5.6 Schiffbaukunst im Restaurant

Mein Freund Armin Gottschalk ist ein feiner Mann. Liberal, gebildet, rechtschaffen. Als jemand, der Deutschlands unrühmliche Geschichte kennt und dies zutiefst bedauert, war er um so mehr von Deutschlands freiheitlicher Tradition seit dem Ende des 2. Weltkrieges überzeugt. Zudem war er hoher Beamter bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg. Er kannte sich aus im Paragraphendschungel und wusste wie der deutsche Staat funktioniert. Daher kam auch sein Vertrauen in die deutschen Institutionen. Seit neuestem ist Armin etwas kleinlaut und vorsichtig geworden, wenn es um die Verteidigung Deutschlands geht. Zu viele Erfahrungen haben ihn nachdenklich gemacht.

Wir kannten uns so lange und er wollte unbedingt mehr über mich wissen: Eltern, Geschwister und so. Anfangen wollte er, wie er sagte, mit meinem großen Sohn in Ghana. Drei Wochen lang sollte der Kerl uns hier besuchen und in der Fränkischen Schweiz Urlaub machen. Er reichte einen Besucherantrag bei seiner kleinen Gemeinde an der Pegnitz ein. Dort musste er unterschreiben, dass er bereit war, auf alle Kosten aufzukommen, die mein Sohn hier verursacht. Kost und Logis, Krankenversicherung usw. Dann wurden die Papiere zur deutschen Botschaft nach Accra geschickt. Nach fünf Wochen Bearbeitungszeit traf ein Brief des Bedauerns ein. Der Besuch ginge nicht. Was Armin noch mehr erzürnte, die Botschaft in Accra gab keine Begründung für die Ablehnung ab. Laut Paragraph soundso war im Brief ferner zu lesen, daß sie auch nicht verpflichtet waren, eine etwaige Begründung abzugeben. Punkt. Er wollte es nicht glauben. Als hoher deutscher Beamter hatte er doch das Recht, Freunde zu sich nach Deutschland einzuladen oder nicht? War dies nicht ein freies Land? Hatte er nicht dieses Land vereidigt? Warum nun wollten die Behörden ihm nicht wenigstens glauben, dass er für einen normalen Ablauf des Besuchs sorgen würde. Dazu hatte er sich doch verpflichtet und auch seine Unterschrift geleistet. Er rief die Botschaft in Accra direkt an. Alles schön und gut, aber bedauerlicherweise konnten sie das Risiko nicht eingehen, da die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht mehr zurückkommt, zu groß war. Ein junger Afrikaner kann nicht einfach Europa besuchen. Wie jeder weiß, ist das Boot in Deutschland schon voll. Das haben sie natürlich nicht gesagt, das hat Armin ganz bitter hinzugefügt.
Die nächste Episode ereignete sich kurz nachdem ich von Nürnberg nach Büdesheim umzog. Ich war Lehrer an einer Gesamtschule in der Nachbargemeinde geworden. Mehrere Monde waren seit dem Fiasko mit dem Visum ins Land gegangen. Die Sache schien erledigt, Armin hatte sein Gleichgewicht und Glaube an dieses Land wieder gefunden. Alles war eigentlich vergessen. Konnte ja mal passieren.

Himmelfahrt 1982. Armin, mein Freuend, stattete mir einen Freundschaftsbesuch in Oberissigheim ab, wo ich seit einigen Monaten wohnte. Abends wollten wir dann im Bürgerhaus des benachbarten Niederdorfelden zum Tanzen gehen. Wir beiden tanzten gern und was kann man in so einem Dorf sonst machen, wenn man nicht ständig Bier trinken will? Also, eine gute Idee, sagt Armin. Wir fuhren mit dem Taxi hin und waren etwas zu früh. Im Saal waren nicht viele Leute, Armin zahlte für zwei Personen und ging als erster rein. An der Tür wartete er auf mich. Als ich dran war und vorbei gehen wollte, schrie eine Dame am Eingang, „Nein, geht nicht. Nur Klubmitglieder dürften rein“. Mein Freund Armin, erklärte ich, konnte gar kein Mitglied sein, er stammte nämlich aus Bückeburg in Niedersachsen und wohnte zur Zeit in Güntersbühl, Bayern. Alles das interessierte unsere Türdame nicht.

