- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 5.1 Gott ist unsterblich
- 5.2 Meine pakistanische Dolmetscherin
- 5.3 Beerdigung in Coburg
- 5.4 Der Wettergott von Büdesheim
- 5.5 Die Hundeverordnung
- 5.6 Schiffbaukunst im Restaurant
- 5.7 Die Dönerverkäufer und die Rechtsradikalen
- 5.8 Man kann zweimal sterben
- 5.9 Die Hausa Übersetzung
- 5.10 Die Toten Hosen machen doch Lärm
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
5.2 Meine pakistanische Dolmetscherin
Mein Dorf in Deutschland, praktisch mein deutscher Heimatort, heißt Büdesheim. Als ich dort vor fast dreißig Jahren hin zog, war Büdesheim ein echtes Kaff am Rande der Wetterau. Obwohl nur 22 km von Frankfurt am Main entfernt, kannten meine Arbeitskollegen in Frankfurt diesen Ort nicht. Viele der Kollegen fanden es sogar unheimlich, dass ein Afrikaner in so einem Ort wohnen konnte. Ich aber fühlte mich wohl in Büdesheim, wo die Leute tolerant, entspannt und bodenständig waren. Marion hatte mich, einen Afrikaner, kennen gelernt und irgendwie interessant gefunden. Obwohl sie sich anfangs auch nicht vorstellen konnte, immer in Büdesheim zu leben, zog sie doch zu mir, als wir heirateten. Deswegen wohnte sie nun in Büdesheim, wo sie den gurgelnden Dialekt der Menschen hier nicht verstand. Marion war Frankfurterin von Geburt an und hatte ihr Leben bis dahin nur 22 km von Büdesheim verbracht. Sie beschloss, das Beste daraus zu machen. Trotzdem verstand sie die Leute hier nicht. Ich, armer Häuptling aus Afrika, wie meine Kollegin Uschi gern sagte, musste oft als Dolmetscher für meine Frau eintreten, wenn es brenzlig wurde. Mit bald zwei Kindern war sowieso nur Alltag angesagt. Jeder im Ort wusste, dass Marion mit einem Afrikaner verheiratet war und zwei süße braune Kinder hatte. Jeder fühle sich berechtigt, die Hände durch die Haare der Kinder fahren zu lassen, die Haut zu betätscheln und ständig Fragen wie, sind die Kinder „adoptiert oder Eigengewächs“ zu stellen. Oft kehrte sie ziemlich fertig vom Einkaufen zurück und schwor sich, dieses Kaff zu verlassen.
Sie gewann Büdesheim erst ganz lieb an dem Tag, als unsere Kinder sich weigerten, von hier wegzuziehen. Hier war ihr Heimatdorf und hier wollten sie bleiben. Ist es nicht süß? Neulich, nach fast zwölf Jahren Aufenthalt in Büdesheim wurde die Liebe meiner Frau zu diesem Dorf auf die härteste Probe gestellt. Was war geschehen? Sie ging im örtlichen Penny Supermarkt gegenüber der Grundschule einkaufen, wie immer. An der Kasse war eine lange Schlange und vorne diskutierte die Kassiererin mit zwei Pakistanern, die kaum deutsch sprechen konnten. Die Kommunikation war offenbar zusammengebrochen, keiner konnte ausmachen, was die beiden Ausländer wollten. In einem Land wie Deutschland, wo jeder eine Uhr hat und Zeit wirklich knapp ist, wurden die Menschen in der Schlange jetzt ziemlich ungeduldig. Dann sah die Kassiererin meine Frau. „Gut, dass ich Sie sehe, kommen Sie bitte nach vorne und helfen Sie mir ein wenig. Die beiden Herren hier sprechen kein deutsch. Sie können doch sicherlich „Pakistanisch“. Ich brauche jetzt einen Dolmetscher oder Dolmetscherin.“ Marion war verblüfft und gab zu verstehen, dass sie kein pakistanisch sprach. „Ja, wieso denn nicht? Ihr Mann ist doch aus Afrika! Ist doch das Gleiche, oder nicht?“ Nein, sie konnte nicht. Resultat war, dass die zwei Pakistaner mangels Dolmetscher aufgefordert wurden, die Sachen, die sie kaufen wollten wieder hinzu legen und zu gehen. Für die unglückliche Situation war meine arme Frau nun schuld. Hätte sie sich bloß nicht geweigert, pakistanisch zu dolmetschen, wäre alles wunderbar gewesen. Jetzt hat Marion den Glauben an Büdesheim etwas verloren. Die Angelegenheit ist schon wieder vergessen. Aber gelegentlich, wenn sie wieder daran denkt, ist sie nicht so sicher, ob sie noch länger in diesem Kaff bleiben möchte.