- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
- 6.1 Einmsichung
- 6.2 Die Meerkatze
- 6.3 Im Pott kocht’s
- 6.4 Harlem, New York
- 6.5 Harlem zum Zweiten
- 6.6 Frau Schneider und die Pornos
- 6.7 Der Terrorist von Wölfersheim
- 6.8 Gerald Asamoah - Unser Bruder aus der Urzeit
- 6.9 Dienst ist Dienst
- 6.10 Weibliche Moskitos und der Weltkomplott
- 6.11 Sorgfalt und Makellosigkeit
Halbwahrheiten
6.7 Der Terrorist von Wölfersheim
Wölfersheim im Hessischen, ist in Deutschland bekannt als NPD-Hochburg. Seit Jahrzehnten wählen die Wölfersheimer regelmäßig bei den Kommunalwahlen einen NPD-Vertreter ins Stadtparlament. Trotzdem könnte man nicht sagen, dass der Ort nur so von Nazis wimmelt. Nein, so einfach ist es nicht. Die große Mehrheit der Wölfersheimer ist anständig und normal gesinnt. Das heißt, eine Mischung aus Deutschtümelei, Provinzialismus und Argwohn gegen Fremde ist vorhanden. Aber wo nicht in der deutschen Provinz?
Allerdings kenne ich einen Mann, der in Wölfersheim wohnt und der aus seiner rechten Gesinnung keinen Hehl macht. Nicht unbedingt ein Neonazi im politischen Sinne, mit Haß auf Juden und dergleichen. Nein. Er markiert nun mal gern den starken Mann, redet gern radikal und macht seine Anhänger mit markigen Sprüchen heiter. Er ist stadtbekannt und wird im Ort unter guten Freunden „Hitler“ genannt. Beim Bier, sagt er, kommen ihm die besten Ideen. Also pflegt „Hitler“ in seiner Stammkneipe „Reichsadler“, seine Lösungen für alle Probleme dieser Welt bekannt zu geben.
Ich lernte „Hitler“ kennen, als ich Französisch in der Bertha-von-Suttner unterrichtete. Sein Sohn in die siebten Klasse sollte Französisch bei mir lernen. Also kam er in die Schule, um zu protestieren. Zur Überraschung aller hatte er überhaupt nichts gegen mich, einen Afrikaner als Lehrer. Sein Wut war wohl gegen Französisch gerichtet. Schließlich waren die Franzosen die Erbfeinde der Deutschen, dozierte er. Unterricht musste sein und später sprachen wir ab und zu am Telefon über die Entwicklung seines Sprosses. Mich, versicherte er, konnte er leiden. Eigentlich war ich der einzige Ausländer, den er gut leiden konnte, sagte er. Ich durfte mich also mit ihm über alles unterhalten. Aus irgend einem unerklärlichen Grund unterhielt sich dieser Mann gern mit mir. Besonders über seine sehr interessanten Lösungen für das Heil der Welt gab er mir reichlich Auskunft. Solange dies von Mann zu Mann geschah, nahm ich das Ganze von seiner heiteren Seite.
Einmal aber machte Hitler unsere Bekanntschaft publik. Ich traf ihn auf Bad Vilbels Frankfurter Straße, wo ich einkaufen war. Nun die Frankfurter Straße ist nicht einfach eine Straße. Sie ist die eleganteste und teuerste Straße in der Wetterau. Hierher kommen besonders an Wochenenden feine Leute zum Einkaufen. Und hier ausgerechnet in Bad Vilbel, wo ich ziemlich bekannt bin, traf ich „Hitler“. Kaum hatte er mich auf der anderen Straßenseite kommen sehen, da fing er an laut zu brüllen.
„Hey, Schwarzer! Schon von den Überschwemmungen in Polen gehört?“, wollte er wissen. Ja, ich hatte.
„Die Bundeswehr soll sofort alle Deiche dort bombardieren, damit das Wasser frei abfließen kann“, verkündete er.
„Und die Leute, die da wohnen?“, fragte ich etwas leise und ziemlich zaghaft.
„Absaufen lassen. Sonst kommen sie nachher zu uns und wir die Deutschen müssen wieder einmal bezahlen. Ja, die Polacken. Außer einem Großmaul haben sie nichts. Immer nur die Hand aufhalten“.
Normalerweise bin ich auf solche Tiraden von ihm gewohnt und wäre nicht sonderlich auf diese Auslassungen überrascht. Jetzt aber standen wir mitten in Bad Vilbel. Passanten guckten uns an. Gott war mir das peinlich!
„Hitler“ genoss offensichtlich solche Auftritte und dachte nicht daran, mit seinen derben Sprüchen aufzuhören. Er winkte mich noch näher zu sich.
„Hier, und was hältst du von den Israelis und Palästinensern? Die Idioten bekämpfen sich und bringen sich gegenseitig um, wegen ein paar alte Mauern und angeblichen heiligen Grundstücken in Jerusalem. Es gäbe sofort Ruhe, wenn die Amerikaner diese religiösen Stätten sofort in die Luft sprengen würden. Dann hätten sie nichts mehr worüber sie sich streiten könnten. Fertig aus.“
Meine Einwände, dass dies nicht anginge, weil die heiligen Stätte für Millionen andere in der Welt von Bedeutung war, wischte er mit einer Handbewegung beiseite.
„Gucken Sie mal Irland an. Da Leben wirklich Irre auf dieser gottverlassenen Insel. Die Kerle leben doch noch im Mittelalter. Religionskrieg im zwanzigsten Jahrhundert. Wo gibt’s denn so was? Warum lässt sich Europa den Frieden ständig zerstören? Die NATO sollte die ganze Insel mit einer Schiffsblockade isolieren und alle Iren nach und nach an die Wand stellen. Männer, Frauen, Kinder, Greise. Aus die Maus und Ruhe gibt’s.“ Bevor ich etwas sagen konnte, holte er nochmals aus.
„Was euch Neger angeht, erhob er die Zeigefinger, „will ich dir mal was sagen. Ihr seid arm, weil ihr nicht aufhört mit der Schürzenjägerei. AIDS geschieht euch recht. Wenn ihr alle dahingerafft seid, ist auch Ruhe im Kasten. Medikamente gegen AIDS zu entwickeln, ist reine Geldverschwendung. Auch noch zu erwarten, dass die Deutschen für das Vergnügen der Neger bezahlen, ist wirklich unerträglich. Das könnte euch so passen. Nichts gibt’s. Geh nach Afrika und sage deinem Häuptling genau dies.“
Er guckte mich an mit einer selbstzufriedenen Miene und schlug mich noch zur Versöhnung auf die Schulter. Inzwischen waren andere Passanten auf die blöden Sprüchen von „meinem Freund Hitler“ aufmerksam geworden. Zu meinem Leidwesen stimmten nicht wenige der Zuhörer zu. Glücklicherweise gab es auch einige andere, die erbost und entsetzt waren.
„Nazis raus, Nazis raus“, stimmten einige Jugendliche an. Ich ging durch die Mitte und war verschwunden.
Gewöhnlich werde ich von meinen Verwandten in Ghana gefragt, wie denn die Deutschen in Deutschland nun sind. Für mich gibt es keine schwierigere Frage. Was sagt man, wenn seine besten Freunde, Ehefrau und Kinder Deutsche sind?