- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 5.1 Gott ist unsterblich
- 5.2 Meine pakistanische Dolmetscherin
- 5.3 Beerdigung in Coburg
- 5.4 Der Wettergott von Büdesheim
- 5.5 Die Hundeverordnung
- 5.6 Schiffbaukunst im Restaurant
- 5.7 Die Dönerverkäufer und die Rechtsradikalen
- 5.8 Man kann zweimal sterben
- 5.9 Die Hausa Übersetzung
- 5.10 Die Toten Hosen machen doch Lärm
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
5.5 Die Hundeverordnung
In Deutschland kann es schon mal passieren, dass einem Hund mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als einem Ausländer. Es kommt manchmal aber noch schlimmer, da gewinnt der Hund sogar mehr Wertschatzung als jeder Mensch.
Meine erste Begegnung mit der deutschen Polizei war wegen eines Hundes. Und wenn ich heute daran denke, zucke ich noch zusammen wegen der Gefährlichkeit der Situation, die wir damals noch gar nicht richtig einschätzen konnten. Wir, mein Freund Kofi Adimado und ich, studierten in Besancon, ein Städtchen in der französischen Jura. Einer Einladung folgend kamen wir eines Wochenendes über die Grenze nach Deutschland. Genau ins Badische, nach Freiburg im Breisgau. Wir gingen abends spazieren und wurden von einigen Hunden regelrecht verfolgt. Ein Hund war ganz besonders unvorsichtig, bellte meinen Freund hartnäckig an und machte sogar Anstalten, ihn von hinten zu attackieren. Komischerweise beließ die Besitzerin des Hundes es beim lauten Zurufen, tat aber nichts effektives, um das Vieh von unseren Fersen weg zu bekommen. Das war ein Fehler. Vor allem deshalb, weil Kofi Adimado, ein Bär von Mann, nicht sehr viel von Hunden hielt. Als jemand von Accra, der des öfteren schon seine liebe Mühe mit Straßenkötern hatte, kannte er eine gute Methode, mit aggressiven Hunden fertig zu werden. Wer Accra kennt, weiß von den vielen, streunenden, stadtbekannten Lumpis zu berichten, die einem das Leben schwer machen können. „Sollte ich nicht die Accra-Methode anwenden?“, fragte er mich leise. „Was meinst du?“
Er kochte innerlich. Ich sagte, warum nicht, weil es auch mir langsam zuviel wurde, von einem laut kläffenden Hund durch einen Park verfolgt zu werden. Wer jemals in so einer Situation war, weiß wie peinlich das ist.
Kofi drehte sich plötzlich um, und gab dem kläffenden Hund einen kräftigen Tritt auf die Schnauze. Natürlich hatte der Hund so etwas nicht erwartet. Wie elektrisiert schnappte das Vieh nach Luft und fing an zu winseln. Natürlich waren wir erschrocken. Kofi hatte nicht richtig dosieren können, der Tritt war heftiger als nötig. Jetzt kreischte die Besitzerin, natürlich auf Deutsch, was wir eben nicht verstanden. Aber es war vermutlich nichts gutes. Andere Anwesende sprachen ebenfalls aufgeregt miteinander und deuteten auf uns. Wir warfen ebenfalls einige gemeine Schimpfwörter in unsere Sprache zurück und spazierten zufrieden mit uns selbst weiter. Wir dachten, alles wäre vorbei. Es dauerte nicht lange, da kam die Polizei. Unsere Personalien wurden festgestellt, wir durften unsere Version der Geschichte auf Englisch zu Protokoll geben. Da wir Touristen waren, durften wir nach einer Weile wieder gehen, aber nicht ohne eine kräftige Warnung und der Belehrung, dass wir hier nicht in Afrika wären. Damals schon haben wir uns gewundert, warum die Polizei wegen so etwas überhaupt aktiv wurde. Kaum hatten wir geahnt, dass Deutschland ein Land ist, das auf den Hund gekommen war! Im wahrsten Sinne des Wortes.
Erst Jahre später, nachdem ich in der Bundesrepublik lebte, die deutsche Sprache verstand und die Mentalität der Menschen kennen lernte, wurde mir die Stellung des Hundes in der deutschen Gesellschaft völlig klar. Die Deutschen haben ein sehr enges Verhältnis zu ihren Hunden. Sie betrachten Hunde zum Beispiel als Familienmitglieder, feiern ihre Geburtstage, beerdigen sie auf ordentlichen Friedhöfen und lassen sonst nichts auf sie kommen. Noch nicht mal im Fernsehen scheuen sich Leute, sich von ihren lieben Vierbeinern abschlecken zu lassen. Es gilt als Liebesbeweis. Jeder, der gut beobachtet, kann in vielen Parks im Sommer sehen, wie viele Menschen bereit sind, eher mit einem Hund zu spielen und ihn zu küssen, als ein Baby zu knuddeln oder mit einem solchen zu spielen. Auch akzeptiert man eher Hundekot auf den Straßen als Kindergeschrei. Ganze Berufsgruppen leben davon, Hundebesitzern mit Dienstleistungen zu versorgen.
