6.2 Die Meerkatze

„Es gibt Sachen, die ich weiß, und Sie nicht wissen, und es gibt Sachen, die Sie wissen und ich nicht weiß“. So pflegte Uschi, meine langjährige Arbeitskollegin, häufig zu sagen. Besonders dann, wenn sich herausstellte, dass sie wieder einmal eine dumme Frage oder eine blöde Antwort von sich gegeben hatte. Je nach Standpunkt des Betrachters könnte man Uschi entweder als die Rache Gottes betrachten oder sie für einen Engel halten. Ich arbeitete nicht nur zusammen mit ihr in der gleichen Firma, wir saßen sogar von Angesicht zu Angesicht in einem Büro, jeden Morgen, sieben Jahre lang. Sie war so rätselhaft, dass die anderen Kollegen mich oft fragten, wie ich es schaffen konnte, mit so einem Monster von Mensch auszukommen. Nun, ich hatte eine ganz einfache Methode. Immer Überlegenheit ausströmen, souverän gucken, kein Anzeichen von Unsicherheit zeigen und nicht viel reden. Der Rest war einfach die Routine, die aus Erfahrung kommt.
Eines Tages bei der Arbeit guckte Uschi mir direkt in die Augen. Mir war klar, dass sie irgend etwas beschäftigte.

„Sie sind doch aus Afrika und tun immer so klug. Jetzt habe ich im Radio gehört, dass AIDS aus Afrika stammt. Und zwar von Meerkatzen. Sagen Sie Mal, was ist eine Meerkatze?“

Ohne viel zu überlegen, sagte ich:

„Eine Affenart, die in Zentralafrika zuhauf vorkommt.“

„Ein Affe?! Sie scherzen!“

„Nein, es stimmt. Ich muss es doch wissen. Wie Sie sagen, komme ich aus Afrika“

„Wieso heißt dieses Tier dann Katze, wenn das ein Affe sein soll? „

Ich protestierte. Ich, Afrikaner, der vor einigen Jahren erst deutsch gelernt hatte, fühlte mich doch nicht verpflichtet, einer Deutschen zu erklären, warum astreine Affen so einen zugegebenermaßen irreführenden Namen hatten. Bei solchen Anlässen pflegte ich zu sagen, dass ich doch bloß ein armer Afrikaner sei und nicht wusste, was die Deutschen bewogen hatte, einen derartig bescheuerten Namen zu vergeben. Natürlich glaubte mir Uschi nicht.

„Nein, ich will es diesmal aber ehrlich wissen, bitte scherzen Sie nicht.“

„Glauben Sie mir, ich scherze jetzt überhaupt nicht.“

Kaum hatte ich diesen Satz beendet, kam Herr Birk, unser jovialer Abteilungsleiter ins Zimmer. Natürlich kannte er Uschi nur zu gut, samt ihrer Unzulänglichkeiten und manchmal komischen Verhaltensweisen.
„Oh ja, hier kommt zum Glück Herr Birk. Er wird mir zumindest eine vernünftige Antwort geben. Im Gegensatz zu Ihnen“, triumphierte Uschi.

„Sagen Sie mal, Herr Birk, unser armer Afrikaner hier hat heute einen guten Tag und macht sich über mich lustig. Was ist eigentlich eine Meerkatze?“

Gleich witterte Herr Birk eine gute Gelegenheit, die Lacher auf seine Seite zu bringen. Pech für Uschi, er war zum Scherzen aufgelegt und antwortete entsprechend.

„Die Meerkatze ist ein Fisch, der aussieht wie eine Katze! Er lebt ja schließlich im Meer. Deswegen Meerkatze. Was haben Sie denn gedacht?“

„Ja, ich habe mir so was ähnliches gedacht, aber unser armer Afrikaner hier sagt, es würde sich um einen Affen handeln. Ich wusste, dass er sich lustig über mich macht, wie immer.“

Irgendwie aber lachte Herr Birk so verschmitzt vor sich hin, dass Uschi Bedenken bekam.
„Oder scherzen Sie auch mit mir?“

Uschi glaubte nun Herrn Birk auch nicht, also mussten wir eine dritte Person fragen. Der nächste, der durch die Tür kam, sollte unser Schiedsrichter sein. Prompt lief Herr Pontecke, unser Vertreter aus Stuttgart ein. Uschi ging gleich zur Sache.

„Guten Morgen. Was ist, bitte schön, eine Meerkatze?“

„Eine Katze!“

Uschi war entsetzt.

„Sie sind der Dritte, der sich heute lustig über mich macht. Warum will mich jeder heute morgen verarschen, auf gut Deutsch? Unser armer Häuptling aus Afrika da sagt, es wäre ein Affe, Herr Birk sagt, es ist ein Fisch, und Sie sagen es ist eine Katze. Jetzt will ich gar nichts mehr wissen. Überhaupt, sollten Sie alle wissen, Sie können mich alle mal am Arsch lecken. Ich habe die Nase voll. Ich gehe jetzt nach Hause, dann haben Sie niemanden mehr, den Sie auslachen können. Also Tschüss.“

Gesagt getan. Uschi griff nach ihrer Handtasche, knallte die Tür zu, stempelte ihre Stechkarte ab und war weg. Wir, die blöden Kollegen von Uschi, die schon immer gelacht haben, fielen uns selbstverständlich wieder einmal in die Arme und lachten uns fast zu Tode. Es wurde ein herrlicher Arbeitstag. Seit dem ruft allein das Wort AIDS heute noch bei mir ganz andere Reaktionen vor als bei vielen anderen Afrikanern. Ich lache oft und keiner weiß warum.

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