- Über den Autor
- 1. Die Familie Ananse
- 2. Ananse und das Wissen
- 3. Ananse der Vogel
- 4. Ananse der Verwandlungskünstler
- 5. Ananse der Verräter
- 6. Ananse und das Zaubermesser
- 7. Ananse der Trickreiche
- 8. Ananse der Angeber
- 9. Ananse der Schurke
- 10. Ananse der Kahlkopf
- 11. Ananse und Ntakuma
- 12. Die Schöpfungsgeschichte
- 13. Der listige Hase
- 14. Der gierige Leopard
- 15. Die Prinzentochter
- 16. Der undankbare Jäger
- 17. Freundschaft ist wichtig
Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten
Unterhaltung
10. Ananse der Kahlkopf
Seit dem wir Kwaku Ananse kennen, läuft er mit einem Kahlkopf herum. Obwohl Ananse von Natur aus nie viele Haare auf dem Kopf hatte, besaß er früher etwas mehr davon als heute. Auf das Bisschen was er hatte, war Ananse sehr stolz. Wie nun Ananse zu seinem kahlen Schädel kam, werden wir gleich wissen.
Also, eines Tages gab es ein groβes Hochzeitsfest in Praso, einen Nachbarort von Ananses Dorf Tamso. Alle Menschen in der Gegend waren zum Fest eingeladen. Natürlich waren Ananse, Okonnoro, Ntakuma und Kwaku Tene auch eingeladen. Als der Hochzeitstag kam, zogen sie sich alle sehr fein an. Zur Feier des Tages kaufte sich Ananse einen sehr schönen Hut, den er auf seinen Kopf setzte. Er sah damit sehr würdevoll aus. Dann machte sich die Familie zu Fuß auf den Weg nach Praso.
Als sie ankamen, waren Tausende von Leuten da. Auch die Schwiegermutter von Ananse, Maame Anowa, war anwesend. Es wurde gesungen, getanzt, gescherzt und getrunken; alle waren sehr vergnügt.
„So ein schönes Fest hat es in Praso noch nie gegeben“, sagten viele Gäste. Als der Abend gekommen war, hatten alle Gäste einen ganz großen Hunger. Sie warteten mit viel Appetit auf das Festmahl. Schlieβlich wurde das Essen serviert. Diesmal gab es Palmsuppe, Antilopenfleisch, Süβkartoffeln und viele andere leckere Sachen. Am liebsten hätten sich die Gäste auf das Essen gestürzt, aber sie wagten es nicht zu tun. In Tamso und Praso galt es als ausgesprochen unhöflich, in der Öffentlichkeit sehr schnell und sehr viel zu essen. Alle bemühten sich, gepflegt und fein zu essen. Da sie aber alle viel Hunger hatten, war es gar nicht leicht, langsam zu speisen. Ntakuma, der sonst sehr verfressen war, wollte ein Beispiel als Respektperson geben und öffnete kaum seinen Mund. Okonnoro aβ in kleinen Mengen, wie ein Vögelchen. Kwaku Tene traute sich kaum, das Essen anzufassen. Sie wollten alle für sehr vornehm gehalten werden.
Ananse versuchte ebenfalls, sich zu benehmen. Aber froh war er nicht, zu gern hätte er die leckeren Sachen in groβen Mengen zu sich genommen. Er schielte sehnsüchtig auf die schönen Stücke vom Antilopenfleisch.
"Was für eine Schande", dachte er. "Wenn wir nicht viel essen, wird der Rest des Festmahls weggeschmissen. Nein, das lasse ich nicht zu", entschied Ananse. "Ich muss dieses leckere Essen haben."
Aber wie sollte er das nun machen? Ananse dachte an seinen Hut. Er war groβ genug und wenn er den Hut voll Essen stopfte, könnte er ...
Er zögerte nicht länger. Jetzt wusste er ganz genau, was er zu tun hatte. Sobald die anderen Gäste nicht hinschauten, fing Ananse an, seinen Hut mit den schönsten Fleischstücken zu füllen. Unmittelbar neben dem Fleisch stand auch eine duftende Soβe aus Kürbiskernen in Erdnussöl. Ananse konnte es sich nicht verkneifen: Schwupps, goss er die Soβe über das Antilopenfleisch im Hut. Alles musste jetzt schnell gehen, bevor er entdeckt würde. Um das Ganze zu sichern, nahm Ananse ein großes Stück Brot, legte es auf den Kopf und stülpte den Hut drüber. Jetzt hatte Ananse das begehrte Essen auf seinem Kopf. Deswegen musste er jetzt schnell verschwinden.
Ananse hatte sich aber getäuscht. Die schöne Soβe war leider sehr heiβ und sein Kopf fing an zu glühen. Er wusste, er musste sofort verschwinden, sonst würde er in Ohnmacht fallen. Er bedankte sich bei den Gastgebern und verabschiedete sich höflich, mit der Entschuldigung, dass er etwas Dringendes zu erledigen hätte. Auf dem Weg zum Ausgang bemerkte er, dass seine Schwiegermutter auch gerade aufstand.
"Warte, Ananse, ich begleite dich nach Hause. Ich bin sehr müde und möchte nachher nicht allein nach Hause laufen."
