- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
- 6.1 Einmsichung
- 6.2 Die Meerkatze
- 6.3 Im Pott kocht’s
- 6.4 Harlem, New York
- 6.5 Harlem zum Zweiten
- 6.6 Frau Schneider und die Pornos
- 6.7 Der Terrorist von Wölfersheim
- 6.8 Gerald Asamoah - Unser Bruder aus der Urzeit
- 6.9 Dienst ist Dienst
- 6.10 Weibliche Moskitos und der Weltkomplott
- 6.11 Sorgfalt und Makellosigkeit
Halbwahrheiten
6.3 Im Pott kocht’s
Es dauerte doch schon seine Zeit, bis Uschi sich von unserer Lacherei wegen der Meerkatze beruhigt hatte. Sie hatte sich geschworen, uns nie mehr einen Anlass für blödes Grinsen zu liefern. Wir wiederum wussten, dass über kurz oder lang etwas kommen musste. Warum? Weil das einzige was Uschi wirklich nicht konnte, war, ihren Mund zu halten.
Der Montag nach dem epochalen Europapokal Sieg von Schalke kam Uschi verspätet ins Büro. Aus ganz konkreten Gründen kam sie eigentlich immer montags spät. Sie war Single, lebte allein und hatte alle Freiheiten der Welt, sich am Wochenende einen Liebhaber zu suchen und mit ihm dann heftige Tage dazwischen zu erleben. Wie sie uns selbst erzählte, tat sie dies oft, ausgiebig und gern und war sogar stolz darauf. Im Grunde bemitleidete sie uns, die blöden verheirateten, verknöcherten Typen, die nichts anderes zu tun hatten, als immer mit derselben Gurke zu schlafen. Sie benutzte wirklich das Wort Gurke, was mich wiederum wunderte, aber egal. Nach den Ausschweifungen am Wochenende schaffte es Uschi natürlich regelmäßig nicht mehr, ihren regulären Morgenbus zu erreichen. Vom Frankfurter Stadtteil Rödelheim nach Bockenheim, wo wir arbeiteten, dauerte es schon 20 Minuten mit dem Bus, und einmal verpasst, war es mit der Pünktlichkeit im Büro vorbei.
Also, an diesem Montag nach dem Schalke-Sieg stürzte Uschi hastig ins Büro und zeigte uns ganz außer sich die erste Seite der Bildzeitung. In ganz großen Buchstaben stand es zu lesen.
SCHALKE SIEGT. DER POTT KOCHT.
„Großer Häuptling der Afrikaner“, fing sie oft ironisierend an, wenn sie etwas von mir wissen wollte, „wo oder was ist eigentlich der Pott?“
„Uschi, es handelt sich lediglich um den Ruhrpott, da wo die Fußballmannschaft Schalke spielt.“
Uschi war verunsichert. Sollte sie diese höchst fragwürdige Antwort, von mir mit unbeweglicher Miene vorgetragen, wirklich glauben?
„Sagen Sie es mir ehrlich. Und gucken Sie nicht so blöde dabei.“
Ehrlich gesagt, scheine ich echt blöd gucken zu können, weil meine Frau und einige Freunde dies auch immer wieder von mir behaupten. Nun ja. Uschi kam ein wenig näher und flüsterte fast.
„Und, wo ist dieser Pott?“
„Liebe Frau Hasbach“, fing ich an. „In Gottes Namen, glauben Sie mir nur einmal. Der Ruhrpott ist überhaupt kein gewöhnlicher Pott. Es ist ein Gebiet in Nordrheinwestfalen. Dort, wo die Ruhr fließt, wurde früher fast der ganze Stahl aus Deutschland produziert. Deswegen der Name Ruhrpott.“
„Einverstanden. Aber wieso heißt es Pott?“
Ich erklärte, ganz geduldig. „Weil dort der Stahl praktisch gekocht wurde, wurde das Gebiet im übertragenen Sinne als der Pott bezeichnet.“
Sie war noch skeptisch, also drehte ich nun den Spieß um. „Ja, und was haben Sie gedacht?“
„Die ganze Zeit dachte ich, der Ruhrpott stünde in Bochum.“
„Tut’s ja auch! Bochum ist ein Teil des Ruhrpotts, das Zentrum sozusagen.“
„Aber Bochum ist doch in Schleswig-Holstein, an der Nordsee. Dort wo Deutschlands Badewanne sein soll.“
„Ich glaube, Sie bringen hier einiges durcheinander.“
Ich machte Anstalten, den Sachverhalt zu entwirren. Bisher waren wir zu zweit. Wir hörten Fußstapfen vor unserem Büro.
„Sie behalten das für sich, versprochen?“
Ja, versprochen.“
„Sie brauchen überhaupt nicht zu lachen. Es gibt Sachen, die Sie wissen, und es gibt Sachen, die ich nicht weiß!“
Es sind bereits zehn Jahre her, dass ich dieses Versprechen gab. Bis zu diesem Buch habe ich Uschis Probleme mit dem Pott für mich behalten und mein Versprechen gehalten. Ehrlich.