- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 5.1 Gott ist unsterblich
- 5.2 Meine pakistanische Dolmetscherin
- 5.3 Beerdigung in Coburg
- 5.4 Der Wettergott von Büdesheim
- 5.5 Die Hundeverordnung
- 5.6 Schiffbaukunst im Restaurant
- 5.7 Die Dönerverkäufer und die Rechtsradikalen
- 5.8 Man kann zweimal sterben
- 5.9 Die Hausa Übersetzung
- 5.10 Die Toten Hosen machen doch Lärm
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
5.8 Man kann zweimal sterben
Patrick Mensah ist aus Ghana. Er lebt noch, aber er ist eigentlich schon tot. Darum wird er im Freundeskreis Dead Man Walking genannt. Er wird auf jeden Fall in diesem Leben zweimal sterben. Immer wenn er erscheint, erzeugt es Heiterkeit bei den Landsleuten, die ihn gut kennen. Eines Tages wollte ich wissen, warum er so genannt wurde und er erzählte mir seine Geschichte:
Patrick hatte einen Freund in Ghana, genannt Kwadjo Minta, der dort glücklich lebte. Nach der Realschule kam Patrick nach Deutschland und Kwadjo blieb zurück, wurde als Buchhalter ausgebildet und arbeitete als solcher danach bei einer der vielen Minengesellschaften in Tarkwa. Sein Gehalt war nicht üppig, aber es reichte für ein angenehmes Leben in Ghana. Vor allem war er stolz auf seine hübsche Freundin, derentwegen er von vielen beneidet wurde. Kwadjo hatte noch eine Leidenschaft. Er bewunderte die Deutschen über alles. „Diese Leute können alles machen“. Deswegen wollte er sein Leben lang immer nach Deutschland, wo die guten Grundig Radios und Fernsehapparate hergestellt wurden. Was er an Grundig so toll fand, waren die Lautsprecher, die einen herrlichen Sound hatten. Und wer so einen Sound produzieren konnte, musste einfach in Ordnung sein. „Deutsche sind korrekte Leute“, pflegte er oft zu sagen. Eines wusste er. Wenn er nicht zu früh sterben sollte, würde er mit Sicherheit einmal in seinem Leben nach Deutschland reisen. Was er dann dort machen würde? Dies war eine unseriöse Frage. Erst ankommen und dann weiter sehen. Daheim sagt man, „ Mach erst das Bett, wenn die Frau eingetroffen ist“.
Also verkaufte Kwadjo sein ganzes Hab und Gut, gab seinen sicheren Job bei der Minengesellschaft auf und besorgte sich und seiner Freundin Tickets und gefälschte Visa für Deutschland. Ihre ganzen Ersparnisse gingen drauf. Am 25 Mai 1973 war es soweit. Gewappnet mit Patricks Adresse in Frankfurt verließen die beiden Accra und kamen mit Ghana Airways in Düsseldorf an. Am Düsseldorfer Flughafen gab es natürlich Schwierigkeiten wegen den falschen Visa. Zu seiner großen Verwunderung bemerkte der diensthabende Polizist tatsächlich, dass die Visa gefälscht waren. Nachdem alle die anderen Passagiere den Kontrollpunkt passiert hatten, bat der Polizist die junge hübsche Dame zu sich. „Ich muss Ihnen noch ein paar Fragen stellen“. Der Freund sollte warten. Sie liefen durch lange Korridore, dann holte er einen Schlüssel aus der Tasche und machte eine Bürotür auf. Dann kam er schnell zur Sache. Er schaute der verunsicherten Dame in die Augen und atmete tief ein.
„Wollen Sie ernsthaft nach Deutschland einreisen?“, fragte er mit tanzenden Augen. „Das ist aber leider unmöglich, da ihr Visum gefälscht ist“. Er fuhr fort. „Aber wie Sie sicherlich bereits wissen, gibt es eigentlich kein Problem, das mit ein wenig Wohlwollen nicht gelöst werden kann, sagte er. „Sie haben eine kleine Chance, die Sache aus der Welt zu schaffen. Sie sind eine junge Dame mit wunderschönen Brüsten. Wenn Sie mich nur einmal an ihrer Brust lutschen lassen, dürfen Sie einreisen. Wie Sie wollen. Sie müssen jetzt sofort entscheiden, die Zeit ist knapp“.
