Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten

Volksmärchen von der afrikanischen Goldküste - Ghana

Seit Jahrhunderten von Jahren hat Afrika eine mündliche Tradition der Mythen, Legenden und Volksmärchen. Weil diese Geschichten niemals schriftlich festgelegt, sondern von Generation zu Generation mündlich weitergegeben worden sind, ist die Märchenwelt Afrikas nicht so bekannt wie viele andere auf dieser Welt, obwohl sie nicht weniger bewundernswert oder spannend ist.

Deshalb möchte ich zu der überall verbreiteten Sitte, sich bei passender Gelegenheit spannende Geschichten zu erzählen, diese durch eine Niederschrift der Märchen bereichern.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den zahlreichen ghanaischen Geschichten um Ananse den Spinnenmenschen und seine Abenteuer.

Bekannt ist er, weil er nie müde wird, durch allerlei Tricks seinem Schicksal ein wenig nachzuhelfen. Clever genug ist er ja, aber immer wieder scheitert er, weil er stets eine wichtige Lebensweisheit vergisst, oder nicht berücksichtigt. Wenn man so will, ist Ananse Jedermann. Nicht nur das, in jedem Ghanaer steckt auch ein wenig Ananse-Charakter! Wie ich unterrichtet bin, betrifft dies auch die Nachfahren der Afrikaner, die heute in Surinam, Trinidad und Jamaika leben. Dort heißt unser Hauptdarsteller Kompa Ananse.

Die nachfolgenden Geschichten sind einige der vielen aus meiner Heimat Ghana. Sie sind nicht neu. Im Gegenteil, sie werden heute noch erzählt und immer wieder gern gehört. Das eigentlich Interessante dabei ist, daβ Kinder und Erwachsene nie müde werden, diese Ananse-Geschichten anzuhören, die eigentlich jeder kennt. Das Geheimnis liegt in der Erzählkunst des Einzelnen. Der Erzähler muss in der Lage sein, eine bekannte Geschichte so vorzutragen, daβ die Spannung und die Gefühle echt greifbar bleiben, damit alle aufmerksam zuhören. Denn jeder Erzählende trägt die Geschichten mit neuer Spannung, angereichert mit eigenen Nuancen und eigener Darstellungskunst vor. Nur so lassen sich alle immer wieder von neuem begeistern und fesseln. Dann sitzen die Kinder, Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, andere Verwandte und Nachbarn zusammen und lauschen bei Mondlicht den uralten Geistergeschichten, Zaubermärchen, Mythen und Legenden.

Als Kind hatte ich diese Geschichten so geliebt. Dann hatte ich sie fast vergessen, bis ich erwachsen wurde und selbst Kinder hatte. Sie waren es, die mich auf die Idee brachten, sie wieder zu erzählen. Meine Kinder schliefen abends schlecht ein und wollten immer neue Geschichten hören. Ich erzählte alles, was mir sonst so einfiel. Nachdem ich keine Erzählungen mehr wusste, fing ich an, die Märchen vorzutragen, die ich selber als kleiner Junge sehr oft gehört hatte. Die Begeisterung meiner Kinder ermunterte mich, weitere Kapriolen des nimmermüden, listigen Ananse in meinem Gedächtnis zu suchen und teilweise wieder zu erfinden. Ich musste natürlich immer wieder die gleichen Geschichten erzählen. Da Kinder generell keine Änderungen in Erzählungen dulden, schrieb ich meine Geschichten auf, um ja nicht "lügen" zu müssen. Hier ist das Ergebnis.

Wie gesagt, es sind keine neu erfundenen Geschichten, sondern typische Ananse-Begebenheiten auf meine Art erzählt. Ich habe mir dabei die gleichen Freiheiten erlaubt, die bei uns in Afrika üblich sind. Der Kern ist jedoch gleich geblieben. Ich hoffe, Sie alle werden Spaß daran haben.

Jojo Cobbinah

Unterhaltung