„Was auch immer. „Der“, sie meinte mich, „kommt hier nicht rein. Er muss Klubmitglied sein oder gar nichts“.
Armin konnte es nicht fassen. „In welchem Land leben wir eigentlich?“, fragte er, etwas ratlos.
„In Deutschland, wo ehrliche Leute ihre Steuern bezahlen“, sagte die Dame ganz selbstbewusst. Spätestens jetzt waren wir beide nicht mehr zu halten. Ich hatte vom Finanzamt meine Steuererklärung mit einer Zahlungsnachforderung gerade bekommen. Ich war wütend. „Und? Zahlen wir etwa keine Steuern, oder sind unsere Steuern nicht gut genug“, fragte Armin.

Nun hatte ich wirklich keine Lust mehr zu tanzen. „Komm Armin, wir gehen“.

Nein, er wollt erst beim Chef des Hauses protestieren. Wir bekamen zu hören, er wäre nicht da, hatte aber diese Anweisung gegeben.

Das dritte Ereignis, was Armin den Rest gab, passierte eigentlich gar nicht so lange her. Ich fuhr eines Tages mit Armin nach Koblenz. Wir wollten dort mit dem Schiff nach Sankt Goarshausen fahren. Wein trinken. Wir mussten früh von daheim weg und hatten nicht ausreichend gefrühstückt. Auf unserem Weg lag eine Filiale des Nordsee-Restaurants, dass viele Filialen in Deutschland hat. Ihre Verkaufsphilosophie liegt in ihrer Erkennbarkeit. Drum sehen sie überall gleich aus. Auch aus diesem Grund pflegt Nordsee, ihre Tischen landesweit mit einer Tischdecke zu decken, die das gleiche Muster hat. Das Design zeigte Schiffbaukunst an der Nordsee durch die Jahrhunderte. Es handelte sich um eine Abbildung eines Sklavenschiffes, das so fachmännisch gefertigt wurde, dass soviel Afrikaner wie möglich abgepackt werden konnten, wie Ölsardinen. Als ich dieses Dekor als erster bemerkte, wusste ich, dass der Tag nicht gut enden würde. Ich sagte aber nichts, weil ich den Zorn meines Freundes befürchtete. Es half nichts. Mitten im Essen entdeckte Armin doch die Abbildungen auf der Tischdecke. Sofort explodierte er. Er hörte sofort auf zu essen und protestierte heftigst bei der Geschäftsleitung. Die anderen Kunden, die friedlich an ihren Fischstäbchen saßen, schüttelten nur noch den Kopf. Wegen so einer Lappalie so viel Lärm zu machen. Keiner in der Geschäftsleitung hatte die Abbildungen bemerkt, hieß es. Es wurde förmlich entschuldigt, aber Armin blieb hart. Die Decken sollten sofort von den Tischen entfernt werden. Wo leben wir hier eigentlich? Verherrlichung des Sklavenhandels, nicht mit ihm. Da die Tischdecken beim besten Willen an dem Tag nicht entfernt werden konnten, wendete sich Armin an die Firmenzentrale in Hamburg mit einem bitteren Brief.

Wie immer kam ein höflicher Brief, der bedauerte, dass der Kunde wegen der Tischdecke aufgebracht war. Natürlich war dies zu bedauern, aber keineswegs von der Firma beabsichtigt. Es ging allein um die lange Tradition des Schiffbaus, sonst nichts. Da aber Verletzungen bei Afrikanern nicht ausgeschlossen werden konnten, willigte Nordsee ein, die Decken zu wechseln.

Die Proteste hatten sich gelohnt, muss ich sagen. Seit einigen Monaten hat die Nordseekette ganz andere Tischdecken auf ihren Tischen. Armin, mein Freund ist zufrieden. Ich, jedenfalls, gehe nie mehr hin.

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