- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 3.1 Höhere Macht, bitte kommen
- 3.2 Ampongs Geld
- 3.3 Deutschlands gewiefte Richter
- 3.4 Geld verdirbt den Charakter!
- 3.5 Die Wege des Herrn
- 3.6 Geld stinkt nicht. Frauen auch nicht!
- 3.7 Paris (Oh, Champs Elysées)
- 3.8 Eis Kamerun!
- 3.9 Joseph und Maria auf afrikanisch
- 3.10 Ein Arschloch in der Kirche
- 3.11 Deutschlands Frauen
- 3.12 Sieh’ auf deine Vergangenheit und du erkennst deine Zukunft.
- 3.13 Wir grillen
- 3.14 Unser Spatz vom Dach
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
3.5 Die Wege des Herrn
Heutzutage trinkt mein Freund Patrick Green aus Barbados nicht mehr. Schon überraschend, weil Patrick ganz schön gern trank. Er ist Prediger der Pfingstgemeinde in Bruchköbel Stadtteil Niederissigheim geworden. Als solcher steht er sonntags in seiner Kirche und predigt vor versammeltem Publikum. Sein Entschluss, nicht mehr zu trinken, kam plötzlich. Wie gesagt, eine sehr große Überraschung für alle, die ihn gut kannten. Patrick mochte Rum über alles und trank ihn auch reichlich, regelmäßig und gern. Nach dem Motto, „Spaß muss sein“, trank er natürlich nicht allein, sondern oft mit vielen Freunden aus Afrika, aus der Karibik und aus Brasilien zusammen.
Alles veränderte sich, als Patrick Donna von den Seychellen kennen lernte. Er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen, aber die Sache hatte einen kleinen Haken. Donna war religiös und mochte Alkohol nicht besonders. Sie machte Patrick klar, dass sie nur mit ihm gehen würde, wenn er aufhörte, mit Freunden ständig von Bar zu Bar zu ziehen. Seine Liebe für Donna war jedoch so groß, dass er sofort bereit war, alles zu tun, um die Hübsche zu behalten. Patrick hatte bald genug vom Trinken und entschloss sich, damit ganz aufzuhören. Das nächste Mal, als seine Freunde kamen, lehnte er eine Spritztour ab. Was war los mit ihm, fragten sich seine Freunde. Er wolle ab jetzt nur nichts mehr trinken, wegen Donna.
„Ah, Du bist klüger als wir alle geworden? Fragte Konduah, der älteste unter den Freunden. „Wir waren gut genug, um deine Freunde zu sein, bis diese Dame kam. Und Du bist bereit uns für diese Schnecke aus den Zuckerrohrfeldern zu opfern. Sind wir wirklich die Dummen, nur weil wir gern trinken? Überlege es Dir gut. Du hast genau eine Woche Zeit. Wenn Du danach immer noch nicht mit uns trinken willst, wirst Du was erleben. Ich werde dann der Polizei zeigen, wo Du schwarz arbeitest, obwohl Du Sozialhilfe beziehst“, endete Konduah, der ziemlich verärgert war, seine Drohung.
Gibt es das auch, fragte sich Patrick. Dann laut zu den anderen. „Ich kann doch wohl selbst entscheiden, ob ich trinken will oder nicht. Ich bin ein freier Mensch“.
„Ja, Du bist es und Du kannst machen, was Du willst. Aber so nicht und schon gar nicht mit uns. In Afrika, wie Du weißt, ist eine Gemeinschaft alles. Wenn du unsere Gemeinschaft zerstören willst, müssen wir dich auch zerstören, so einfach ist das. Du hast die Wahl.“
Patrick war entsetzt. Er dachte zunächst, dies wäre ein Scherz. Aber Konduah war es todernst mit seiner Drohung. Was sollte er tun? Nach afrikanischem Brauch hatte er in der Tat seinen älteren „Bruder“ mit seinem Entschluss des Nichttrinkens erniedrigt und beleidigt. Er suchte Rat bei anderen Freunden und wurde informiert, dass Konduah tatsächlich sehr gute Kontakte zur hiesigen Polizei hatte. Er hatte ja schon dreißig Jahre in der Gemeinde gelebt und war bekannt wie ein bunter Hund. Wenn er wollte, könnte er Patrick sehr schaden. Er bräuchte nur zum Polizeirevier zu laufen und zu sagen, er würde einen Schwarzarbeiter (auch im wortwörtlichen Sinne) kennen. Man riet Patrick, dringend Konduah mit einer förmlichen Entschuldigung zu besänftigen und als Zeichen der Versöhnung weiter mit ihm zu trinken. Es würde doch nichts außer Geld kosten, er hätte aber den drohenden Polizeieinsatz vom Tisch.
Patrick dachte über seine Situation sorgfältig nach und kam zum Entschluss, dass er auf keinen Fall mit Konduah weiterhin trinken wollte. Wegen Donna, natürlich. Dieser Entschluss war heikel und musste gut verpackt sein, um Konduahs Zorn nicht wieder zu erwecken. So entschloss er sich kurzerhand, Prediger zu werden. Das Amt des Predigers verlangt ein völliges Alkoholverbot, dafür hatte Konduah natürlich Verständnis. Als echter Ghanaer glaubte auch er fest an Gott. Besser konnte Patrick sein kleines Problem gar nicht lösen. Die afrikanische Gemeinschaft der Trinker in Frankfurt-Fechenheim ist noch intakt, Donna ist mit Patrick inzwischen verheiratet. Es gibt überhaupt keine Probleme mehr. Die Wege des Herrn sind wahrhaftig unergründlich. Jetzt trinkt er heimlich und betet inständig zu Gott, dass er nie erwischt wird. Weder von Donna noch von den anderen Afrikanern.