4. Ananse der Verwandlungskünstler

Ananse hatte sich vorgenommen, nach so vielen Misserfolgen in seinem Leben, etwas Besonderes zu machen, um sich Respekt zu verschaffen. Jetzt war die Zeit gekommen, um seinen Mitmenschen einen wahren Geniestreich zu spielen. Er war diesmal sicher, dass nichts schief gehen konnte.

Wie es Sitte in Tamso war, musste jeder Bewohner einmal die Woche freiwillige Arbeit für seine Gemeinde leisten. Mal musste eine Straβe repariert werden, mal war es die Brücke, die eine neue Stütze brauchte, und dann war es die Schule, die neu bedacht werden musste. Diese Arbeiten waren schwer und erforderten sehr viel körperliche Anstrengung. Sie wurden immer dienstags verrichtet, dem einzigen Tag in der Woche, wo auf den Feldern nicht gearbeitet wurde.

Im Laufe der Jahre hatte Ananse bestimmt viel für sein Dorf gearbeitet. Nicht, dass er mit viel Lust an die Arbeit heranging, keineswegs. Im Grunde hasste er harte Arbeit. Ganz besonders dienstags, wenn er lieber in der Ecke saβ, eine Pfeife rauchte und lustige Geschichten erzählte. Nein, Dienstagsarbeit musste nicht sein. Jedes Mal wenn er mit Arbeiten dran war, träumte er von seiner schönen, genussvollen Pfeife und der Ruhe, die er haben könnte, wenn es diese Schinderei nicht gäbe.

Aber sich einfach von der Arbeit zu entfernen war auch nicht richtig. Ananse gehörte zu den älteren Männer des Dorfes. Er sollte mit gutem Beispiel voran gehen. Also ging es darum, einen Weg zu finden, sich der lästigen Arbeit zu entledigen und trotzdem sein Ansehen als Respektperson zu behalten.

Diesmal brauchte Ananse gar nicht lange zu überlegen. Er hatte schon immer gewusst wie er so etwas anstellen könnte. Er hatte nur solange gezögert, seinen Plan in die Tat umzusetzen, weil er nicht sicher war, ob er damit Erfolg haben würde. Wie man weiß, hatte Ananse ja schon viele schlechte Erfahrungen gemacht. Er war jetzt vorsichtiger geworden. Als eines dienstags Ananse beim Straßenausbessern von Hornissen überfallen wurde, war es soweit: Er kehrte voller Wut nach Hause zurück und entschloss sich, nie mehr für irgend jemanden zu arbeiten.

Das nächste Mal, als Ananse dran war mit Dienstagsarbeit, sagte er ganz einfach:
"Tut mir sehr leid, ich bin nicht Kwaku Ananse! Ich bin nur sein Zwillingsbruder, den ihr nicht kennt. Euren Ananse habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen. Ich bin nur zu Besuch hier." So gesagt, setzte sich Ananse in seine Lieblingsecke und zündete seine Pfeife an, ohne den anderen auch nur einen Blick zu schenken.

Die Dorfleute waren verblüfft. Sie verstanden die Welt nicht mehr. Sie alle kannten Ananse doch sehr gut und hätten schwören können, daβ er es war. War das nicht ihr Spinnenmensch, der bekanntlich dienstags gerne seine Pfeife rauchte? War das nicht seine Lieblingsecke? Und dann sein breites Gesicht mit den dünnen Haaren ... Aber andererseits, wenn Ananse wirklich einen Zwillingsbruder besaβ, könnte er ihm haargenau ähneln. Allzu überzeugt waren sie nicht, aber sie konnten nichts Gegenteiliges beweisen. Also gingen sie ohne Ananse weg, um zu arbeiten.

