Halbwahrheiten
4.8 Heiraten in Germany
Kwame Oppong aus Ghana hatte nicht viel gelernt in seiner Heimat. Drum hatte er dort auch keinen Job gehabt. Das Leben war schwer, nur eine Möglichkeit blieb ihm offen: Auswandern, nach Europa fliegen, irgendwo sein Glück versuchen. Kwame sparte Geld, suchte einen sogenannten Contractor auf, der ihm falsche Papiere nach Deutschland besorgte. Er verabschiedetet sich von seinen Eltern mit dem Versprechen, bald mit Autos und viel Geld zurück zu kommen, um dann ein erfülltes Leben anzufangen. Am Düsseldorfer Flughafen, wo Ghana Airways zweimal die Woche landet, war am Tag seiner Ankunft die Hölle los. Die Grenzbeamten dort wissen, dass viele Afrikaner versuchen, sich dort die Einreise ins deutsche Paradies zu verschaffen und tun alles, um genau dies zu verhindern. Trotzdem, Kwame hatte Glück und kam mit seinen falschen Papieren durch nach Deutschland. Es war eigentlich einfach. Die meisten Europäer meinen, dass alle Afrikaner sich ähneln und können sie sehr schwer auseinander halten. Eigentlich wie bei den Chinesen, die sich ebenfalls ähneln sollen. So ist es relativ leicht, mit authentischen Reisepapieren von Freunden durch ganz Europa zu reisen. Manchmal hat man Pech und trifft auf Europäer, die Afrika- Erfahrung haben. Dann heißt es, ab ins Kittchen und dann schnell wieder nach Hause. Gewöhnlich aber ist es keine große Sache, durch zu kommen. So geschah es mit Kwame Oppong. Nein, er hatte keine Probleme am Flughafen.
In Deutschland war er nun. Jetzt fingen seine Probleme erst recht an. Er schlief einige Wochen lang bei Bekannten aus der Heimat, konnte aber nicht länger bleiben. Es gab etwas, das man „Anmeldung“ nannte. Frei übersetzt bedeute dies: er musste freiwillig der Polizei zeigen, wo er wohnte, damit sie ihn abholen könnten, falls die Polizei dies für notwendig betrachtete. Dies wollte er natürlich nicht tun. Dann brauchte er Arbeit. Man sagte ihm, nur wer eine „Aufenthaltserlaubnis“ besaß, dürfte arbeiten. Dies hatte er aber leider auch nicht. So geriet die Arbeitsuche ins fabelhafte, da er zunächst ein Stück Papier genannt „Arbeitserlaubnis“ benötigte. Ohne dies wollte ihm keiner einen Job geben, obwohl es viele Jobs gab, die kein Deutscher machen wollte. Auch dieses Problem meisterte er, indem er die Papiere eines Freundes, der legal in Deutschland lebte, nahm. Ständig lebte Oppong in Angst und Schrecken, die Polizei war allgegenwärtig und konnte ihn jeder Zeit schnappen. Freunde sagten ihm, nur eines könnte seinem Leben hier etwas Ruhe bringen. Die Ehe mit einer deutschen Frau.
„Der Tag, an dem ich hier heiraten werde“, pflegte Kwame Oppong aus Ghana beim Bier zu sagen, „wird der schönste Tag meines Lebens sein. Ich werde dann keine Probleme mehr mit der Polizei, kein Herzklopfen aus Angst haben, endlich werde ich in Ruhe arbeiten können, um viel Geld zu verdienen“.
Appiah hatte zugehört und musste lächeln. Du scheinst nicht zu wissen wovon du redest, mein Lieber. Warte mal ab, bis Du erst mal verheiratet bist, dann reden wir weiter. Eine Ehe ist kein Zucker schlecken und schon gar nicht mit einer deutschen Frau. Diese Leute sind genauso schwierig wie ihr Wetter. Du weißt nie, wie es Morgen wird. Ja, sie sind wie der sprichwörtliche Santrokofi-Vogel aus Ghana. Wenn Du ihn fängst, bringst Du Unglück ins Haus, wenn Du ihn los lässt, verlierst Du dein Glück.“
Für Oppong waren solche Worte die eines verbitterten Mannes, den man nicht zu wichtig nehmen sollte. Eine Frau musste her, koste es was es wolle. Er ging in Diskotheken, saß in verrauchten Bars, zechte mit fragwürdigen Säufern und ging oft furchtbar auf die Nerven. Nichts schien zu klappen. Dann lernt er eines Tages einen Amerikaner in Hanau-Wolfgang kennen. Dort war eine große Militärkaserne der NATO, es wimmelte von deutschen Frauen, die sich auf Soldaten spezialisiert hatten. Über sie lernt er die dicke Maria kennen. Liebe auf den ersten Blick. Ein Monat lang wurde geturtelt, dann war der Tag der Hochzeit gekommen. Kwame Oppong war glücklich, wie er sagte. Die Formalitäten für seine Aufenthaltsgenehmigung waren schnell erledigt, er bekam dann auch den lang ersehnten legalen Status. Der Alltag kehrte ein. Oppong fand Arbeit bei einer Gießerei in Darmstadt und brachte stolz sein Gehalt nach Hause. Maria, ohne Kind und Job, liebte das schöne Leben ohne Arbeit. Während ihr Mann schuftete, ging sie shoppen und saß in schönen Cafés herum. Nach drei Monaten schmiss sie ohne Warnung die Wohnzimmergarnitur raus und bestellte aus dem Neckermann Katalog etwas Passenderes. Dann fiel Maria ein, dass sie ihre Schwester in Kalifornien lange nicht mehr gesehen hatte. Sie kaufte sich kurz danach ein Flugticket und flog für vier Wochen nach Amerika. Oppong arbeitete brav weiter, stellte fest, dass er seinen Eltern in Ghana gar kein Geld schicken konnte. Seine zarten Proteste fruchteten nicht.