Halbwahrheiten
4.4 Die Sache mit dem Lassa Fieber
Als einmal der deutsche Außenminister Joschka Fischer Journalisten als 5-Mark-Nutten bezeichnete, gab es ein öffentliches Aufruhr. Natürlich waren alle Journalisten beleidigt. Alle taten empört und druckten in ihren zahlreichen Kolumnen Artikel über Artikel über diese Unverschämtheit gegenüber einer ganze Zunft. Nur ich habe nicht wirklich an diese ganze Empörung geglaubt. Irgendwo insgeheim dachte ich auch schon, dass viele dieser Journalisten eigentlich wussten, das der Minister recht hatte. Zumindest war ich felsenfest davon überzeugt. Warum?
Es kam nämlich so. Eine hübsche junge Dame aus Deutschland reiste nach Westafrika und kam mit Lassafieber zurück. Natürlich wussten die hiesigen Ärzte nicht, was diese Krankheit war. Sie konnten sie nicht rechtzeitig diagnostizieren, worauf die schöne Dame starb. Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Journalisten. Rund zwei Wochen lang gab es nichts anderes in den Zeitungen, als das Thema Lassafieber. Im Fernsehen gab es Interviews, Diskussionen, Features, Workshops über gefährliche Krankheiten in Afrika. Warnungen wurden ausgesprochen und eine generelle Hysterie verbreitet. Schade für mich. Mein Sohn hatte gerade Abitur gemacht und als Belohnung eine Reise nach Ghana mit einigen Schulkameraden geplant. Die Planung lag fast ein Jahr zurück und bis dahin hatte es niemanden gegeben, der diese Reise in Frage gestellt hatte. Bis das Lassafieber kam, natürlich.
Unser Telefon blieb nicht mehr stumm. Täglich bekamen wir Anrufe von besorgten Eltern, die wissen wollten, ob ihre Kinder in Ghana nun gefährdet seien oder nicht. Ich tat mein Bestes, um die allgemeine Hysterie zu beseitigen, aber vergeblich. Ich musste in die Offensive gehen. Ich besann mich, die Schüler plus ihren Eltern zu mir nach Hause einzuladen. So etwas nennt man vertrauensbildende Maßnahmen. Ich rief alle an und lud sie zu einem afrikanischen Kochtag plus Diashow über Ghana ein. Und alle kamen.
Die üblichen Höflichkeiten wurden ausgetauscht. Ich ging zur Sache. Zunächst gab es ein „interessantes“ Essen aus Ghana: Yams-Bällchen mit einer pikanten Spinat-Ziegenfleischsoße. Zu trinken gab es eisgekühlten Palmwein, davor gab es Takai, ein leckerer Aperitif aus einer Kakao-Kaffee-Mischung. Es wurde tüchtig gegessen und getrunken, einige Mütter gaben zu verstehen, vom Essen her allein wäre Ghana jetzt schon eine Reise wert. Die Dias, handverlesen und mit den touristischen Höhepunkten meines Landes gespickt, waren auch ein Riesenerfolg. Gleich danach hatte niemand in der Runde auch nur einen Hauch von Zweifel über die bevorstehende Reise nach Ghana. Während des anschließenden Gesprächs stellte sich heraus, dass die Jungs nicht direkt von Frankfurt nach Accra fliegen, sondern einen Schlenker über Kairo machen und dort vier Tage verbringen wollten. Die Pyramiden sehen, auf dem Nil fahren, einen Bauchtanz erleben und Pfefferminztee trinken. Es klang nicht schlecht.
Trotzdem. Jetzt hatten wir eine echte Krise. Fast alle Eltern waren nun gegen den Aufenthalt in Kairo. Besonders die Mütter waren besorgt. Dort gab es doch die Fundamentalisten, die ständig Leute über den Haufen schossen, nicht war? Genug Bilder im Fernsehen hatten gezeigt, wie schlimm die Lage dort war. Ghana, sagten sie, wäre kein Problem. Außerdem. Araber gelten doch als Busengrabscher und elende Anmacher. Sollten sie ihre zarten Mädels diesen vollbärtigen Mullahs überlassen? In einer Moloch von Stadt mit über zehn Millionen Einwohnern? Nein, die Kinder sollten schnurstracks nach Accra fliegen, dort wären sie doch besser aufgehoben. Dass mit dem Lassafieber war doch nur Angstmacherei.
Ich war amüsiert, und guckte zufrieden in die Runde.
Übrigens: wie die heutigen Kinder in Europa halt sind, ließen sie sich nichts von ihren Eltern vorschreiben. Es ist nämlich so, wer annähernd in seiner Gruppe den Eindruck erweckt, dass der von seinen Eltern viel hält, gilt als Memme, schwachbrüstig oder Schleimer. Keiner in der Gruppe wollte sich vor versammelter Mannschaft blamieren. Also ignorierten sie natürlich die Wünsche ihrer Eltern. Sie flogen selbstverständlich nach Kairo, zum großen Kummer ihrer Eltern, verbrachten vier wunderschöne Tage und flogen anschließend nach Accra, wo sie im Schoß meiner ghanaischen Verwandten nach allen Regeln der Kunst verwöhnt wurden. Während ihres Aufenthaltes in Ghana hielt ich trotz gegenteiliger Bekundungen den Atem an. Die Kriminalitätsrate in Accra steigt und Malaria ist immer ein Problem. Was konnte nicht alles passieren? Groß war deswegen meine Erleichterung, als sie alle wieder gesund, glücklich und triumphierend nach Hause zurückkehrten. Der nachfolgende Diaabend mit den Bildern aus Afrika war ebenfalls ein riesiger Erfolg.
Seit dieser Reise merken die heimgekehrten Schüler große Veränderungen zu Hause, sagen sie. Ihre Eltern lassen sich mit gar nichts mehr schocken. Im Gegenteil. Sie fangen an, ihre Kinder mit seltsamen Reisewünschen fertig zu machen. Neulich war Jessica, eins der Mädchen, das mit nach Ghana geflogen war, bei uns zu Hause. Sie berichtete ganz entsetzt von den Wandlungen ihrer Eltern. Keiner in ihrer Familie zuckte mit der Wimper, als sie jüngst drohte, ein Studienjahr auf Madagaskar verbringen zu wollen. Ihr Vater holte sofort den Atlas, stellte fest, er war noch nie am Indischen Ozean, begrüßte die ganze Sache enthusiastisch, und freute sich auf die einmalige Gelegenheit, dort zu Besuch kommen zu dürfen. Endlich auch Afrika erleben, nicht immer nur die jungen Leute. Thilo, auch ein Teilnehmer, berichtet auch von seltsamen Geschehnisse bei sich zu hause. Neulich, in der Familie, drehte sich eine hitzige Debatte um wo sie den nächsten Urlaub verbringen sollten. Seine Mutter, sie gehörte damals zu den am meisten Aufgeregten wegen Ghana, schlug ganz ernsthaft vor, zu den Voodoo-Priestern in Benin zu reisen. Um, wie sie es ausdrückte, zu erfahren, ob etwas hinter der Hexerei steckt. Sie will alleine reisen. Ohne Papa und ohne Thilo. Sie hat sich schon Prospekte bei Ikarus Reisen in Bad Homburg besorgt und studiert Tag und Nacht die günstigen Reisezeiten. Jetzt will sie wissen, wo Abomey liegt. Von dieser Stadt habe ich noch gehört, dabei dachte ich, ich sei gut in Geographie.