- Über den Autor
- 1. Die Familie Ananse
- 2. Ananse und das Wissen
- 3. Ananse der Vogel
- 4. Ananse der Verwandlungskünstler
- 5. Ananse der Verräter
- 6. Ananse und das Zaubermesser
- 7. Ananse der Trickreiche
- 8. Ananse der Angeber
- 9. Ananse der Schurke
- 10. Ananse der Kahlkopf
- 11. Ananse und Ntakuma
- 12. Die Schöpfungsgeschichte
- 13. Der listige Hase
- 14. Der gierige Leopard
- 15. Die Prinzentochter
- 16. Der undankbare Jäger
- 17. Freundschaft ist wichtig
Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten
Unterhaltung
8. Ananse der Angeber
Wie so oft in den vielen, vielen Jahren seit Ananse in Tamso wohnte, blieben die Regenfälle aus. Es regnete drei Jahre keinen Tropfen mehr auf die Erde. Das Resultat war, dass die Pflanzen austrockneten, viele Tiere verdursteten und die Menschen fast verhungerten. Der Boden wurde so hart, dass er aussah wie gebackene Kokosnüsse. Es blieb Ananse und seiner Familie nichts anderes übrig als alles Essbare zu sammeln: Ameisen, Mäuse, Heuschrecken, Ratten, Eidechsen und andere scheußlich schmeckende Insekten, die nur mit viel Überwindung gegessen werden konnten.
Eines Tages, als die Sonne senkrecht am Himmel stand und der Hunger nicht mehr zu ertragen war, ging Ntakuma, Ananses ältester Sohn, auf die Suche nach Essbarem. Völlig geschwächt zog er daheim los. Er kam zu einer ausgedörrten Palme, die nur ganz winzige Nüsse trug. Ntakuma war sehr glücklich. Für ihn war der Tag schon gerettet. Er erntete die Nüsse, die er schnell in seine Tasche steckte. Es waren sechs Stück insgesamt.
Zurück nach Tamso gekehrt, setzte er sich unter den Baobab, nicht sehr weit von seinem Elternhaus entfernt. Dann nahm er zwei Steine, mit denen er die Nüsse knacken wollte, um an den süβen Kern heranzukommen. Er legte eine Nuss auf den Stein und schlug auf sie mit dem zweiten Stein. Peng. Bevor er richtig gucken konnte, war die Nuss verschwunden. Suchen half nichts. Kaum zu glauben. Er nahm die zweite Nuβ, legte sie auf den Stein und versuchte diese Nuss zu knacken. Peng. Die zweite Nuβ verschwand genau wie die erste. Unheimlich. Ntakuma suchte überall und fand nichts. Also legte er die dritte Nuss zum Knacken hin. Peng. Weg. Die nächste Nuss. Peng. Weg. Die vierte Nuβ. Peng. Wieder weg. Auch die Fünfte verschwand gleichermaβen. Jetzt hatte er nur noch eine Nuβ übrig, und die wollte er keinesfalls verlieren. Also sagte er zu der Nuss: "Egal wo du hinfliegst, ich werde dich verfolgen, verstanden?"
Also legte Ntakuma die letzte Nuβ mit Sorgfalt hin und versuchte vorsichtig und mit weit geöffneten Augen zu knacken. Peng. Weg war die letzte Nuβ!
Diesmal hatte Ntakuma jedoch sehr gut aufgepasst. Er sah wohin die Nuss verschwand. Sie flog nämlich in ein ganz groβes Loch neben dem Baobab, das er in seiner Verzweiflung vorher gar nicht bemerkt hatte. Ntakuma stieg in das Loch hinter der Nuss her. Da unten fand er alle seine sechs Nüsse wieder. Aber bevor er sie wieder aufsammeln konnte, sah er eine alte Frau, die auf einem Hocker saβ.
"Was willst du, mein Sohn"? fragte sie mit zitternder Stimme.
Ntakuma war natürlich erschrocken, er bekam Gänsehaut aber sein Hunger machte ihn furchtlos. "Ich bin hungrig und möchte die Nüsse essen", antwortete Ntakuma mit ängstlicher Stimme.
"Das ist ganz bestimmt nicht nötig", sagte die alte Frau. "Ich habe viel Essen hier, das Du haben kannst. Du musst aber vorher für mich arbeiten. Wenn du alles schaffst, kannst Du nach Herzenslust essen und trinken."
Daraufhin gab sie Ntakuma ein Sieb und forderte ihn auf, damit Wasser zu holen. Danach sollte er die Kleider ohne Wasser waschen. Zunächst dachte er an einem bösen Scherz aber er hatte zuviel Hunger um diese einzige Chance verstreichen zu lassen. Also tat Ntakuma weiterhin alles was ihm gesagt wurde. Ziemlich seltsam fand er alles trotzdem. Er holte tatsächlich Wasser mit einem Sieb und wusch viele Kleidungsstücke ohne Wasser. Das heißt, er versuchte es. Jedenfalls tat er wie ihm befohlen wurde, ohne sich über die Sinnlosigkeit der Arbeit zu beklagen.
"Ich bin jetzt fertig, Oma. Bekomme ich jetzt das Essen?"
Daraufhin sagte die alte Frau ganz trocken, "jetzt darfst du essen. Gehe in die hintere Ecke meines Zimmers und hole mir eine Yamswurzel. Koche die Yamsschalen und werf das Fruchtfleisch des Yams weg." Ntakuma gehorchte.