Akosua, so hieß die Kwadjos hübsche Freundin, war perplex. Das Angebot war gut. Es würde schließlich nichts kosten, und außerdem, was war denn dabei? Sie ging in die angrenzende Toilette, schob ihre Bluse hoch, öffnete den Büstenhalter und kam verlegen zurück ins Zimmer. Der Polizist war überrascht, er hatte nicht an sein Glück geglaubt. Er wusste über die Gefahr, die er nun durchlief, falls er entdeckt würde. Sofort fing er an, Akosuas feste Brüste mit etwas Gestöhne zu lecken und zu lutschen. Nach circa zehn Minuten kehrten die beiden zurück. Der Polizist guckte entspannt und freundlich, nahm die beiden Pässe, stempelte sie ordnungsgemäß ab und wünschte einen angenehmen Aufenthalt in Deutschland. Kwadjo war verblüfft, dass alles so glimpflich abgelaufen ist, wusste aber nicht genau, weshalb sie nun so einfach einreisen durften. Das Paar nahm den Inter City um 13.35 Uhr und fuhr über Köln, Koblenz und Mainz nach Frankfurt am Main, wo Patrick sie am Bahnhof abholte. Deutschland erwies sich für Kwadjo als sehr teuer. Es dauerte nicht lange, dann war er pleite. Arbeit musste her. Aber ohne eine Anmeldung, eine gültige Aufenthaltserlaubnis sowie eine Arbeitsgenehmigung, war nicht an Arbeit zu denken. Die Situation wurde brenzlig. Also bot Patrick ihm an, mit seinen Papieren auf die Suche nach Arbeit zu gehen, da er gerade einen 11-monatigen Lehrgang absolvierte.
„Du weißt doch selbst. Europäer können Afrikaner nicht unterscheiden.“
Kwadjo sollte die Miete bezahlen und ihm jeden Monat zusätzlich ein Taschengeld von 3ooDM geben. Er war einverstanden. Nach einer Woche hatte er, dank Patricks Papieren, eine Arbeit bei einer Baufirma gefunden. Diese baute gerade an einem der vielen Hochhäuser im Bankenviertel der Mainmetropole. Seine Aufgabe war, die Außenfassade in 60 m Höhe mit Wasser abzuspritzen. Ein gefährlicher Job, gewiss, aber er hatte keine Wahl. Das Geld war gut und er fing an. Sechs Monate lang lief alles gut. Dann kam die böse Nachricht, die wie eine Bombe einschlug. Kwadjo war eines Morgens vom Baugerüst abgerutscht und gefallen. Genickbruch. Er war sofort tot. Der Supergau, an den keiner gedacht hatte, war eingetreten. Alles musste seinen Gang nehmen. Polizei, Obduktion, Versicherung usw. Offiziell wurde Patrick Mensah am Friedhof Westhausen zu Grabe getragen, Kwadjo Mintah lebte statt dessen illegal weiter in Deutschland. Leider war es genau umgekehrt. Mit einem Schlag war Patrick lebendig begraben. Er durfte seine eigenen Papiere nicht mehr benutzen, wenn er keine bösen Überraschungen seitens der Polizei wollte. Seitdem lebte er als illegaler in Deutschland. Der Schock für Kwadjos hübsche Freundin war so groß, dass sie es nicht mehr hier aushielt. Inzwischen lebt sie wieder in Ghana. Heutzutage wird sie sauer, wenn sie nur den Namen Deutschland hört.
Gerade arbeitet Patrick Mensah, alias Kwadjo Minta hart daran, sich Ersatzpapiere zu beschaffen, damit er Deutschland wenigstens verlassen kann. Mit einer neuen Identität will er nun sein Glück in Holland probieren. Armer Kerl. Irgendwann wird er wohl noch mal sterben müssen. Jetzt verstehe ich auch seinen Kosenamen. Man sagt, die schönste Freude ist die Schadenfreude. Dieses Wort, dass im Englischen so gar nicht existiert, scheint etwas mit diesem Land zu tun zu haben. Die Typen, die Dead man Walking sagen, scheinen richtig Spaß dabei zu haben. Freunde, anfangs als ich deutsch lernte, hatte ich es nicht richtig verstanden. Später gefiel mir dieses Wort sehr. Ja ich hatte Schadenfreude ganz intensiv erlebt. Und jetzt erst verstehe ich dieses Wort ganz genau.