3.4 Geld verdirbt den Charakter!

Die Sache mit den Haustieren in Europa fasziniert Afrikaner und ärgert sie gleichzeitig. Samuel, mein Freund aus Liberia, ärgert sich maßlos, dass Jahr für Jahr Milliarden für Haustiere ausgegeben werden, während viele Menschen in Afrika vor Hunger sterben. Darum hasst Samuel Haustiere. Alle. Nicht nur dass, er hasst sogar die Besitzer von Haustieren, insbesondere, wenn es Frauen sind.

Neulich hatte Samuel, der gerade bei mir zu Besuch war, genug Anlaß, sich wieder richtig zu ärgern. In einer Ausgabe der Frankfurter Rundschau, die bei mir auf dem Schreibtisch lag, standen zwei große Meldungen drin.
„BMZ kürzt Deutschlands Entwicklungshilfe aufgrund der misslichen Wirtschaftslage“, war die Eine. Die Zweite war über die Bedeutung der Haustierwirtschaft für Deutschland. Was mich auch überraschte war, dass jedes Jahr, so lautete der Bericht, umgerechnet die gigantische Summe von rund 20 Milliarden DM für die Haustierindustrie ausgegeben würde. Unter diese Summe fallen nicht nur die Ausgaben für Bypassoperationen und Beerdigungen für Tiere, sondern auch die ausgaben für Tierfutter, Tierpflegemittel, Tiermedikamente und Tiergesundheit. Allein die Hundefutterindustrie beschäftigt um die 50.000 Menschen, hinzu kommen die Hundesalons, Hundemodenschauen, Hundeschönheitswettbewerbe und Hundetrainer. Ich laß weiter: Tausende von hervorragend ausgebildeten Tierärzten sorgten im ganzen Land dafür, dass die geliebten Vierbeiner nicht zu Schaden kommen, andere Tausende Friseurinnen in Salons sorgten für modische Accessoires und Restaurantbesitzer veranstalteten Geburtstagspartys für Mäuse, Hasen, Ziegen, Pferde, Lieblingshunde und Katzen.

Das war wie Öl auf Samuels Mühle. Er hatte schon immer behauptet, die Sache mit der Entwicklungshilfe würde auf langer Sicht gesehen sowieso nicht laufen. Die Menschen in Deutschland, sagte er, sind wahrlich wohlhabend, aber irgendwie komisch. Um seine Aussage zu untermauern, pflegte er auf Deutschlands unschuldige Haustiere einzudreschen. Allein die Bereitschaft der Menschen, soviel Geld für soviel Unnütz auszugeben, wäre ein gutes Indiz für den Geiz gegenüber Afrika. Alle meine schwachen Argumente dagegen, dass sich Afrikaner selber helfen sollten, fruchteten bei ihm nicht, so überzeugt war er von der Richtigkeit seiner Analyse.

Und warum hasste er die Frauen hier, wollte ich wissen?

Seit dem Tag, wo eine Frau anstatt ihm einen Hase als Liebhaber vorzog, war es aus mit ihnen. Dann erzählte er mir eines Tages eine Geschichte, wonach er eine junge Dame kannte, die einen Hasen als Haustier hatte. Sie hatte vermutlich einen Knacks aus einer früheren Liebschaft und weigerte sich zu heiraten. Fortan holte sie einen Hasen ins Haus, den sie abgöttisch liebte. Sie gab zu verstehen, dass sie lieber mit einem Hasen zusammen sein wollte, als mit irgendwelchen scheiß Männern unglücklich zu leben. Dieses Tier, fett wie Sau, saß nur auf ihrem Schoß und bekam nichts anderes zu fressen als Schokolade. Soviel, dass er überhaupt kein anderes Essen mehr haben wollte. Das Vieh hatte einen Rock für die kalten Jahreszeiten, eine Bürste für die Fellpflege, einen Hausarzt für die Verstopfungen und eine Sonderdiät. Es aß ja nur Schokolade. Gelegentliche Auftritte auf Hasenwettbewerben brachte der Besitzerin Genugtuung, räsonierte Samuel, ganz der verletzte Mann.

Das Leben ging weiter. Ich dachte mir bei dieser Geschichte nichts und vergaß sie alsbald. Bis ich Urlaub in Gambia machte. Im dortigen Edelhotel Senegambia, in der Stadt Serekunda, wo die Reichen unter den Touristen absteigen, war auch ich untergebracht. Als Autor hatte ich dieses Privileg vom Verlag bekommen. Ich wohnte also edel. Im Foyer des vornehmen Hotels waren allerlei Hinweise auf das richtige Verhalten für Touristen in dem bitterarmen Land. Darunter entdeckte ich einen Ratschlag, der mich überraschte. Da, schwarz auf weiß stand die Warnung der Reiseleitung, den bettelnden Kindern von Gambia ja weder Süßigkeiten noch Geld zu geben. Geld, hieß es, verdirbt den Charakter und Süßigkeiten die Zähne. Diese zynische Nachricht wunderte mich nun sehr. Ich dachte an Geburtstage, Ostern und Weihnachten daheim in deutschen Stuben. Wenn es so stimmt, und alle wissen es in Deutschland, dann müssten alle Deutsche im Vergleich zu Gambier recht verdorbene Charaktere sein und die Süßwarenindustrie hierzulande, ich meine immer noch Deutschland, eine Gefahr für die Gesundheit der deutschen Kinder. Wirklich?

Unterhaltung