5. Ananse der Verräter

Es waren einmal vier Freunde: eine Schildkröte, ein Papagei, eine Ratte und eine Antilope. Sie lebten friedlich zusammen. Eines Tages tauchte ein Jäger auf und erlegte eines der Kinder der Antilope. Seitdem war der Friede dahin.

Das Leben der vier Freunde wurde immer gefährlicher. Alle Tiere wurden ängstlich; die Bedrohung nahm zu. Mit seinem Pfeil und Bogen zog der Jäger durch den Wald auf der Suche nach Beute. Seine Hauptmahlzeit bestand aus Antilopenfleisch, das er über alles liebte. Seine Pfeffersuppe pflegte er aus Schildkrötenfleisch zuzubereiten. Als Schmuck schätzte er die roten Schwanzfedern des Papageis. Ratten jagte er grundsätzlich, weil sie immer seine Nüsse stahlen. Die Situation war sehr bedrohlich, die armen Tiere wussten nicht, was sie tun sollten. Sie mussten sich unbedingt verteidigen. Also kamen sie eines Tages alle zusammen und legten einen Schwur ab, keinen Freund jemals im Stich zu lassen. Ananse wurde als unbeteiligter Zeuge des geheimen Treueschwurs. Der Papagei, der fliegen und sprechen konnte, sollte bei Gefahr pfeifen, um die anderen Tiere zu warnen. Der Plan funktionierte sehr gut. Sobald der Jäger sich näherte, ging ein Pfeifkonzert im Wald los. Dieser wurde langsam verzweifelt. Sein Essensvorrat ging zur Neige und die Hoffnung auf Beute schwand immer mehr. Vor lauter Hunger musste er nun Heuschrecken und Eidechsen essen, was ihm gar nicht schmeckte.

Eines Tages traf der Jäger Ananse zufällig, als jener unterwegs zu seiner Farm war. Er sprach mit ihm über seine Situation und bat Ananse um Rat.

Was der Jäger nicht wusste, Ananse kannte den Verteidigungsplan der Tiere genauestens. Sobald er von der misslichen Lage des Jägers hörte, wusste Ananse, das er die ganze Angelegenheit zu seinem Gunsten ausnutzen könnte. Warum solle er schweigen, wenn er des Jägers schöne Tochter für seinen Sohn haben könne, fragte er sich. Die Chance dazu war jetzt da und Ananse wäre nicht Ananse, wenn er nicht zuschlagen würde.

"Mein lieber Freund", begann Ananse.
"Wenn du lange leben möchtest, kann ich dir helfen. Allerdings muss du einverstanden sein, dass mein jüngerer Sohn Kwaku Tene deine hübsche Tochter heiratet. Ich bin der einzige Mensch, der das Geheimnis der Tiere verraten kann. Ich weiβ nämlich warum du keine Beute mehr kriegst. Die Tiere haben einen Plan gegen dich ausgeheckt", sagte Ananse ganz stolz.

Der Jäger war natürlich einverstanden und versprach sofort die Hand seiner hübschen Tochter Serwa.

"Ich weiβ, wo alle die Tiere leben", begann Ananse und erzählte dem Jäger alles. Daraufhin entschloss sich der Jäger, als erster den Papagei zu fangen, damit er niemanden mehr warnen könne. Gesagt, getan. Er ging in den Wald, sah den Papagei und versteckte sich in seiner Nähe.

In der Zwischenzeit hatte die Schildkröte den Jäger gesehen, aber sie war machtlos. Sie rannte, so schnell sie konnte zur Antilope und rief: "Schnell, schnell, der Jäger will unseren Freund fangen, wir müssen etwas tun!

Da antwortete die Antilope: "Meine liebe Schildkröte, es tut mir leid, ich habe zu tun. Ich habe keine Zeit. Außerdem ist der Papagei ein Angeber und prahlt immer nur mit seiner Fliegerei. Wenn was passiert, werde ich auf mich selbst aufpassen. Ich habe Beine und kann schnell rennen."

