3.10 Ein Arschloch in der Kirche

Otto Schumann aus Bad Vilbel ist der Freund meines Freundes Samuel aus Uganda. Seit Otto klein war, liebte er den Blues aus Amerika. Nach dem Krieg waren es die Amerikaner, die ihm Schokolade und Bonbons gegeben hatten und sonst nett zu ihm waren. Jetzt liebte er alles, was aus Amerika kam. Eines Tages fragte mich Otto, ob ich die Atterberry Kasernen der Amerikaner in Frankfurt kennen würde?

„ Ja, sie liegen in Eschersheim, an der Homburger Straße, die nach Bonames führt.

„Genau,“ antwortete er. „Wenn du echten Blues und Gospel hören willst, dann geh dort sonntags in die Kirche zum Gottesdienst. Dann wirst du was erleben. Die Musik ist vom feinsten, die Leute können wie die Weltmeister singen. Um elf fangen sie an, es ist die wahre Pracht. Ganz anders als in unseren steifen Kirchen. Dort denkst du der Heilige Geist kommt gleich“. Samuel behielt diese Empfehlung im Hinterkopf.

Eines Sonntages verspürte er echte Lust, in diese Kirche zu gehen. Am Vorabend ließ er seine deutsche Frau und zwei Mischlingskinder und mich wissen, was er vor hatte. Seine deutsch Frau war einverstanden. Sie glaubte sowieso nicht an Gott und ging folglich eigentlich auch nicht gern zur Kirche. Aber sie liebte Blues und Gospel so sehr, dass sie nichts dagegen einzuwenden hatte. Am nächsten Morgen machten wir uns alle zurecht und fuhren die 22 Kilometer von Schöneck nach Frankfurt am Main.

Von weitem schon sahen wir die hohe Giebel der Kirche mit einem weißen schlanken Turm, wie sie oft auf Postkarten aus Amerika auch zu sehen sind. Dann parkten wir und eilten in die Kirche, die bereits zu zweidrittel voll war. Wir reihten uns ein in einer freiliegenden Reihe, richtig gespannt auf die Musik und überhaupt.

Wir waren aber kaum drin, da wussten wir bereits, dass etwas nicht stimmte. Irgendwie war die Stimmung in dieser Kirche komisch. Zunächst. Es gab keinen einzigen Schwarzen in der Kirche, außer mir! Dann fingen die Versammelten an, verstohlen uns nacheinander anzugucken. Die Blicke waren aber nicht freundlich, sondern fragend. Nach dem Motto, was macht ihr denn hier. Erst dann fiel mir ein, wir saßen nun in einer gemeinen Falle. Dies war keineswegs die empfohlene Kirche, sondern die Kirche für die weißen Soldaten der US Army. Es gab eine Zweite für die Neger, und dort war die Musik angeblich gut. Was nun? Es war fast elf Uhr und zu spät jetzt für die andere Kirche. Wir wussten sowieso nicht, wo sie stand und wir konnten jetzt schlecht hinausgehen. Ob gut oder schlecht mussten wir nun bleiben. Keiner sagte etwas für oder gegen uns, aber wir fühlten uns unwohl. Des Gottesdienst begann, wie zu erwarten, war er war natürlich langweilig, da keiner Gospel sang oder gar tanzte. Während ich mich noch wunderte, wo das ganze hinführen sollte, bemerkte ich eine junge hübsche Dame von vielleicht siebzehn Jahren, die eine Reihe direkt vor mir saß. Sie schien nicht besonders an dem Gottesdienst interessiert, sie schrieb ständig etwas in ein Notizbuch. Als sie mal etwas zur Seite rutschte, konnte ich einen Blick auf ihre Notizen werfen. Es war ein Brief an eine zurückgelassene Freundin in Amerika.

„Liebe Sherry, stand da. Ich bin nach den Strapazen der letzten Wochen hier heil angekommen. Heute sitze ich in einer gottverdammten Kirche mit meinen Eltern und schreibe dir diese Zeilen. Schade, dass Kevin nicht hier bei mir ist. Ich vermisse ihn so. Seit Ankunft habe ich einen Nachbarsjungen kennen gelernt. Die ersten drei Tage hatten wir eine heftige Affäre, wir sind aber nicht mehr zusammen. Er erwies sich als ein großes Arschloch“.

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