Sobald sie weg waren, stand Ananse auf, zog sich seinen schicken Umhang an, nahm seinen Spazierstock und machte einen ausgedehnten Spaziergang. Es war ja relativ einfach gewesen, die anderen zu verwirren. Er war richtig zufrieden und glücklich. Mittwochs, als er auf seiner eigenen Farm arbeitete, war er quietschvergnügt und wieder der alte Kwaku Ananse. Sein Bluff war einfach und erfolgreich. "Ab jetzt ist es Schluss mit dieser mühseligen Arbeit", sagte er leise zu sich selbst.

Am nächsten Dienstag kamen die Dorfältesten wieder zu Ananses Haus. Vor dem Haus saβ jemand, der aussah wie Ananse, der aber eine Gitarre in der Hand hielt und eine wunderbare Melodie spielte. Dieser jemand stand schnell auf und sagte: "Falls ihr nach Kwaku Ananse sucht, muss ich euch enttäuschen! Es gibt nicht nur einen Ananse auf dieser Welt. Ihr kennt vielleicht nur Kwaku Ananse. Ich hingegen bin Ananse der Musiker. Euren Ananse könnt ihr ruhig suchen, aber laβt mich bitte in Ruhe." So gesagt, setzte er sich hin und spielte seine Gitarre weiter.

Mehrere Dienstage vergingen. Ananse war jedes Mal nicht daheim, wenn er wegen freiwilliger Arbeit gesucht wurde. Komischerweise war stattdessen immer ein anderer da, der behauptete entweder Ananses Neffe, Onkel, Bruder oder gar Opa zu sein. Wo ging der richtige Ananse sonntags hin? Da er montags bis freitags über diese Frage eisern schwieg, war es unmöglich, etwas darüber zu erfahren.

Die anderen Dorfbewohner wurden allmählich neugierig. Sie wollten unbedingt wissen, was Ananse an den Wochenenden trieb. So versteckten sie sich an allen Dorfausgängen, um zu sehen, wohin er ging. Aber Ananse kam nie vorbei. Das bedeutete, daβ er doch im Dorf blieb. Trotzdem spielte Ananse sein Spielchen weiter; immer wieder behauptete er mit ernster Miene, dienstags nicht Kwaku Ananse zu sein.

Da man dieses Rätsel nicht lösen konnte, musste der groβe Zauberer von Tamso eingeschaltet werden. Am darauf folgenden Dienstag wurde eine Dorfversammlung einberufen. Alle mussten anwesend sein. Ananse musste auch erscheinen. Dieser Zauberer war berühmt und berüchtigt. Er galt als jemand, der alles konnte. Ananse war wirklich erschrocken und besorgt.

In der Zwischenzeit überlegte sich der Zauberer, wie er Ananse überführen könne. Er wusste sowieso, daβ es nur einen Ananse im Dorf gab. Er wusste aber auch, daβ Ananse ein cleverer Bursche war. Er musste sich etwas Raffiniertes einfallen lassen. Kurz, er musste Ananse überlisten und er besann sich auf einen Trick.

An dem verabredeten Dienstag an dem sich alle versammelten, lieβ Ananse verkünden, daβ er krank sei und daheim bleiben wolle. Um trotzdem zu hören, was der Zauberer wohl zu tun gedachte, lieβ sich Ananse von einem angeblichen Bruder vertreten.

Am Versammlungsort war die Hölle los. Der Zauberer hatte sich voll mit weißem Puder bestäubt und tanzte schon wie ein Derwisch im Kreis herum. Er war richtig in Stimmung gekommen und wiederholte ständig unverständliche Zauberworte. Sobald alle ihren Platz eingenommen hatten, wurde alles ganz still. Der Zauberer fragte, ob Ananse anwesend wäre. Als er erfuhr, das Ananse krank sei, sagte er: "Schade, schade. Heute ist sein Glückstag. Seine Ahnen aus dem Jenseits haben ihm soeben drei Säcke Gold geschenkt. Die Ahnen betonen jedoch, nur der echte Ananse, der lediglich acht Finger hat, darf das Gold am Adae, Tag der Geister, beim groβen Baobab abholen. Kein anderer Verwandter von Ananse mit zehn Fingern darf dorthin erscheinen. Wer dies trotzdem tut, wird sofort sterben." Nun, der Tag der Geister war in zehn Tagen.

