5.3 Beerdigung in Coburg

Der Schrecken aller Afrikaner ist in Europa zu sterben und hier begraben zu werden. Die Sache ist nämlich so. Europäer kennen keine Beerdigungszeremonien. Im Falle eines Trauerfalls sammeln sie sich auf einem Friedhof, halten eine mehr oder minder lustlose Ansprache über den Toten und der Sarg wird in die Erde gelassen. Anschließend geht man irgendwo Kaffee trinken, Kuchen oder Brötchen essen und fertig. Aus. Für immer. Schrecklich.

So wurde der Tod von Ntansi wa Vumbi ein Anlass, eine richtige Beerdigung zu inszenieren. Er war 33 als er starb. Leukämie. Er stammte aus dem früheren Zaire. Asyl Antrag im Freistaat Bayern und lebte einigermaßen unbehelligt im mittelfränkischen Coburg. Die Frage der afrikanischen Gemeinde in Coburg war, ob die Leiche nach Kinshasa geflogen oder hier begraben werden sollte. Die Frachtkosten nach Kinshasa waren horrend, die Versicherung weigerte sich, diese Kosten zu übernehmen und die Verwandten daheim waren zu arm. Also musste zum Leidwesen der hiesigen Afrikaner die Beerdigung hier stattfinden. Trotzdem waren sie entschlossen, ihren geschätzten Freund nicht wie ein Hund zu Grabe zu tragen. Die übliche Maschinerie zur Entledigung der Leiche wurde in Gang gesetzt. Keine Einäscherung. Der katholische Pfarrer, der früher als Missionar in Gabun gedient hatte und die afrikanischen Gebräuche gut kannte, versprach, eine Totenmesse zu singen und den passenden Rahmen zu geben. Hunderte von Afrikanern waren zu gegen, auf der deutschen Seite waren ein Angestellter der Stadtverwaltung, ein Mitarbeiter der Flüchtlingsverwaltung gekommen, plus die Friedhofsangestellten. Die Beerdigungsprozession setzte sich in Bewegung, sechs Freunde des Verstorbenen trugen den Sarg. Unterwegs stoppten die Sargträger plötzlich und gaben zu erkennen, dass die vom Geist des Verstorbenen am Weitergehen gehindert wurden. Sie schwankten hin und her, machten einige mühselige Vorwärtsbewegungen, um das Gleiche zu wiederholen. Die mitgekommenen Frauen fingen an zu heulen und laut zu Klagen. Inbrünstig intonierten die Männer unbekannte Lieder. Die Trauerprozession benötigte insgesamt eine dreiviertel Stunde, um die Distanz von 500 m zum Grab zu überbrücken. Die Deutschen guckten immer wieder auf ihre Uhren, die Afrikaner sangen, weinten, schwankten mit dem Sarg und bewegten sich in unauffälligen Schritten vorwärts. Endlich wurde der gute Freund Vumbi begraben. Aber die Geschichte musste ein Nachspiel haben.

Am nächsten Tag gingen böse Anrufe einiger Besucher des Friedhofs ein, die sich von den seltsamen Sitten der Schwarzen auf ihren Friedhof maßlos ärgerten. Ein oder zwei Anrufer aber empfahlen, solche Beerdigungen auch für Deutsche einzuführen. Der Angestellte der Stadt wurde aufgefordert, offiziell Bericht zu erstatten. Er berichtete seinen Vorgesetzten von primitiven Verhaltensweisen der Afrikaner: Störung der Friedhofsruhe durch laute Gesänge, sprach von der Undiszipliniertheit der anwesenden Afrikaner, die wilde Tänze und komische Bewegungen unterwegs zum Grab vorgeführt hatten. Dann wurde der Obmann der Afrikaner ins Rathaus vorgeladen, um seine Seite der Geschichte darzulegen. Ob es war ist, dass er und seine Leute geheimnisvollen Zauber mit einer Leiche am Friedhof vollführt hatten? Der Obmann war sprachlos. Er versuchte zu erklären, dass es sich lediglich um Gesänge handelte. Außerdem hatten einige Frauen laut geheult aber was war dagegen einzuwenden?

Dann wurde der Pfarrer der Sankt Pölting Kirche eingeladen. Er war schließlich derjenige, der Zauberei und schwarze Magie erlaubt und gut geheißen hatte!

Seinerseits sprach er von einem würdigen Abschied eines geschätzten Freundes und von der schönsten Beerdigung, die er seit seiner Amtseinführung in Deutschland erlebt hatte: die Gesänge, die rege Anteilnahme, der lebendige kulturelle Ausdruck. Eine Abschrift der Stellungnahme des Pfarrers wurde zur Stadtzeitung geschickt und veröffentlicht. Daraufhin war die Kirche gespalten. Einige Mitglieder verlangten nach einer offiziellen Entschuldigung in der Lokalpresse und drohten mit Kirchenaustritt. Einige wollten keine Kirchensteuer mehr zahlten, weil sie keine animistischen Gebräuche in ihrer Kirche unterstützen wollten. Ob der Pfarrer noch Dienst tut in Coburg? Das ist die Frage.

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