Zu seiner Verwunderung verwandelten sich die Yamsschalen in richtiges Essen mit köstlichen Beilagen. Er aβ und wurde satt. Sobald Ntakuma satt war, fiel ihm ein, dass er wieder nach Hause musste. Als er gehen wollte, gab ihm die alte Frau zwei Münzen: eine aus Gold und eine aus Silber.
"Wenn du zu Hause bist, werfe die goldene Münze ins Feuer und du wirst viel Glück haben."
Ntakuma bedankte sich und ging nach Hause.
Wieder zu Hause sagte Ntakuma nichts. Er warf schnell die goldene Münze ins Feuer. Plötzlich füllte sich das Zimmer mit Geld, Nahrungsmitteln und schönen Kleidungsstücken. Wohlstand war ausgebrochen in Ananses Haus. Ntakuma schwieg über die Quelle seines Reichtums. Ananse war überrascht und zugleich neidisch. Er fragte sich, seit wann Ntakuma nun so zaubern könne. Ntakuma erzählte ihm auf sein Bitten von den Nüssen, dem groβen Loch und der alten Frau.
Ananse dachte:
"Was mein kleiner Sohn kann, kann ich auch."
Diese Situation war untragbar für ihn und er platzte bald vor Neid. Wie konnte sich sein kleiner Sohn so profilieren, während er selbst gar nichts hatte. Ananse platzte bald vor Neid. Er entschloss sich, das Gleiche zu tun wie Ntakuma.
Ananse ging in den Wald und suchte sich ebenfalls Nüsse. Er setzte sich genau vor das Loch neben dem Baobab und fing an, Nüsse zu knacken. Die erste Nuss ging daneben, fiel aber nicht in das Loch. Die Zweite, die Dritte, die Vierte, die Fünfte. Keine fiel ins Loch.
"Ich werde dich verfolgen", sagte er zu der letzten Nuss. Aber auch sie fiel nicht in das Loch. Ananse war sehr enttäuscht. Da warf er alle Nüsse selber in das Loch und stieg mutig hinunter. Dort traf er die alte Frau, genau wie Ntakuma.
"Was willst du, mein Sohn?" fragte sie mit zitternder Stimme.
"Ich bin nicht dein Sohn", antwortete Ananse ziemlich frech und lasse mich nicht von alten Frauen befragen. Auβerdem habe ich Hunger."
Die alte Frau sagte: "Geh hinter das Haus und bringe Bananen mit. Iβ die Bananenschalen und wirf die Früchte weg."
"Was bildet sich diese alte Frau ein. Ich bin doch nicht blöd", höhnte Ananse ganz leise.
Er ging, brachte die Bananen mit, warf aber die Schalen weg und fing an zu essen. Nun schmeckten die Bananen aber nach faulen Eiern. Danach aß er die Schalen. Die schmeckten überraschenderweise ganz lecker nach echten Bananen. Ananse konnte das nicht verstehen. Sobald er nach Herzenslust gespeist hatte, verabschiedete er sich. Die alte Frau gab Ananse noch zwei Puppen mit.
"Wenn du nach Hause kommst, verbrenne alle beide Puppen und du wirst Glück haben."
Ananse rannte nach Hause. Kaum angekommen, warf er eine der beiden Puppen ins Feuer. Die schönere der beiden behielt er. Dann ging er durch das ganze Dorf und erzählte, dass er zaubern könne.
"Ich kann besser zaubern als alle Menschen dieser Welt", schrie er überall. "Wir werden reich sein und essen können, was wir wollen."
Er sammelte alle Einwohner von Tamso zusammen und sagte stolz, dass er Gold, Diamanten, Seide und schönes Essen herbeizaubern könne, wenn der Prinz dreimal seine Trommel schlüge.
Der Heilige Mittwoch, Tag des Erdengottes, wurde für Ananses Zauber ausgesucht. Amponsem, der begabteste Trommler von Tamso, versprach persönlich die Trommel dreimal zu schlagen. Alle waren gespannt. Was würde wohl passieren?
Als der heilige Tag gekommen war, gab es eine farbenprächtige Versammlung. Alles wurde still. Amponsem, der Prinz schlug die große Sprech-Trommel aus Elefantenleder. Kong, Kong, Kong. Dreimal. Nichts passierte. Er wiederholte es. Und was passierte? Statt der feinen Sachen, die alle erwarteten, kam ein groβer Schwarm Bienen und fiel über Ananse her. Er wurde überall gestochen, bis er zu Boden fiel und nichts mehr machen konnte. Sein Kopf schwoll groβ an, er bekam acht Hände und einen riesigen Wasserbauch. Er war gänzlich entstellt und furchtbar hässlich geworden.
Dies war eine groβe Schande und Strafe für Ananse. Dazu wurde er noch vom ganzen Dorf ausgelacht. Er konnte nun nicht mehr in Tamso wohnen. Er musste sich irgendwohin retten. Er guckte nach rechts, er guckte nach links. Kein Ausweg! Als Spinnenmensch der er war, blieb ihm also nur noch die Flucht nach oben. Er hüpfte hoch an die Decke, wo ihn niemand mehr erreichen konnte. Dort ist er bis heute geblieben und traut sich immer noch nicht hinunter.
Bedenke: Wer neidisch ist, wird ein böses Erwachen erleben.