- Der Autor
- 1. Präludium
- 2. Adagio
- 3. Andante
- 4. Con fuoco
- 5. Crescendo
- 6. Overtüre
- 6.1 Einmsichung
- 6.2 Die Meerkatze
- 6.3 Im Pott kocht’s
- 6.4 Harlem, New York
- 6.5 Harlem zum Zweiten
- 6.6 Frau Schneider und die Pornos
- 6.7 Der Terrorist von Wölfersheim
- 6.8 Gerald Asamoah - Unser Bruder aus der Urzeit
- 6.9 Dienst ist Dienst
- 6.10 Weibliche Moskitos und der Weltkomplott
- 6.11 Sorgfalt und Makellosigkeit
Halbwahrheiten
6.8 Gerald Asamoah - Unser Bruder aus der Urzeit
Seit kurzem spielt ein Landsmann von mir, Gerald Asamoah, in der deutschen Fußballnationalmannschaft. Dieser Typ gehört zu den beliebtesten Fußballern in Deutschland und ich bin richtig neidisch auf ihn. Er tut etwas hier, was ich auch gern getan hätte. Weil er bei seinem ersten Spiel im Nationaltrikot ein Tor erzielte, bekam er darauf hin eine tolle Presse. Die respektable Süddeutsche Zeitung aus München nannte ihn gönnerhaft „ein Stück Afrika“. Die „Bunte“, von Hausfrauen und anderen angesehen, nannte ihn „unser schwarzer Bruder.“ Natürlich wollte die „Bild“, Deutschlands größte Zeitung, nicht nachstehen. Eine Woche lang gab es keine andere Überschriften zu lesen als über Asamoah. In großen Buchstaben wurde Asamoah zunächst „unser neuer Liebling“ genannt. In den nächsten Tagen steigerte sich der Reporter und nannte ihn sein „uralter Vetter“. Warum? Er lieferte die Antwort gleich mit: „Irgendwann früh in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Spezies kämpften wir gemeinsam gegen Löwen und Tiger“, stand da zu lesen. Fragt man sich nur, wo dies stattgefunden hatte, da Afrika gar keine Tiger besitzt. Macht nichts. Sogar die Wochenzeitung Die Zeit widmete ihm neulich drei wertvolle Seiten, als sie im großen Sommerloch 2001 noch viele Lücken auf ihren Seiten zu füllen hatten.
Nicht dass Sie jetzt denken, ich würde Fußball spielen. Nein, ich bin kein Fußballer. Lehrer wollte ich sein in Deutschland, aber es hatte nicht sollen sein. Deswegen habe ich mit dem früheren Polizeipräsidenten von Hanau noch ein Hühnchen zu rupfen. Er allein ist schuld an meiner Misere. Er entließ mich einst als Lehrer, obwohl ich ihm nie etwas getan habe. Bis heute tut es mir richtig weh, wenn ich daran denke. Seine Entscheidung gegen mich habe ich nie verstehen oder akzeptieren können. Der Mann zerstörte meine Karriere. Wer weiß? Ich wäre vielleicht genauso berühmt wie Asamoah heute. Nachdem ich aber in der Bildzeitung aufgeklärt wurde, dass wir irgendwie Gemeinsamkeiten aus der Urzeit haben sollten, habe ich vor allem eine Frage an ihn, sollte ich ihn wieder treffen.
Anfangs fing alles gut an. Ich war angestellter Lehrer für Fremdsprachen in einer Gesamtschule in der Bertha-von-Suttner-Schule in Nidderau bei Hanau. Ich unterrichtete Englisch und Französisch. Meine Kollegen, die Kinder und ihre Eltern waren von mir begeistert. Nicht aber der Chef der Ausländerpolizei in Hanau. Jedes Jahr musste ich zu ihm, um meine Aufenthalts- bzw. Arbeitsgenehmigung zu verlängern. Diese beiden Sachen waren an meinem Lehrauftrag gekoppelt. Das hieß, ohne Arbeitsgenehmigung kein Lehrauftrag, ohne Lehrauftrag keine Arbeitsgenehmigung. Bei meinen vielen Besuchen dort lernte ich den Chef aller Ausländerpolizisten persönlich als integeren, freundlichen Mann kennen. Ich hatte nie Schwierigkeiten dort. Bei einer dieser Routineverlängerungen wurde der Antrag nicht wie üblich verlängert, sondern ich wurde zum Chef zitiert. Er hatte etwas auf dem Herzen, er studierte seine Akten beharrlich noch als ich vor ihm stand. Kein Lächeln, keine Nettigkeiten wie sonst, er ging gleich zur Sache. Seine Frage war, ob kein Deutscher meine Arbeit tun könnte? Ich fand die Frage unverständlich. Warum diese Frage an mich? Es war doch die Sache der Schule und ich war nur ein kleiner Angestellter. Woher sollte ich dies wissen? Ich blieb höflich und gab ihm zu verstehen, dass nur der Schulleiter dies wissen konnte und daher die richtige Adresse für die Frage wäre. Mit einem Groll in der Stimme gab er mir die Warnung, dass dies das letzte Mal sei, das er meinen Vertrag verlängern würde und wünschte mir alles Gute. Kein Auf Wiedersehen, betonte er. Sehen wollte er mich nicht mehr.
Ich hielt diese Episode für einen schlechten Scherz und ging zurück an die Arbeit. Ich werde doch gebraucht, versicherte mir mein Schulleiter. Als es wieder soweit war, weigerte sich der gute Herr tatsächlich, mich zu empfangen. Er ließ wissen, ich war gewarnt gewesen. Keine Aufenthaltsgenehmigung. Somit war ich aus dem Schuldienst raus. Meine viel versprechende Karriere als Lehrer in Deutschland war beendet. Zum Glück fand ich kurz danach wieder Arbeit. Ich schwor, mich irgendwann mal an diesem Mann zu rächen. Nach meinem Abgang vom Schuldienst traf ich diesen Chef der Ausländerpolizei nur einmal auf dem Bieberer Berg in Offenbach, wo die Kickers gegen Mannheim spielten. Wissen Sie, was er zu mir sagte? „Was! Sie sind noch in diesem Land?“
„Wie Sie sehen, Herr Overbeck, bin ich immer noch da“, sagte ich.
Er schüttelte nur noch den Kopf und winkte ab. Aus dem Hanauer Anzeiger erfuhr ich kurz danach, dass er in den Ruhestand gegangen war.
Acht Jahre sind seither vergangen, und ich bin mir nicht so sicher, ob der gute alte Herr noch lebt. Aber sollte ich ihn wieder treffen, hätte ich eine Frage für ihn. Seit meiner Lehrerzeit sind die Zeiten in Deutschland wirklich anders geworden. Sehr viele Ghanaer und andere Afrikaner sind nach Deutschland gekommen, die meisten Fußballer. Sie spielen in Erstligaklubs, ziemlich erfolgreich sogar. Meine Frage nun an Herrn Overbeck:
waren wir auch nicht früher gemeinsam durch die afrikanische Savanne gezogen? Hatten wir nicht in der großen Höhle bei Olduvai die wundervollen Malereien an die Höhlenwand gekritzelt, obwohl uns die Eltern es ausdrücklich verboten hatten? Auf welcher Weise ist Asamoah nun besser als ich? Anders gefragt, tut er irgendetwas was unser uralten Verwandten in Europa nicht tun können? Oder: Was hat Asamoah, was ich nicht habe?