlimmer zu sein, als neben einem Afrikaner zu sitzen. Das weiß jeder Afrikaner, der lange in Europa gelebt hat. Anfangs ist ihnen dies unverständlich und wirkt etwas verletzend auf ihr Selbstwertgefühl. Später entpuppt sich diese Tatsache als die Garantie dafür, immer unbehelligt und ganz bequem zu reisen.
Nur Rosa aus Kamerun, eine bildhübsche Studentin der Kommunikationswissenschaft in Gießen, wollte dies nicht wahrhaben. Sie saß eines Tages im komfortablen ICE nach München, wo sie ihre Freundin besuchen wollte. Diese Züge sind bekanntlich oft bis zum Platzen voll. An diesem Tag gab es nur eine Sitzgelegenheit neben einer stark parfümierten, eleganten älteren Dame. Rosa dachte sich nichts dabei und setzte sich neben sie. Prompt stand die Dame auf, laut schimpfend, dass Deutschland nicht mehr für die Deutschen sei. Im eigenen Land hätte man nicht mehr das Recht, frei zu leben, ohne Neger, Zigeuner, Juden und Türken. Dies wurde so laut vorgetragen, dass es auch viele der Mitreisenden hören konnten.
Wie immer war die Lage gespalten. Es gab die große Mehrheit, die weiterhin in die Zeitungen starrte und so tat, als ob nichts geschehen wäre. Einige der Passagiere waren über diese Unverschämtheit doch geschockt, guckten schnell um sich, schüttelten teilweise den Kopf, taten oder sagten aber weiter nichts. An diesem Tag gab es aber einen Mann drei Sitze weiter, der alles mitbekommen hatte und das Geschehene nicht akzeptieren wollte. Er stand auf, protestierte heftigst gegen diese Herablassung und riet Rosa, die ganze Angelegenheit vor Gericht zu bringen. Er klärte Rosa auf, dass so etwas in Deutschland strafbar wäre und dass er als Zeuge zur Verfügung stünde.
Natürlich war Rosa empört und auch entschlossen, die Geschichte auf die Spitze zu treiben. Sie ging zu ihrem Anwalt und zeigte die Dame wegen Beleidigung an. Nach mehreren Wochen ging die Sache vor Gericht. Jede Partei trug ihre Version der Sache vor. Der gegnerische Anwalt, ein alter Hase, argumentierte, dass doch Deutschland ein freies Land sei und jeder ein Recht auf freie Meinungsäußerung hätte. Zweitens ist niemand gezwungen, unbedingt neben einem anderen sitzen zu müssen. Drittens war seine Mandantin eine Allergikerin, die das Parfum der Afrikanerin nicht vertrug.
Es bleibt nur am Rande erwähnt, dass dieser Einwand erst später eingefallen war, da Rosa hatte an dem Tag überhaupt kein Parfum benutzt hatte. Ihr Anwalt gab sein Bestes und das Gericht tagte zur Beschlussfassung und Urteilsverkündung.
Nach zwei Stunden stand die Entscheidung fest. Was vom Richter kam, war eine einzige Überraschung. Für alle. Niemand hatte mit der getroffenen Entscheidung gerechnet. Im Namen des deutschen Volkes war die Klage vom Gericht abgewiesen, die Kosten des Verfahren sollte die Klägerin tragen. Zur Begründung hieß es: tatsächlich sind Allergien eine Allerweltssache und zunehmend ein ernsthaftes Problem. Da verschiedene Menschen auf verschiedene Sachen, Substanzen und sogar Situationen allergisch reagieren könnten, ist auch anzunehmen, dass ein Afrikaner eine derartige Allergie bei einer älteren Dame auslösen könnte. Dies, räsonierte der Richter süffisant, hätte mit Rassismus nichts zu tun. Es ging einzig und allein um die Gesundheit der Dame, die in diesem Falle schwerer wog als die Gefühle einer eingeschnappten Afrikanerin.