- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 3.1 Höhere Macht, bitte kommen
- 3.2 Ampongs Geld
- 3.3 Deutschlands gewiefte Richter
- 3.4 Geld verdirbt den Charakter!
- 3.5 Die Wege des Herrn
- 3.6 Geld stinkt nicht. Frauen auch nicht!
- 3.7 Paris (Oh, Champs Elysées)
- 3.8 Eis Kamerun!
- 3.9 Joseph und Maria auf afrikanisch
- 3.10 Ein Arschloch in der Kirche
- 3.11 Deutschlands Frauen
- 3.12 Sieh’ auf deine Vergangenheit und du erkennst deine Zukunft.
- 3.13 Wir grillen
- 3.14 Unser Spatz vom Dach
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
3.8 Eis Kamerun!
Generell wird in Afrika viel gelacht, viel mehr als in Europa. Jede Lebenssituation bringt etwas zum Schmunzeln mit. Heutzutage lache ich nicht mehr so blöd wie früher. Früher, da würde ich oft in Gelächter ausbrechen und bei jedem Pipifax herzhaft lachen. Das war zumindest der Eindruck meiner Freunde. Jetzt habe ich meine afrikanische Unschuld verloren. Ein besonderes Ereignis kurierte mich von der Neigung, immer und immer wieder blöd zu lachen. Ich habe mich an die deutsche Seriosität angepasst, es geht mir schon besser. Dies habe ich meiner Freundin Hannelore Blechschmidt zu verdanken.
Für eine Frau war Hannelore ziemlich großgewachsen. Sie war genau 2,02. Schmale Taille, kleine Brüste, ein breites Gesäß, nicht sonderlich hübsch, unkompliziert und sehr nett. Natürlich ragte sie gewöhnlich über die meisten Menschen mit denen sie zu tun hatte und das war ihr Problem. Deutsche Männer haben nämlich Angst vor großen Frauen. Um dies zu kaschieren, glorifizieren sie sie auf Hochglanz- Broschüren, Magazinen und Revues, da wo sie ziemlich unschädlich sind, nehme ich an. Hanne, wie sie genannt wurde, war auch Lehrerin in der gleichen Grundschule, in der ich ebenfalls Englisch unterrichtete. Meine liebe Kollegin jedenfalls wurde größtenteils von Männern gemieden. Sie war bereits 38, unverheiratet und immer noch ohne Freund, als ich sie kennen lernte. Da ich nicht einsah, warum Hanne leiden sollte, nur weil sie groß war, wurden wir gute Freunde. Wir besuchten uns gegenseitig, tauschten Freundlichkeiten aus und unterhielten uns über Gott und die Welt. Vor allem interessierte sie sich für meine Herkunft und Kultur. Angenehm einfach.
Eines Tages kam Hanne mit einer tollen Idee. Ihr Bruder heiratet, sagte sie mir ganz stolz. Die Hochzeit war in zwei Wochen und ob ich nicht mitkommen wollte. So könnte ich neben dem Spaß auch einen Einblick in das gesellschaftliche Leben der Deutschen gewinnen, fügte sie süffisant hinzu. Ich war sofort begeistert, weil mich solche Sachen immer schon interessierten. Die zukünftige Braut war die Tochter eines reichen Schuhfabrikanten, eines Millionärs. Die Feier sollte groß und schön sein und in Hagen im Westfälischen stattfinden. Ich nahm die Einladung sofort an und kaufte mir für diese Feier meinen ersten Anzug überhaupt. Es gab mehrere Gründe für meine Begeisterung. Ich war noch nie auf einer Hochzeit in Deutschland, ich kannte Nordrhein-Westfalen nicht und ich wollte unbedingt einen Millionär in Fleisch und Blut sehen. Sollte er nicht präsent sein, dann wollte ich mindestens eine Millionärstochter sehen.
Wir fuhren nach Hagen. Unterwegs fiel mir der Film ‘Guess who’s coming to dinner’ ein. Ich fragte deswegen Hanne, ob ihre Verwandte von meiner Ankunft wussten. „Ich habe gesagt, dass ich mit einem Freund komme, antwortete sie. Ich war ruhig. Nach einer Pause guckte sie mich etwas verunsichert an. „Warum fragst Du?“.
„Nee, ich wollte nur wissen. Hoffentlich kriegen sie keinen Schock, wenn ich erscheine, sagte ich. Sie drehte sich zu mir, diesmal ernsthaft.
„Jojo, hast du etwa Minderwertigkeitskomplexe? Warum sollten meine Leute einen Schock bekommen, nur weil du aus Afrika kommst?“
„Ich dachte nur. Könnte ja sein, oder? Wäre ja nicht das erste Mal in Deutschland.“
„Meine Verwandten sind liberal, tolerant und gebildet“.
Gut, dachte ich und entschuldigte mich für meine Unsicherheit und die Zweifel.