Es war natürlich Pech für Ananse. Er konnte jetzt nicht sagen, er wolle allein gehen. Also liefen sie Seite an Seite nach Hause. Langsam wurde der Schmerz unerträglich. Der Kopf von Ananse qualmte. Er konnte es nicht mehr aushalten. Laufen konnte er auch kaum noch. Es musste etwas geschehen. Plötzlich fing Ananse an, den Kopf hin und her zu bewegen. Dann begann er zu singen und zu tanzen. Er sang immer lauter und tanzte immer wilder. Dadurch konnte er den starken Schmerz ein bisschen lindern. Dennoch wurde Ananse so wild, daβ die Schwiegermutter sich wunderte. Es war sonst nicht Ananses Art, wild umher zu tanzen. "Etwas ist nicht in Ordnung", dachte die Schwiegermutter. Aber was?
Akosua Anowa, so hieβ Ananses Schwiegermutter, war ratlos. Sie beobachtete Ananse eine Weile, sagte aber nichts. Sie dachte Ananse hätte wieder einmal seine typischen Faxen angefangen. Ab und zu hatte er tatsächlich solche Phasen. Aber dann sah sie etwas, was sie nicht glauben konnte: An Ananses rechtem Ohr lief eine dicke braune Soβe herunter.
"Ananse!" schrie sie, "was hast du da am Ohr? Komm, laβ mich mal gucken."
"Oh. liebe Schwiegermutter, das ist nur eine Beule, nichts weiter", log Ananse. Aber jetzt wuβte er, daβ sein Spiel aus war.
"Nein, nein, Ananse, zeig mir dein Ohr." Es blieb Ananse nichts anderes übrig, als sein Ohr zu zeigen. "Setze deinen Hut ab, damit ich besser sehen kann, lieber Schwiegersohn."
Oh Schreck!! Akosua Anowa konnte ihren Augen nicht glauben. Was sie sah, war erschütternd! Ananses Kopf war voller Soβe. Nicht nur das, seine Kopfhaut war vollkommen verbrannt. Ananses schöne Haare fielen zusammen mit den Fleischstücken zu Boden.
"Du elender Hochstapler", schrie sie.
Das war eine zu große Schmach für ihn, besonders im Beisein seiner Schwiegermutter. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu fliehen. Er rannte so schnell wie seine Füβe ihn in den Wald tragen konnten. Er traute sich nicht mehr, nach Hause zu kommen. Aber so allein konnte er auch nicht im Wald bleiben. Ananse irrte drei Tage ohne Essen und ohne frische Kleidung im Wald umher. Bald musste etwas geschehen. Er plante ganz gezielt vorzugehen, wenn er überleben wollte. Sein geliebter Baobab, unter dem er zu sitzen pflegte, wenn er angestrengt nachdachte, stand jetzt zu weit weg von seinem Versteck im Wald. Kurz bevor Ananse seinen Verstand verlor, bekam er einen Einfall. Der einzige Mensch, der ihn eventuell retten konnte, war der Waldzauberer von Nyinahin. Es gab fast nichts, was dieser Zauberer nicht tun konnte. Ananse fasste den Entschluss, ihn zu besuchen und ihm von seiner misslichen Lage zu erzählen.
Er machte sich auf dem Weg zum Waldzauberer und bat ihn:
"Oh Du berühmter Magier, ich brauche dringend deine Hilfe. Ich habe Dummheiten gemacht und kann mich im Dorf nicht mehr sehen lassen. Verwandele mich so, dass ich wieder nach Hause gehen kann, ohne dass mich jemand erkennt, außer meiner Familie natürlich. Ich gebe dir dafür alles was ich habe."
Ananse nahm auch hier wieder den Mund zu voll, denn er hatte wenig Besitz in der Welt. Diese Tatsache war allen in Tamso bekannt. Dennoch: Der große Waldzauberer, der ein buntes Federgewand trug und Blätter auf dem Kopf hatte, lächelte gütig und beruhigte Ananse.
"Mache dir keine Sorgen, Ananse, ich werde dir ohne Bezahlung helfen. Für drei Jahre werde ich dich in eine Katze verwandeln. Wenn du in der Zwischenzeit brav bist, wirst du an deinem Geburtstag in drei Jahren wieder der Kwaku Ananse sein, den wir alle kennen. Das Einzige, was dir fehlen wird, sind deine Haare. Dadurch wirst du immer an dieses Ereignis erinnert."
Ananse war einverstanden. Daraufhin nahm der Zauberer einen alten Nilpferdknochen und tippte Ananse dreimal auf die linke Schulter. Sofort wurde Ananse in eine wuschelige schwarze Katze verwandelt. Ananse bedankte sich und rannte daraufhin unerkannt nach Hause. Seine Familie konnte ihn anfangs nicht erkennen. Erst als er sprach, gab er sich glaubwürdig als Ananse wieder zu erkennen und bat um Geheimhaltung seiner wahren Identität. Im Dorf hieß es, Ananse wäre gestorben und Okonnoro hätte sich eine komische Katze als Ersatz gekauft. Auf diese Weise war Ananse zumindest drei lange Jahre wieder zu Hause und lebte in Frieden, ohne Eskapaden zu riskieren.
Deshalb wurde In Tamso das Leben ohne einen aktiven Ananse sehr friedlich aber langweilig. Drei Jahre lang lebte Ananse nur als Katze unter den Menschen. Er zog es vor, in dunklen Ecken zu wohnen, um ja keine Fehler zu begehen. Am dritten Geburtstag nach seiner Verwandlung wurde Ananse wieder Mensch, genauso wie der Waldzauberer es versprochen hatte. Ebenso wahr wurde die Tatsache, dass er seinen Kahlkopf behalten würde. Seit dieser Zeit wuchsen hat Ananse nie mehr Haare auf dem Kopf und es sieht nicht so aus, als ob sich dieses jemals ändern wird. Es bleibt abzuwarten, ob Ananse diesen Verlust wieder rückgängig machen kann. Versuchen wird er es bestimmt.