Als er zu Ende gesprochen hatte, ging ein Raunen durch das Publikum. Ooh, aah, hm, hm, waren die Reaktionen. Viele waren neidisch auf Ananse. Manche Leute hätten sehr gern acht Finger gehabt ... Sobald der angebliche Bruder von Ananse dies hörte, war er natürlich von seinem Glück begeistert. Er sagte nichts und lief schnell nach Hause. Unterwegs träumte er ständig von dem schönen Gold. Er konnte sehr viel Geld gebrauchen. Dann würde er seine Träume wahrmachen.

Oh nein! Kwaku Ananse hatte bis jetzt nicht daran gedacht, dass er zehn Finger hatte. Damit würde er das Gold nie in Empfang nehmen können. In der gleichen Nacht holte Ananse sein riesiges, scharfes Messer aus der Werkstatt, legte zwei Finger seiner linken Hand auf ein Stück Holz und schnitt sie kurzerhand ab. Es blutete in Strömen, aber wie jeder wusste, konnte er eisern gegen sich selbst und die ganze Welt sein. Ein Mann wie er wusste schon immer, was richtig und wichtig war. Gold war wichtig und er wollte es haben. Punkt.

Ananse blieb acht Tage zu Hause, verarztete seine Wunde heimlich mit Kräutern und wollte niemanden sehen. Nach zehn Tagen waren die Finger ganz gut geheilt. Dann ging er zum groβen Baobab, um das Gold abzuholen.

Dort angekommen, wartete der große Zauberer schon.

"Ah, guten Tag, Ananse", grüβte er höflich.
"Wenn du der echte Ananse bist, zeige deine acht Finger", sagte er ganz gespannt. Kwaku Ananse lieβ sich nicht zweimal bitten. Er rückte selbstsicher seine verkrüppelten Finger heraus.
"Gib mir mein Gold, bitte sehr, ich habe zu tun", sagte Ananse schroff.

Der Zauberer fing zu lachen an, anstatt das Gold der Ahnen herbei zu zaubern. Er lachte und lachte, bis er nicht mehr konnte. Niemand verstand was los war. Ananse war natürlich durcheinander. Er verstand ebenfalls nicht, was der Zauberer so lustig fand.

"Mein lieber Ananse, deine Klugheit hat dich zwei Finger gekostet!" eröffnete der Zauberer. "Ich habe kein Gold für dich. Ich wollte nur deine Ehrlichkeit testen. Du hast die ganze Zeit gelogen und hast dich von der Arbeit fern gehalten. Das ist der Preis. Ab jetzt wissen wir mit Sicherheit, daβ Kwaku Ananse tatsächlich acht Finger hat."

Ananse war entlarvt und wütend auf sich selbst, daβ er nicht den gemeinen Trick des Zauberers erkannt hatte. Nun hatte er für immer zwei Finger verloren. Er senkte seinen Kopf und fing an zu weinen. Es war recht seltsam, so einen gerissenen Kerl wie Ananse weinen zu sehen.

Als der nächste Dienstag gekommen war, war Ananse gezwungen, zur Gemeinschaftsarbeit anzutreten. Mit seinen acht Fingern konnte er nicht mehr lügen. Jeder im Dorf wusste Bescheid. Statt weniger zu arbeiten, wie er es sich am Anfang vorgestellt hatte, musste er nun an jeden Dienstag regelmäßig arbeiten. Dies konnte er kaum verkraften.

Wie wir sehen, war Ananse wieder einmal kläglich gescheitert, sein ramponiertes Ansehen ein wenig aufzupolieren. Die Arbeiterei jeden Dienstag hasste er weiter wie die Pest. Er schwor sich, irgendetwas zu tun, um sich von dieser Last zu befreien. Klar, dass Ananse nicht aufhören konnte zu planen. Sein nächster Streich war bestimmt nur eine Frage der Zeit.

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