- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 5.1 Gott ist unsterblich
- 5.2 Meine pakistanische Dolmetscherin
- 5.3 Beerdigung in Coburg
- 5.4 Der Wettergott von Büdesheim
- 5.5 Die Hundeverordnung
- 5.6 Schiffbaukunst im Restaurant
- 5.7 Die Dönerverkäufer und die Rechtsradikalen
- 5.8 Man kann zweimal sterben
- 5.9 Die Hausa Übersetzung
- 5.10 Die Toten Hosen machen doch Lärm
- 6. Overtüre
Halbwahrheiten
5.9 Die Hausa Übersetzung
Der Anruf kam am frühen Morgen um acht. Es war dringend. Ein Kind sollte bald geboren werden, der Niederkunftstermin war in drei Wochen. Davor mussten unbedingt die Heiratspapiere eines gemischten Ehepaars in Deutschland anerkannt werden, damit das kommende Kind auch offiziell einen Vater hatte. Ohne Eintragung der Ehe kommt das Kind als unehelich zur Welt und das hat Konsequenzen. Nach deutschem Recht hat ein Kind ja keinen Vater, wenn es unehelich geboren wird. Wer als Vater nachher auftaucht, muss entweder sein eigenes Kind adoptieren, oder zum Notar gehen und eine Vaterschaftserklärung beurkunden lassen. Kostet alles viel Geld und vor allem Zeit. Genau diese Probleme sollten mit dem schnellen Eintrag beim Standesamt vermieden werden.
„Bin ich richtig beim Übersetzungsbüro für Afrikanisch?“, fragte eine besorgte Frau am anderen Ende des Telefons. „Sie sind doch Afrikaner. Dann können Sie ja afrikanische Texte ins Deutsche übersetzen und beglaubigen, nicht war?“
„Ja, wir sind ein Übersetzungsbüro und können theoretisch schon. Aber um welche Sprache geht es, bitte?“
„Ki-Suaheli, denke ich.“
„In Ordnung. Schicken Sie bitte die Heiratspapiere so schnell wie möglich zu uns und wir werden uns darum kümmern. Bitte nicht vergessen, es gibt nicht viele vereidigte KI-Suaheli Übersetzer in Deutschland. Es könnte etwas länger dauern, wenn unser Mann sehr beschäftigt ist“, versuchte ich mit dieser Begründung ein wenig Zeit für uns zu gewinnen.“
Zwei Tage danach kam das Dokument. Obwohl ich nur zwei afrikanische Sprachen einigermaßen beherrsche, konnte ich auf Anhieb feststellen, dass diese Sprache nicht Ki-Suaheli sein konnte. Ich rief die werdende Mutter an. Sie hatte in Kano, Nord-Nigeria geheiratet. Es musste sich also um Hausa handeln, sagte ich.
„Weiß ich nicht so genau,“ sagte sie.
Ich rief meinen Hausa-Übersetzer an. Fehlanzeige. Sein Anrufbeantworter gab bekannt, er würde für drei Wochen nach Nigeria fliegen. Da er normalerweise nicht so viele Aufträge bekam und noch einen zweiten Job hatte, war dies verständlich. Ich rief ein befreundetes Büro für afrikanischen Sprachen in Bonn an. Ob sie nicht schnell zwei Seiten Hausa übersetzen könnten. Ja doch, in drei Tagen. Ich war richtig froh und faxte die Dokumente durch. Die drei Tage verstrichen. Keine Übersetzung kam. Ich rief das Büro an. Nein, die Sprache war nicht Hausa sondern Yoruba, auch eine nigerianische Sprache, aber aus dem Westen des Landes. Nur, ihr einziger Übersetzer für Yoruba war gerade auf Dolmetsch-Reise in Celle und würde erst in einer Woche kommen. Ob es ginge? Ich rief die werdende Mutter erneut an. Ja, es ginge, Hauptsache es käme vor dem Kind. Die versprochene Woche verstrich, aber keine Übersetzung kam. Statt dessen bekam ich einen Anruf. Der Übersetzer musste länger in Celle weilen, das Gericht hatte die dortige Angelegenheit vertagt. Was tun? Ob noch eine Woche ginge?
Ich fühlte mich jetzt verpflichtet, die Übersetzung nicht mehr anzunehmen. Ich rief die werdende Mutter wieder an.
„Lassen Sie bitte das Kind nicht durch, unser Übersetzer kommt erst nächste Woche. Suchen Sie sich bitte ein anderes Büro für die Übersetzung, bevor es zu spät wird“, bot ich höflich an. Nein, sie kennt kein anderes Büro. Die Sache war jetzt ein echtes Problem für mich. Das Kind drohte jeden Tag zu kommen. Die Woche verstrich. Unser befreundetes Büro rief an. Sie hatten eine gute und eine schlechte Nachricht für uns. Das Gute: der Yoruba-Experte war jetzt eingetroffen, das Schlechte: er hatte aber seinen Urkundestempel im Hotel in Celle vergessen. Ohne Stempel, keine Beglaubigung möglich. Noch drei Tage. Ginge das? Ich hatte keine Wahl, war aber irgendwie erleichtert. Nur noch drei Tage. Am dritten Tag war der Übersetzer selbst am Apparat. Ob ich den Text nochmals faxen könnte, einige Stellen wären unleserlich. Kein Problem. Er versprach, die ganze Sache zu beschleunigen. Am nächsten Morgen bekam ich wieder einen Anruf. Diesmal war eine mir unbekannte Person dran. Beim Öffnen einer Taxitür hatte sich der Übersetzer gestern Abend dermaßen verletzt, er könne beim besten Willen für eine Woche nicht arbeiten! Es war schon die vierte Woche. Das Kind war noch nicht gekommen. Etwas stimmte doch nicht. Zehn Monate im Mutterleib? Seltsam aber egal. Ich gab auf zu hoffen und verbrachte Tage damit, die Kundin, fast außer sich, zu besänftigen.
Erst nach sechs Wochen, war die Urkunde fertig. Der Übersetzer rief an. Er käme am nächsten Tag zufällig auf eine Konferenz an der Universität in Frankfurt und würde mir das Dokument persönlich aushändigen, wenn ich zur Uni kommen könnte. So würden wir uns auch kennen lernen, sagte er. Also fuhr ich am nächsten Tag zur Uni Frankfurt, holte das Dokument und brachte es sofort zur Post. Die Dame sollte mir drei hundert Mark für die Arbeit überweisen, damit der Übersetzer auch sein Geld bekommt.
Am nächsten Tag rief die Kundin an. Sie bedankte sich für die Urkunde aber weigerte sich entschlossen, die Kosten für die Übersetzung zu zahlen. Alles hätte so lange gedauert. „Wir sind hier nicht in Afrika. In Deutschland ist Zeit kostbar“, belehrte sie mich. „Wenn Sie ihre Arbeit nicht in angemessene Zeit erledigen, bekommen Sie kein Geld dafür. Tut mir Leid.“
Ich bekam mein Geld doch noch. Aber erst nachdem ich einen Anwalt eingeschaltet hatte. Da die Dame, wie es sich später heraus stellte, gar nicht schwanger war, bekam sie schnell kalte Füße und zahlte. Trotzdem habe ich eine Lektion gelernt. Mir passiert so etwas nie wieder, habe ich geschworen.