Halbwahrheiten
4.3 Der Schaffner vom Dienst
Es gibt eine Berufsgruppe, die ich noch nie mochte. Schaffner. Ich mochte die Leute aus dieser Zunft nicht, weil ich bereits sehr schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht hatte. Ob im Bus oder im Zug, in der U- oder S-Bahn, sie waren alle gleich. Arrogante, eingebildete Heinis, mit denen ich schon seit meinen früheren Zeiten in Berlin nichts mehr zu tun haben wollte. Ich sprach kaum deutsch. Ich armer Afrikaner kannte mich mit den Modalitäten der U-Bahnfahrt nicht aus. Überall waren Automaten, alle Hinweise auf deutsch und nie hatte ich Kleingeld parat. Ein Horror für jeden Neuankömmling, egal woher. Ich stieg zum ersten Mal in die U-Bahn, konnte die verwirrende Situation mit den Automaten nicht bewältigen und hatte keine Fahrkarte. Prompt stieg ein besonders eifriger Schaffner ein, der mich kontrollierte. Peinlich. Noch nie fühlte ich mich so gedemütigt und machtlos. Ich musste mit auf die Wache und so. Dort wurden mir T ausende von Fragen gestellt, unfreundliche Blicke durchbohrten mich und dann sollte ich noch eine ordentliche Strafe zahlen. Nein. Ich mag diese Typen nicht. Grundsätzlich. Ich bin wie ein Elefant, ich vergesse und verzeihe nichts. So war es geblieben, zumindest bis vor einigen Wochen. Ich habe meine Meinung grundlegend geändert. Es kam so.
Ich war mit dem Zug von Büdesheim nach Bad Honnef unterwegs, wo ich in der dortigen Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung gelegentlich zu tun hatte. Am Frankfurter Hauptbahnhof stieg ich um in den ICE nach Koblenz und nahm Platz in einem 4-Mann-Abteil. Kaum hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt, kam auch schon der Schaffner: „Die Damen und Herren, bitte Ihre Fahrkarten“. Wer kennt das nicht? Ich kramte meine Fahrkarte, sämtliche Zuschlagsbelege und die Bahncard aus der Jackentasche heraus. Der Typ entwerte die Fahrkarten ordnungsgemäß, guckte mich aber währenddessen etwas misstrauisch an, dachte ich zumindest. Ob ich meinen Ausweis zeigen könnte, fragte er höflich. Da ich alle Reisepapiere hatte, war ich nicht unbedingt verpflichtet, mich zusätzlich auszuweisen, ich wollte aber keine Geschichte daraus machen und holte meinen ghanaischen Paß heraus. Sie hätten sein Gesicht sehen müssen.
„Ghana“, schrie er verwundert. Er streckte seine Arme aus. „Das dachte ich mir. Grüß Gott. Ich bin der Kirschschläger Alois, gebürtig aus Bayreuth. Mein Schwiegersohn und bester Freund ist auch aus Ghana.“ Jetzt war ich überrascht, aber mächtig interessiert. Ich wollte wissen, wie er dazu kam, einen Freund aus Ghana zu haben und er legte los, als ob er nur darauf gewartet hatte.
In Uttenreusch, einer kleinen Gemeinde bei Fürth, wo er inzwischen wohnte, arbeitete ein junger Arzt aus Ghana, der das Leben seiner kleinen, süßen Nichte gerettet hatte, erzählte er. Die Kleine war an einer seltenen, lebensbedrohlichen Krankheit erkrankt. Ärzte, Homöopathen, Spezialisten hatten sie viel besucht, aber keine Linderung der Qualen erreichen können. Fast resigniert und halb ungläubig gingen sie zu diesem pechschwarzen Arzt aus Afrika, den ein Kollege in Erlangen empfohlen hatte. Und siehe da, rasch wurde das Mädchen gesund. Dafür gab es ein Familienfest, zu dem der Arzt eingeladen wurde. Bei dem Fest lernte er die hübsche Tochter des Schaffners kennen und lieben. Das ganze Dorf unterstützte die Romanze mit großem Interesse und Wohlwollen, bis es zur Hochzeit kam. So wurde der Arzt aus Ghana sein Schwiegersohn. Seitdem ist die Sippe in Uttenreusch in vieler Hinsicht mit Ghana verbunden. Sie lassen nichts auf Ghanaer kommen, mittlerweile gehen sie samstags ins Nürnberger Stadion, wenn ghanaische Fußballer spielen, egal welche.
Übrigens. Diese Geschichte erzählte mir der Schaffner während seiner Dienstzeit im Zug. Wir rollten zwischen dem Frankfurter Flughafen und Mainz. Die anderen Reisenden im Abteil horchten gebannt mit. Der gute Mensch war so in seinem Element, dass er völlig vergessen hatte, dass er im Dienst war. Plötzlich kam die Durchsage, dass wir in Kürze Mainz erreichen würden.
„Um Gottes Willen“, sagte der Schaffner. „Jetzt muss i aber los! Schöne Grüße an Ghana. Wir sparen alle noch und dann machen wir gemeinsam Urlaub dort“.
Zum ersten Mal hatte ich einen menschlichen Schaffner getroffen. Seitdem rede ich nicht mehr so abfällig über sie, obwohl die meisten von denen wirklich Kotzbrocken mit steinernen Herzen sind.