Wir kamen in Hagen an und ich lernte Hannes versammelte Verwandtschaft kennen. Sie waren alle sehr freundlich, höflich, aber auf eine seltsame Weise zurückhaltend. Immer wieder konnte ich beobachten, wie Hanne mit ihrer Mutter leise stritt. Immer wieder warfen die übrigen Verwandten verstohlene Blicke in meine Richtung. Ich wusste, etwas war nicht in Ordnung. Was ich nicht mitbekam, aber später heraus fand, war, dass meine Anwesenheit die Hochzeitsgesellschaft gespalten hatte. Eine Gruppe, darunter Hannes Mutter (ihr Vater war bereits seit mehreren Jahren tot), Bruder und Onkel fanden es endlich an der Zeit, dass sie einen Freund gefunden hatte. Eine andere Gruppe, darunter Hannes zwei Tanten, Kusine und Neffe, meinten, Freund schön und gut, aber musste es unbedingt ein Neger sein? Wenn überhaupt, musste die Präsentation des schwarzen Lovers unbedingt auf einer Hochzeit wie dieser sein? Was sollten die anderen denken? Ein Glück, dass ich damals nichts davon mitbekam. Hanne redete über dieses Drama erst Jahre später. Nun, bevor der Leser auch einen falschen Eindruck bekommt, sei es hier gesagt, dass ich zwar Hanne mochte, dass sie aber nicht meine Freundin im Sinne von Schlafkumpel war. Vielleicht hätte aus uns etwas festeres werden können, wenn der weitere Verlauf des Abends uns beide etwas günstig gestimmt hätte. Aber es sollte nicht sein.
Die Party war richtig im Gange und wir amüsierten uns schon. Es gab Gesellschaftstanz mit Walzer, Foxtrot, Quickstep und so. Ich machte keine schlechte Figur, ich hatte schon eine Tanzschule in Berlin besucht, bevor ich nach Hessen gezogen war. Zudem waren auch etliche interessante Gesprächspartner im Publikum, mit denen ich recht gut reden konnte. Dann kam die Zeit zum Essen. Auf dem Menü standen fünf Gänge vom Feinsten und was kam, war wirklich hervorragend. Als Nachtisch war ein Eis Kamerun angekündigt. Ich fragte Hanne ganz vorsichtig, ob sie wüsste was es war. Sie verneinte, vermutete aber stark, es würde sich um Schokoladeneis handeln. Irgendwie logisch. Ich sah es ein, blieb aber gespannt.
Dann war es soweit. Kerzen wurden angezündet, die Kellner trugen feierlich Tabletts mit eleganten Gläsern voller Eis durch den Raum. Auf jedem Eishaufen stand zur Dekoration ein braunes Marzipanmännchen in Form eines grinsenden Afrikaners. Diese Männchen waren so angebracht, dass man sie zuerst verspeisen musste, um an das Eis zu kommen. Die Leute fingen an zu essen, keiner bemerkte etwas komisches. Nur meine arme Kollegin Hanne nicht. Sie fand es überhaupt nicht lustig, dass ausgerechnet ihre Familie auf so eine Idee gekommen war. Sie war auf hundertachtzig und stürmte in Richtung Mutters Tisch. Sie fragte mit Entsetzen, was das alles sollte.
Die arme Frau Blechschmidt war verdutzt. Sie verstand Hannes Ärger überhaupt nicht. Ist ja nur Marzipan. Wer sollte schon daran Anstoß nehmen? Hanne aber fühlte sich zutiefst blamiert und nannte ihre Leute unseriös, unzivilisiert. Dann kam sie zurück zu unserem Tisch und erzählte mir von ihrer Enttäuschung. Und was machte ich Blödmann? Ich nahm ein Männchen, biß den Kopf ab und fing an zu lachen. Hanne rollte erst die Augen und war nun total am Boden zerstört.
„Jojo, ich sage dir was, eröffnete sie. „Du, vor allem Du, hast es überhaupt nicht nötig, über soviel Unsinn auch noch zu lachen“, schnaubte sie. „Sage mir jetzt ganz genau, was du an dieser Situation so lustig findest. Oder du willst dich nur lustig über mich machen?“. Jetzt sofort wusste ich, dass ich mit meiner Lockerheit zu weit gegangen war. Ich wurde ernst und wusste, dass ich etwas tun musste, um die brenzlige Situation zu entspannen. Kühn nahm ich Hannes Hand, zog sie ein wenig zu mir und gab ihr einen lauten, vollblütigen Schmatzer auf die Lippen. Die Anwesenden hatten die ganze Zeit zugeguckt und registrierten den Kuss. Der Saal fing an zu toben. Hanne hatte genau dies nicht von mir erwartet und war wiederum sprachlos. In meiner Verlegenheit erklärte ich ihr, dass man in Afrika nicht nur lacht, wenn etwas lustig ist. Mein Lacher war nur eine Bitte um Entspannung. Hanne war aber nicht überzeugt und rollte die Augen. Sie blieb beim Thema.
„Eins habe ich trotzdem nicht verstanden, Jojo. Sag mir bitte, warum du mich jetzt geküsst hast?“ Schwierige Frage. Ich blieb stumm und guckte nur blöd aus der Wäsche.
Neulich, als ich Hanne nach zwölf Jahren wider traf, sagte sie als erstes, sie wollte immer noch wissen, warum ich sie damals geküsst hatte. Es ist mein Geheimnis geblieben. Bis heute.