3.6 Geld stinkt nicht. Frauen auch nicht!

Eines der schwierigsten Sachen in der Welt ist eine Erfahrung in Worte zu setzen. Egal welche. Es ist genau diese Frage, die mich immer wieder in ein Dilemma stürzt. Wenn ich in Deutschland bin, fragen mich Leute, die noch nie in Afrika waren gewöhnlich, wie es denn nun in Afrika aussieht. Wenn ich in Afrika bin, fragen mich die Leute dort, die Europa nur vom Fernsehen kennen, wie Europa wirklich ist. Nach reiflicher Überlegung, denke ich die Antworten herausgefunden zu haben. Sicher bin ich allerdings nicht, was die Sache kompliziert macht. Man will ja kein falsches Bild geben.

Während man in Afrika sagt, dass ein guter Name mehr Wert ist als Besitz, macht man in Europa einen feinen Unterschied zwischen Moral und Mammon. Dafür gibt es die gängigsten Sprüchen in Europa. Die Briten sagen dazu: business ist business. Die Deutschen sagen schlicht und einfach: Geld stinkt nicht. In der Tat. Eine genaue Beobachtung des Lebens hier führt zur Schlussfolgerung, dass dies genau der Fall ist. Hier wird alles besteuert, unabhängig davon, ob das Geld aus legalen oder illegalen Quellen stammt.

Neulich als ich wieder einmal daheim in Ghana war, kam die Frage wieder auf. Diesmal hatte ich mir einige Sachen vorgemerkt. Jeder in Afrika weißt, das in Europa die Menschen dicker, die Autos schöner, die Straßen sauberer, die Häuser schöner, größer und länger sind als bei uns. Also brauchte ich alles dies nicht zu wiederholen. Ich wollte originell sein, und fing an mit vielen Beispielen von Sachen, die ich doch recht kontrastreich finde. Zum Beispiel, dass in Europa das Gesetz Vorrang hat, und dass die Bürger sie auch befolgen. Ich habe zum Beispiel beobachtet, dass die Prostitution hier nicht als Beruf anerkannt wird, obwohl die Huren Steuern zahlen müssen, wenn sie sich als solche bekannt geben. Nicht nur das. Die Prostitution ist eigentlich unsittlich, aber in jeder deutsche Stadt gibt es ein Rotlichtviertel, wo man eine Frau für viele Zwecke einige Minuten mieten kann. Ganz offen und offensichtlich legal. Die Polizei zumindest guckt weg. Eine verhaftete Nutte, sehr intelligent, gab zu Protokoll, sie mache nicht Sex für Geld, sondern betreibt eine Begleitagentur, wofür sie sich bezahlen läßt. Den Sex, sagte sie, macht sie freiwillig und kostenlos dazu, weil sie es gern Sex mit Männern treibt. War das nicht elegant gesagt? Nun. Dagegen konnten die Polizisten nichts sagen und ließen sie wieder ziehen.

Vor ein paar Jahren, als die CDU unter Wallmann noch Frankfurt regierte, stellten die Konservativen plötzlich zwei Tatsachen fest: erstens dass Peep-Shows nicht statthaft sind und dass ein Rotlichtviertel eigentlich nicht vom Staat geduldet werden sollte. Daraufhin wurde statt das Peeping hinter Fenstern, der nackte Tanz als Kunstform anerkannt. Jetzt durften die Frauen sich auf der Bühne räkeln und so einiges zeigen. Dies aber galt als Cabaret und somit in Ordnung. Mit der zweiten Sache hatte die Partei schon erhebliche Schwierigkeiten. Prompt hatte sie weniger Geld in der Kasse und verlor die nächste Wahl. Die nächste Stadtregierung behielt natürlich alles beim alten und hatte Ruhe. Dasselbe passiert mit dem Drogenverkauf. Es ist strengstens verboten, aber die erwischten Gauner müssen Steuern bezahlen.

Der beste Apologet für diese Haltung fand ich in der Person des früheren amerikanischen Präsidenten Clinton. Auf diesen Mann hätte man schon damals aufpassen müssen, als er öffentlich zugab, in seinen Studententagen Marihuana geraucht zu haben. Allerdings nie inhaliert. Als es soweit war mit Monika Lewinski sagte der gleiche Kerl, er hatte keinen Sex mit der jungen Dame, er habe sie lediglich geküsst, ihre Brüste befummelt und ihr Zigarren zwischen ihre Beinen geschoben zu haben. Ejakuliert hatte er dann auf ihrem Kleid, aber das hatte ja nichts zu sagen. Recht hatte der Mann.

In gleicher Maßen wird Polygamie akribisch verfolgt. Niemand darf mehr als eine Frau heiraten, wie es in Afrika Gang und Gebe ist. Sogar von der armen Bevölkerung. Nein, in Europa und Amerika, ich glaube auch Australien, Neuseeland und ganz Südamerika dürfen besonders die Reichen, berühmten und Schönen immer eine fette Frau heiraten und dann bis zu sieben Konkubinen halten. Ganz legal, weil es niemandem was angeht und weil man es sich leisten kann. Die ärmeren Schichten bleiben bei der einen Frau und sorgen dafür in ihren Ämtern, dass keiner auch den anderen armen übervorteilt.

Als Fela Ransome Kuti, Afrikas Megastar in Sachen Musik noch lebte, war er bekanntlich mit siebenundzwanzig Frauen verheiratet. Für Europas Boulevardpresse war dies natürlich ein gefundenes Fressen. Hier war es wieder, ein geiler Afrikaner, der nie genug kriegen konnte. Dann kam er nach Deutschland, um ein Live-Konzert im Fernsehen zu bestreiten. Vor dem großen Ereignis gab es wie üblich zahlreiche Interviews von Journalisten. Eine Lieblingsfrage der meisten Medienvertreter an Fela war, warum er so viele Frauen geheiratet hatte und wie es sich leben lässt, mit so vielen Frauen. Man konnte den Neid in der Fragestellung schon merken. Fela war natürlich gewohnt, ständig solche Fragen von europäischen Journalisten antworten zu müssen. Da ihm diese Frage heute einfach zuviel wurde, sagte er vor laufenden Kameras ungefähr folgendes: In Afrika gibt es keine Sex-Skandale. Ein Mann ist ein Mann und versteckt sich nicht hinter falschem Moral und dubiosen Gesetzen. Dort zeigt man die ganze Welt, was Sache ist. In Europa dagegen sind Sex-Skandale an der Tagesordnung.

„Warum wohl“, fragte er. „Weil die Typen einfach zu kurz kommen und ihre armen Frauen ständig betrügen. müssen. Hier sagt man, Geld stinkt nicht. Bei uns sagt man: Frauen stinken nicht. Und das ist der Unterschied.“

Am Tag nach diesem Interview fragte eine regionale Zeitung seine Leserschaft, warum solche zweifelhaften Typen mit primitiven Instinkten überhaupt nach Europa eingeladen werden? Ich glaube, die Zeitungsmacher dort hatten es immer noch nicht begriffen. Das Frauen nicht stinken, sei dahin gestellt. Jetzt ist Fela tot. Allerdings hatte er sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode gebumst. Er starb an AIDS.

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