4.2 Moderne Wegelagerei?

Als die Deutsche Post privatisiert wurde, gab es nicht wenige, die Befürchtungen äußerten, dass dieses klobige Unternehmen niemals Profit erwirtschaften würde. Mit einer ausgeklügelten TV-Kampagne jedoch wurde der Börsengang eine erfolgreiche Sache. Genau ein Jahr danach, auf einer Pressekonferenz verkündete Herr Zumwinkel, Chef des Unternehmens, ein sagenhaftes Ergebnis von 2 Milliarden DM Profit. Übernacht war er zum Wunderknabe der Industrie avanciert. Wer die Deutsche Post kennt und etliche Stunden in Warteschlangen verbracht hat, weiß, es konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Auch ich hatte meine Zweifel, konnte aber nicht konkret sagen, was mich so argwöhnisch machte. Die Antwort auf das rätselhafte Geldvermehrung kam kurze Zeit danach. Von nichts kommt bekanntlich nichts. Der Profit kam genau von irgendwoher.

Der Anruf aus New York kam eindringlich an. „Wo bleibt die Kleidersendung aus Ghana? Weihnachten steht vor die Tür und die Kundschaft wartet“, kam es recht ungeduldig vom anderen Ende der Leitung.

Mein Freund Frank Mitchell, ein amerikanischer Soldat, auf der großen Luftbasis von Kirchheimbolanden stationiert, war zu Besuch bei mir in Vilbel. Er hatte ein 13 kg schweres Paket bei sich, das er vor Weihnachten unbedingt nach New York schicken wollte. Wir hatten schon Mitte Dezember, Eile war geboten. Um die Sprachbarriere zu überwinden, brachte Frank die Sendung zu mir, ich sollte ihm bei der Abwicklung helfen. Wir gingen zur Post, ich half ihm, alles zu erledigen. Kein Problem. Die Dame am Schalter sagte, mit Luftpost würde es eine Woche dauern. Für eine so schnelle Lieferung würde es allerdings DM 265 kosten. Diese Summe wurde ohne weitere Diskussionen bezahlt. Für Frank machte das nichts, es war sowieso bald Weihnachten, und die lieben daheim waren sehr gespannt. Im Paket waren bunte Hemden aus der Urheimat der schwarzen Familie aus der Bronx. Diese sollten am Tag des Kwanzaa, ein afro-amerikanisches Fest, das Weihnachten ersetzt, angezogen werden. Die Rahmen sollten schließlich passen. Eine verspätete Lieferung wäre tödlich. Damit nichts schief geht, wurde sogar die Telefonnummer des Empfängers auf das Paket geschrieben. Für alle Fälle.

Zur Verblüffung aller, war bis zum 25. Dezember leider keine Sendung in der Bronx angekommen. Eine Nachfrage von mir brachte kein Ergebnis. Einen Suchantrag müsse gestellt werden. Mindestens zehn Tage sollten für die Antwort veranschlagt werden. „Bedauere!“, sagte die Schalterdame in der MacPaper-Filiale der Post in Bad Vilbel, „aber man kann nichts machen.“

Wir hatten Verständnis, und nach einer Woche erhielt Frank Post von der Post. Nach den üblichen Floskeln hieß es: „ die Nachforschungen nach Ihrem Paket Nr. 631343767099sind abgeschlossen. Leider konnte die Sendung trotz eingehender Ermittlungen weder im Bereich der Deutschen Post AG noch bei unserem Partner-Postunternehmen aufgefunden werden. Die Sendung muss als verloren gegangen gelten. Eine Haftung bei Verlust, Beschädigung oder Inhaltsminderung von gewöhnlichen Paketen im Postverkehr mit USA ist nach unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen für den Frachtdienst Ausland in Verbindung mit den internationalen Bestimmungen des Weltpostvertrages nicht möglich. Wir können deshalb leider keinen Ersatz leisten. Für die Ihnen entstandenen Unannehmlichkeiten bitten wir um Entschuldigung.“ Gezeichnet Weixler Marianne.

Nicht nur war das Fest in der Bronx versaut gewesen, jetzt fing die Angelegenheit an, richtig teuer zu werden. Ich war wütend. Ich rief Frank in Kirchheimbolanden an, er kam extra am folgenden Wochenende nach Vilbel. Wir gingen zur Post, um zu protestieren. Diesmal wollte Frank die Sache in die eigenen Händen nehmen und attackierte die Angestellten in Englisch. Die netten Damen, die anfangs mit ihm schon passables Englisch bei der Abgabe gesprochen hatten, zuckten jetzt nur noch mit den Schultern und machten auf ahnungslos, was die Sache allerdings nur noch verschlimmerte. Wir fingen an zu schreien. Der Geschäftsleiter kam darauf hin zu uns.

„In Deutschland müssen Sie, wenn schon, Deutsch sprechen, tut mir Leid“, sagte er. „Wir sind hier zu beschäftigt, um unsere Ohren auch noch mit Englischlernen zu plagen. Bringen Sie einen Dolmetscher mit, oder schweigen Sie, bitte.“ Ich wollte intervenieren im astreinen deutsch, aber er drehte sich zu mir und stoppte alle meinen Bemühungen mit der simplen Frage: „Heißen Sie Frank Mitchell?“

Was tun. Frank zischte ein paar Beleidigungen in die Gegend und stürmte aus der Post raus. Die Station in Kaiserslautern hatte einen deutschsprechenden Anwalt für solche Fälle. Er würde sich um die Sache kümmern. Etwas vier Wochen nach dem Showdown in Bad Vilbel bekam Frank noch einen Brief von der Post. Er sollte sich bei der Post melden, um eine Sendung abzuholen. Er wunderte sich, weil er nichts erwartete. Gespannt ging er zur gleichen Filiale. Dort erfuhr er, dass die Post gute Nachrichten für ihn hatte. Die verloren geglaubte Sendung war doch gefunden worden. Mit der Bezahlung der Rücktransportgebühr von DM 105 könnte er die Sache aus der Welt schaffen und seine ursprünglichen Sendung wieder haben. Wenn diese Gebühr nicht bezahlt sein sollte, würde die Sendung nach Würzburg geschickt werden, drei Monate gelagert und anschließend versteigert werden, wurde Frank ergänzend unterrichtet. Hatte er richtig gehört? Er solle nochmals soviel Geld bezahlen? Für eine Leistung, die nicht erbracht wurde? Niemals.

Die Sache liegt jetzt beim Anwalt des Amerikaners. Er hat einen bösen Brief an die Deutsche Post AG geschrieben. Es sind mittlerweile sechs Monate vergangen. Das Paket ruht noch auf der Post in Bad Vilbel und wir warten auf den Brief von der Postzentrale in München. Nach der letzten Erkundung war die Zuständige im Urlaub. Abgesehen davon, dass die Sache schon merkwürdig ist, verstehe ich, wie die Post zu ihrem Profit kommt. Einfach große Gelder kassieren, für so wenig Leistung wie möglich. Dass kann eigentlich jeder machen. Herr Zumwinkel ist ein moderner Scharlatan im seidenen Kittel. Sein Wundermittel taugt eigentlich nichts. Erst gestern hieß es, die Aktien der Gelben Riese haben seit Weihnachten um 10% nachgegeben. Die Götter in Afrika leben noch, oder?

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