- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
- 6.1 Einmsichung
- 6.2 Die Meerkatze
- 6.3 Im Pott kocht’s
- 6.4 Harlem, New York
- 6.5 Harlem zum Zweiten
- 6.6 Frau Schneider und die Pornos
- 6.7 Der Terrorist von Wölfersheim
- 6.8 Gerald Asamoah - Unser Bruder aus der Urzeit
- 6.9 Dienst ist Dienst
- 6.10 Weibliche Moskitos und der Weltkomplott
- 6.11 Sorgfalt und Makellosigkeit
Halbwahrheiten
6.4 Harlem, New York
Harlem hätte beinahe unsere Ehen ruiniert. Mein schwarzamerikanischer Freund Tate aus Milton, Delaware und ich aus Ghana, wir, die beiden Neger, planten mit unseren weißen deutschen Ehefrauen und hellbraunen Kindern Urlaub in Amerika zu machen. Höhepunkt sollte eine Stippvisite in New York sein. Ich war aufgeregt wie selten. New York sehen! Bevor wir von Deutschland abflogen, sagte mir jeder in meinem Freundeskreis, der davon wusste, wie schön es in New York wäre. Alle, die bereits dort gewesen sind, sagten, wir sollten es nicht versäumen nach Chinatown zu gehen, das Empire State Building, Statue of Liberty, Greenwich Village, Central Park, Carnegie Hall, das Met usw. zu sehen. Das einzige, was wir nicht machen sollten, war, nach Harlem zu fahren. Dorthin sollten wir wegen Kriminalität und so auf keinen Fall gehen. Darüber hinaus würden die Neger dort Menschen mit weißer Hautfarbe extrem hassen, es sei einfach zu gefährlich für unsere Ehefrauen. Für mich persönlich war dies mit Verrat an meine Leute gleichzusetzen. Wie konnte ich nach New York und nicht nach Harlem fahren? Als kleiner Junge hatte ich immer von Harlem geschwärmt. James Brown, Apollo Theater, Malcolm X. Sie alle hatten dort gelebt. Ich war felsenfest entschlossen, dieses Harlem zu sehen. Mein Freund Tate versprach, mich zu begleiten.
Wir kamen nach New York und bezogen Quartier im großen Ramada Plaza, genau gegenüber des Madison Square Gardens. Am nächsten Tag wollten wir in den Central Park. Es hieß, da wären zwei Züge in die Richtung. Der „A-Train“ würde nach drei Stops direkt nach Harlem fahren, ohne am Central Park zu halten. Den sollten wir natürlich nicht nehmen. Wir starteten. Prompt hatten wir uns vertan. Bis wir gucken konnten, rauschte der Zug ohne Halt durch mehrere Stationen durch. Wir hatten doch den falschen Zug genommen! Sprachlos guckten wir uns gegenseitig an. Was würde jetzt passieren? Wir bemerkten dann auch, dass alle Passagiere mittlerweile schwarz waren. Nur unsere beiden Frauen nicht. In ihren Gesichtern war die reinste Panik zu lesen, aber dies schien niemanden richtig zu interessieren. Wir fuhren weiter. Dann ging während der Fahrt eine Tür auf. Nun türmte ein hochgewachsener, irgendwie ungewaschener Mann, schwarz wie die Nacht vor uns und schaute bestimmt in die Menge.
„Sie haben zwei Möglichkeiten“, posaunte er.
Natürlich hatten wir viel über die Kriminalität in Amerika gelesen. Jetzt wusste ich, die Zeit war gekommen, um zu sterben. Hier vor uns stand entweder ein Amokläufer oder Räuber, der uns mit Sicherheit zusammen schießen würde.
„Entweder Sie kaufen mir eine Obdachlosenzeitung ab, oder Sie geben mir ein paar Cents als Geschenk“.
Wir waren erleichtert, dankbar und bereit, ihm alles zu geben, was wir hatten. Der Kerl machte an dem Tag das beste Geschäft seines Lebens.
Übrigens. Wir kamen heil in Harlem an, gingen die Treppe hoch, die ins Freie führte, stiegen auf der anderen Straßenseite wieder ins Unterirdische und wechselten dadurch zum gegenüber liegenden Bahnsteig für die Rückkehr nach Downtown. Keiner guckte nach uns. Wir stiegen diesmal am Central Park aus, es wurde noch ein wunderschöner Tag.