Darauf rannte die Schildkröte schnell zur Ratte, die gerade Nüsse knackte. "Ratte, unser Freund ist in Gefahr. Wir müssen etwas tun." Aber die Ratte war nicht zu bewegen. "Gerade jetzt, wo ich solche schönen Nüsse habe, da soll ich sie einfach liegen lassen. Nein, ich kann mich in meinen Bau retten, wenn Gefahr droht. Ich kann jetzt nicht."

Die Schildkröte war zu schwach und zu unbeweglich, um allein etwas zu unternehmen. Auβer dem hatte sie furchtbare Angst vor dem Jäger. Sie verkroch sich in ihren Panzer und hoffte, daβ nichts passierte.

Doch der Jäger wartete, bis der Papagei schlief und schoss dann auf ihn. Verletzt fiel er vom Baum und konnte nicht mehr fliehen. Der Jäger steckte ihn in seine Jagdtasche. Gerade wollte er nach Hause, da entdeckte er die Schildkröte. Also nahm er diese auch noch und steckte sie ebenfalls in seine Tasche. Oh, heute habe ich viel Glück, dachte er. Plötzlich entdeckte er die Antilope, die gerade badete. Er holte sein Gewehr heraus, und peng war die Antilope erlegt. Sie landete ebenfalls in seiner Tasche. Bevor er nach Hause ging, erinnerte er sich daran, daβ die Ratte immer seine Nüsse stahl. Er lief schnell zum Bau der Ratte, machte Feuer am Locheingang und wartete bis sich Rauchschwaden entwickelt hatten. Der Rauch drang ins Innere des Baus, wo sich die Ratte versteckt hielt. Bald war darin soviel Rauch, daβ sie langsam keine Luft mehr bekam. Jetzt konnte es die Ratte konnte es nicht mehr aushalten und kam aus dem Loch heraus. Der Jäger schlug ihr mit einer riesigen Keule auf den Kopf und steckte sie ebenfalls in seine Tasche.

Der Jäger war sehr glücklich, als er nach Hause ging und dankte allen Göttern für soviel Beute.

Unterwegs im Beutel des Jägers wunderten sich die beiden Tiere, die überlebt hatten, wie der Jäger hinter ihren Plan kommen konnte. "Ananse hat uns bestimmt verraten. Nur er konnte von diesem Plan gewusst haben. Wir werden ihn sicher noch kriegen. Mach dir keine Sorgen, Schildkröte", sagte der Papagei. Ich glaube, wir werden uns retten können. Dieser Sack ist nicht aus sehr festem Material. Ich werde ein Loch hinein beiβen können. Bleib nur ruhig."

Langsam aber glücklich kam der Jäger nach Hause. Er freute sich über seine reiche Beute und all die schönen Suppen und Gerichte, die er kochen wollte. Er legte die Jagdtasche in die Küche. Am nächsten Morgen wollte er mit dem Kochen beginnen. Sofort, als der Jäger zu Bett ging, fing der Papagei an, mit seinem scharfen Schnabel ein Loch in die Tasche zu beiβen. Er hatte zum Glück nur ein gebrochenes Bein und konnte fliegen. Die Schildkröte folgte anschließend, tapste bedächtig aus der Tasche raus, kroch unter der Tür hindurch und weg war sie. Fortan lebten die Tiere in Angst, und passten immer auf, dass sie nicht erneut verraten wurden.

Als der Jäger am nächsten Morgen die Flucht der beiden Tiere entdeckte, war er wütend. Wie sollte er Schildkrötensuppe ohne eine Schildkröte kochen? Und wie sollte er seinen neuen Hut schmücken, ohne die Papageienfedern? Sein erster Verdacht fiel auf Ananse.
"Kwaku Ananse, dieser durchtriebene Unhold steckt bestimmt dahinter", sagte der Jäger lauthals. "Er ist sowieso ein Verräter, und kann nichts für sich behalten. Der soll nur abwarten. Ich werde es ihm schon heimzahlen."

Er marschierte voller Zorn zum König von Tamso und erzählte ihm wie Ananse die anderen Tiere verraten hatte. Der König versprach, Ananse zu entlarven und entsprechend zu bestrafen. Ananse war nämlich ein allbekannter Nuschler. Der König wusste schon, wie er vorgehen musste, um die Wahrheit aus Ananse heraus zu bekommen.

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