Halbwahrheiten
4.5 Mein Freund, der Pfarrer
Pfarrer Ansah aus Mpohor in Ghana ist mein Jugendfreund. Ich bin mit ihm zusammen im Bergbau Städtchen Tarkwa aufgewachsen. Sein Vater war Eisenbahner, meiner war der Bürgermeister unserer Heimatstadt. Trotz Standesunterschiede verstanden wir uns prächtig und wurden dicke Freunde. Bis heute. Was uns auch verband, unsere Eltern waren fromme Katholiken. Unsere Wege trennten sich zum ersten Mal, als ich nach dem Abitur zur pädagogischen Hochschule in Cape Coast ging. Ansah war viel ernsthafter mit der Religion und wollte Pfarrer werden. Dies obwohl er viele weibliche Verehrer in unserer Stadt hatte. Ein Jahr später wurde er ins Priesterseminar von Amisano bei Elmina aufgenommen. In Ghana auch heute noch, betrachtet man so ein Ereignis als segensreich für die Familie aus der der Priester stammt. Darum waren seine Eltern begeistert und sehr stolz auf sich. Wir, seine Jugendfreunde, waren auch erfreut, aber etwas verdutzt. Das Leben eines katholischen Pfarrers in Afrika ist nicht leicht. Dort werden die Tugenden Zölibat und Armut ernst genommen und wortwörtlich praktiziert. Nicht wie in Irland, wo der katholische Bischof Eamonn Casey eine Frau ganz unbemerkt schwängern konnte. Trotzdem ist ein Leben lang ohne Frau und Kinder in Afrika nicht leicht zu vermitteln und wir verstanden eh nicht, warum Ansah dies unbedingt tun wollte. Wir sagten uns dennoch, Hauptsache er ist dabei glücklich. Wir blieben Freunde. Noch nicht einmal die notwendige Trennung nach meinem Abflug nach Deutschland tat unserer Freundschaft Abbruch. Wir schrieben uns regelmäßig und telefonierten oft miteinander.
Dann wurde mein Freund tatsächlich Pfarrer. Seine erste Gemeinde war in Apowa, ein Städtchen nahe Sekondi-Takoradi mit einer bekannten Schule, in der früher Robert Mugabe (jetzt Präsident von Simbabwe) lange als Lehrer gearbeitet hatte. Bona (so nannte ich meinen Freund, den Pfarrer), bekam die einmalige Gelegenheit, in Rom seinen Doktor in Kirchenrecht zu machen. So landete der bescheidene, junge Pfarrer aus einer armen Gemeinde in Ghana in Italien. Von Rom aus besuchte er mich und meine Familie in Deutschland. Unsere Gespräche drehten sich natürlich um unsere unterschiedlichen Lebensformen. Bona hatte einiges zu berichten. „Die ganze Sache mit der katholischen Religion ist kompliziert“, sagte er. „Erst jetzt habe ich gemerkt, dass wir die Afrikaner auf einen simplen Trick der Europäer aufgesessen sind. Wenn man in Rom ist, merkt man, dass Katholizismus für uns einfach eine Fremdreligion ist. Es gibt zu viele Widersprüche in der Art und Weise, wie wir die Dinge tun. Etwas undenkbares bei uns, zum Beispiel ist die Tatsache, dass alle Priester in Europa Haushälterinnen haben. Kein Mensch hier glaubt, dass diese Frauen nur kochen und sonntags Kerzen anzünden. Und was machen wir? Mein Koch ist männlich. Und nehmen wir zum Beispiel das Thema Geld an. In Deutschland werden die Priester sogar vom Staat gut bezahlt. Sie haben tollte Dienstwohnungen und müssen keine Soutane tragen. Neulich war ich auf eine Party eingeladen. Ich, Blödmann, trug eine schwarze Kutte. Mein italienischer Gegenüber entpuppte sich später auch als katholischer Pfarrer, kam aber in Zivil, und nur mit einem kleinen Kreuzchen am Revers ausgestattet, das erst entdeckt werden musste.“
Bona war in Fahrt und fuhr fort. „Geh zum Vatikan und gucke dort, was los ist. Nicht weit von den heiligen Toren des Peterdoms spazieren langbeinige Prostituierte in Stiefeln und Miniröcken rauf und runter. Meine Frage ist, warum sind wir eifriger als diejenigen, denen die Religion ursprünglich gehörte?“ Auf diese Frage hatte ich keine Antwort, aber eine kleine Anekdote.
Eines Tages war ein armer Afrikaner von vornehmen Leuten zu einer vornehmen Party am Bodensee eingeladen. Wie es bei solchen Anläsen Sitte ist, war Anzug und Krawatte Pflicht. Kein Problem. Das größere Problem für unseren armen Afrikaner war jedoch wie sich benehmen bei vornehmen Leuten? Er war noch nie soweit gekommen, jetzt wollte er sich nicht blamieren. Seine Freunde rieten ihm, immer sich so zu verhalten, wie sein Tischnachbar auch tut. Der Party Tag kam, unser Freund im schönen Anzug ging hin. Glück oder Unglück, neben ihm saß der Hausherr, ein sehr freundlicher Mann, der richtig interessiert in Afrika war. Gleich nach den ersten netten Worten fingen die Geladenen mit dem Essen an. Der Hausherr, sein Nachbar, nahm einen kleinen Teller, er tat das Gleiche. Er füllte den Teller mit Milch. Unser Freund tat das Gleiche. Dann bückte sich der Hausherr und gab ihn einer Katze unter dem Tisch. Jetzt saß unser armer Afrikaner am Tisch mit seinem Teller voller Milch. Ende der Anekdote.
„Du meinst, wir sind die Dummen und wissen nicht, was wir tun?“ fragte mich Bona.
„Ich meine gar nichts“, sagte ich. Er schwieg.
Ich bin richtig gespannt, was Bona machen wird, wenn er wieder daheim ist.