Kein Wunder also, als gar nicht so lange her, ganz Deutschland in eine echte Krise geworfen wurde. Zwei Pitbullterrier hatten in einem Hamburger Park Kinder angegriffen und zwei zu Tode zerfetzt. Die heranrückende Polizei hatte die Biester sofort erschossen, abends im Fernsehen gab es die besten Bilder mit den toten Kindern, Hunden und anderen Verletzten am Boden liegend. Die Empörung im ganzen Land war riesengroß, sofort war das Land gespalten. Eine Stimmung der Hysterie griff um sich. Die Hundehasser, die es auch gibt und denen der Hundekot auf dem Trottoir schon immer ein Dorn im Auge war, forderten ein sofortiges Verbot aller Hunde von den Straßen. Die etwas liberaleren unter ihnen sagten, sie wären mit einem Maulkorberlass für aller Hunde in der Öffentlichkeit zufrieden, einige aus vielen Gesellschaftsschichten forderten nach einem Verbot aller Kampfhunde.
In Hamburg, wo das Unglück stattfand, verhängte die Bürgerschaft, geführt vom Regierenden Bürgermeister Ortwin Runde, ein Sozialdemokrat, sofort ein Verbot der privaten Haltung aller Kampfhunde. In der übrigen Republik gab es laute Forderungen nach ähnlichen Maßnahmen. In Köln waren die Behörden am eifrigsten. Sie verordneten, dass alle Hunde, die größer sind als 35 cm und mehr als 5 Kilo wiegen, einen Maulkorb in der Öffentlichkeit tragen mussten. Man hatte aber die Macht der Hundebesitzer unterschätzt. Köln nämlich, hat 80.000 registrierte Hunde und diese Größenordnung ist in den anderen Städten nicht viel weniger. Tags darauf gingen 100.000 Menschen dort auf die Straße, um im Namen aller Hunde zu demonstrieren. Seit den achtziger Jahren hatte es in ganz Deutschland keine so große Demonstration mehr gegeben. Eine beeindruckende Angelegenheit war das. Die verschiedenartigsten Hundebesitzer mit ihren Hunden in allen Farben; groß, klein, fett, mager, hübsch, hässlich. Sowohl einige der Demonstranten als auch ihre Hunde demonstrierten mit Maulkörben.
Die ganze Angelegenheit wäre nicht so bemerkenswert, wenn nicht nur eine Woche vorher ein pflichtbewusster Mosambikaner, Vater von drei Kindern, von jugendlichen Neonazis in einem Park in Dessau zu Tode getreten worden wäre. Er hatte weder jemand provoziert, noch hatte er sonst irgend etwas gemacht. Sein einziger Fehler war, in Deutschland zu leben. Er ging nach der Arbeit Heim, kürzte seinen Weg durch einen Park ab, und hatte Pech, dort auf Neonazis zu treffen. Wie so die Sitte in Deutschland ist, guckten danach Politiker aller Couleur in die Fernsehkameras und gaben ihre Betroffenheit und Beileidsbekundungen zu Protokoll. Es handelte sich um das Werk von wenigen Verrückten, hieß es einhellig. Keinem fiel es auf, dass Unheil grundsätzlich immer nur von wenigen kommt. Der Bürgermeister der Stadt Dessau war natürlich entsetzt. Seine Sorge aber galt eher dem guten Ruf seiner Stadt in der übrigen Welt, der nun baden ging. Forderungen nach einem Verbot der Jugendgruppen gab es nicht. Demonstrationen gegen diese Tat gab es sehr wohl. Allerdings von den dort lebenden Ausländern, ihren Freunden und einigen wenigen Deutschen, die ihr Herz an der richtigen Stelle tragen. Alles zusammen waren nicht mehr als 5000 Mann auf die Straße wegen des Mordes gegangen.
Tja, die Täter wurden gefasst und rasch zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber nicht in Deutschland. Einen Tag nach dem Urteil brachten viele Zeitungen Leitartikel über den Mordprozess. Für sie war mit den raschen Urteilen Deutschlands Ruf als zivilisiertes Land wieder hergestellt. Wenn Geschichten gewöhnlich eine Moral haben, welche Moral hat diese? Hunde sind wichtiger als Afrikaner? Oder täusche ich mich?