3.7 Paris (Oh, Champs Elysées)

Das Leben ist voller Widersprüche. Nehmen wir den Sommer in Deutschland, zum Beispiel. Während des Rest des Jahres sehnt sich jeder Deutsche nach dem Sommer, der deswegen eine sehr willkommene Jahreszeit ist. Aber auch die langweiligste Zeit. Im Sommer ist wirklich nichts los. Es ist so schlimm, dass das Phänomen als Sommer Loch im ganzen Land bekannt ist. Komischerweise, sobald der Sommer gekommen ist, flüchtet praktisch die gesamte Bevölkerung an die Adria, auf die Balearen oder auf die Kanaren, wo sie sich unentwegt bräunen, saufen und fressen. Daheim macht der Bundestag dicht, es fahren nahezu leere Züge durch die Gegend, die Autobahnen sind freier, Theater und viele Betriebe schließen. Man bleibt möglichst bis zum Herbstanfang im Ausland. Ab Oktober, wenn es langsam wieder anfängt zu stürmen, wenn die Tage merklich kürzer werden, kehrt das ganz normale Leben wieder zurück. Die Kinos sind voll, die Restaurants und die Straßen überfüllt. Überhaupt ist der Oktober ein sehr schöner Monat in Deutschland. Dann sind alle aus dem Urlaub zurück und erzählen von ihren Reisen ins Ausland.

Dieses Jahr ist nicht anders.

Mein Kollege Wilfried ist mit seiner lieben Frau Johanna wandern in den Dolomiten. Herrlich.
Falk, mein anderer Freund, befindet sich bereits seit zwei Wochen im brasilianischen Hochland mit seinem Sohn, um seinen Vater zu besuchen.

Manfred, mein Schwager, wird wieder angeln in Bayern. Ihm sind die fremden Zungen im Ausland ein Gräuel, das Essen auch.

„Einmal, sagt er mit Entsetzen, „musste mein Freund Achim in Sizilien Goldfische essen, nur weil er Essen bestellte, ohne zu wissen was er bekommen sollte. „Ich liebe es ruhig, und der Walchen See im Bayerischen ist genau richtig für mich. Dort weiß ich auch genau, was ich zu essen bekomme.“

Herr und Frau Hansen, meine Nachbarn, misstrauen eigentlich jedem Land. „Man holt sich dort nur noch den Tod“, sagen sie und bleiben lieber im Lande. Was Reisen anbetrifft gilt der Leitsatz, Keine Experimente, sagen sie. Dieses Jahr wollten sie allerdings etwas verrücktes machen und fuhren nach Frankreich, genauer gesagt nach Paris. Obwohl sie sich sehr auf den Parisbesuch gefreut hatten, kamen sie mit sehr gemischten Gefühlen zurück. Paris ist schön und sehr kosmopolitisch, sagten sie. Tolle Museen, Centre Pompidou, Louvre, Versailles, gute Weine, feine Restaurants. Und überhaupt. Alle Menschen der Erde sind dort anzutreffen. Nur Eins hat ihnen nicht gefallen, trauten sich nicht, mir es zu erzählen. Ich solle dies nicht missdeuten.
„Zu unserem Entsetzen stellten wir fest, dass Paris gar nicht mehr französisch ist. Und ganz schön gefährlich noch dazu.“

Bevor ich etwas sagen konnte, setzte ihr Ehemann fort.

„Viel zu viele schwarze Menschen dort! Die Züge, U-Bahnen und Busse sind voll von ihnen, man fragt sich, was sie dort machen. Das hatten wir gar nicht erwartet. Einmal waren wir einkaufen gewesen. Unversehens waren wir in ein Viertel geraten, man hätte nicht gedacht, man wäre noch in Frankreich. Lauter Schwarze mit Geschäften, Restaurants, Märkten mit Hammelfleisch, Südfrüchten und allerlei exotischen Produkten.
„Das geht doch nicht, finden Sie nicht? Es muss doch etwas dort getan werden, sonst ist doch der gute Ruf hin. Bald geht niemand mehr hin und dann haben die Franzosen das Nachsehen. Ich jedenfalls fahre nicht mehr hin“.

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