- Über den Autor
- 1. Die Familie Ananse
- 2. Ananse und das Wissen
- 3. Ananse der Vogel
- 4. Ananse der Verwandlungskünstler
- 5. Ananse der Verräter
- 6. Ananse und das Zaubermesser
- 7. Ananse der Trickreiche
- 8. Ananse der Angeber
- 9. Ananse der Schurke
- 10. Ananse der Kahlkopf
- 11. Ananse und Ntakuma
- 12. Die Schöpfungsgeschichte
- 13. Der listige Hase
- 14. Der gierige Leopard
- 15. Die Prinzentochter
- 16. Der undankbare Jäger
- 17. Freundschaft ist wichtig
Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten
Unterhaltung
3. Ananse der Vogel
Ananse hatte lange gelebt und war alt geworden. Er hatte alles erreicht, was er im Leben erreichen wollte. Oder fast alles. Er wusste alles, oder sagen wir mal, er wusste Vieles. Eines Morgens stellte Ananse fest, dass ihm nur noch zwei Dinge im Leben fehlten. Erstens war er noch nie König gewesen. Oh, wie schön wäre es, wenn er nur einmal König sein könnte. Dann müsste er nicht mehr schwer arbeiten, er hätte Hunderte von Untertanen, die ihm alles abnehmen würden, träumte er.
Das Zweite war, dass er nicht fliegen konnte. Viele seiner Nachbarn, die er so kannte, konnten mühelos durch die Lüfte gleiten. Wenn solche zarten Tiere wie der Webervogel, der Kolibri und die Amsel alle in der Lage waren zu fliegen, wieso konnte er, der so intelligent und stark war, dann nicht mindestens genauso gut fliegen wie sie ? Der Gedanke an diese Tatsache allein machte Ananse zugleich wütend und unglücklich. Er überlegte monatelang, suchte verzweifelt nach Möglichkeiten, mindestens einen seiner Wünsche erfüllen zu können. Mit der Zeit wurde Ananse immer dünner. Er hatte keinen Appetit mehr. Okonnoro, seine liebe Frau, Ntakuma und Kwaku Tene, seine beiden Söhne, waren ratlos. Irgend etwas musste bald mit Ananse geschehen, aber was?
Nicht lange danach ereignete sich etwas in Tamso, was Ananses trauriges Leben grundlegend veränderte. Amankwa, der Adler, König der Vögel, starb plötzlich nach einer üppigen Mahlzeit. Wie es üblich war, musste ein neuer König gewählt werden. Nur die Adler durften als Könige gekrönt werden. Sie waren stark, sie flogen am höchsten, sie waren schön. Aber die Situation war schwierig, da kein Adler mehr in der Gegend wohnte, der König hätte sein können.
Sobald Ananse dies hörte, hatte er eine tolle Idee. Er war felsenfest entschlossen, König der Vögel zu werden, koste es was es wolle. Lange hatte er auf so eine Gelegenheit gewartet. Schnelles Handeln war gefragt. Er musste sich jetzt schnell etwas einfallen lassen. Aber dies war nicht schwer für ihn. Bekanntlich ist er ja klug und trickreich. Ananse fing an, gründlich nachzudenken. Nach drei Tagen hatte er schon die Lösung gefunden. Er war so glücklich, daβ er sich an diesem Abend zur Feier des Tages sein Lieblingsessen, Yams plus Spinatsoße garniert mit Schildkröteneiern, zum Essen wünschte. Nachdem er sein Leibgericht genossen hatte, ging Ananse jetzt daran, seinen Plan zu verwirklichen. Er wollte König werden, also musste er ein Adler werden.
In der Zwischenzeit wurde der alte König würdevoll beerdigt. Was jetzt noch zu tun war, war die Vorbereitung der Vögel auf die Wahl eines neuen Königs. Nach Landesbrauch musste am vierzigsten Todestag des alten Königs unbedingt ein neuer König auf dem Adler-Thron sitzen. An diesem Tag würden sich alle Vögel auf dem größten Baum versammeln, um den schönsten Adler zu wählen und zu krönen, falls es einen gab. Für die große Feier wurde Essen zusammengetragen, die Trommeln für das Freudengebet wurden entstaubt und Einladungen herausgeschickt.
Seinerseits sammelte Ananse Adler-Federn. Immer wenn er mit seinen Vogelfreunden zusammenkam, bat er um ein paar Federn, die er angeblich brauchte, um sein Geschenk zu schmücken, das er dem neuen König schenken wollte. Dieses wertvolle Geschenk sollte am Abend der Krönung abgeholt und zum Krönungsbaum gebracht werden. Alle die Vögel waren sehr gespannt auf Ananses Geschenk. Bald hatte er eine Menge Federn, fünf Eimer voll.
Ananse ging nun zu Werke. Drei Tage vor der Krönung schloss er sich in sein Zimmer ein, untersagte jedem den Eintritt und fing eifrig an, sich als Adler zu verkleiden. Zunächst übergoss er sich mit Klebstoff und wartete, bis alles fast eingetrocknet war, dann steckte er, Stück für Stück, die kleinen Federn an seine Haut. Anschließend kamen die mittleren Federn an die Reihe. Zum Schluss kamen die ganz groβen Federn dran. Es war eine mühselige, zeitraubende Arbeit, aber Ananse war nicht zu bremsen. Er schmückte sich Tag und Nacht, bis er endlich wie ein Adler aussah.
Dann holte Ananse seinen älteren Sohn, Ntakuma und lieβ ihn eine groβe Kiste vorbereiten. In die Kiste legte er ein Messer und viel Proviant: Eier, Äpfel usw. Statt die Kiste zuzumachen, wie Ntakuma dachte, legte sich Ananse, zu Ntakumas Überraschung, hinein.
"Ach du lieber Himmel", murmelte Ntakuma zu sich selbst.
"Guck doch nicht so blöd, und tue was ich dir sage", schnauzte Ananse Ntakuma an. "Ich mache eine Geheimreise, von der niemand etwas erfahren soll. Verschnüre diese Kiste und gebe sie den Vögeln mit am Vorabend der Krönung, verstanden? Ich habe etwas wichtiges vor."
"Ja, Papa", antwortete Ntakuma und tat wie ihm befohlen wurde. Um nicht zu ersticken, lieβ Ananse einige Löcher in die Kiste machen.
Am nächsten Tag kamen, wie verabredet, fünf starke Vögel, um das groβe Geschenk für den künftigen König abzuholen. Das Paket war ganz schön schwer, kein Wunder. Die Vögel hatten ihre liebe Mühe, das Ganze in die Luft zu hieven und zum Königsbaum zu bringen. Sie schafften es gerade noch, ohne daβ das Paket hinunterpurzelte. Heil angekommen, setzten sie das Paket in eine Baumkrone und gingen schnell ins Bett. Der nächste Tag würde anstrengend werden und sie wollten alle ausgeruht sein.
Sobald es ruhig geworden war, erwachte das vermeintliche Geschenk zum Leben. Ananse musste schnell sein, um unentdeckt zu bleiben. Er schnitt ein Loch in die Kiste und kroch heraus. Dann zupfte er seine vielen Federn zurecht, versteckte die Kiste und stellte sich neben die anderen bereits schlafenden Vögel, um zu schlafen.
Am nächsten Tag, kurz vor Sonnenaufgang, wurden die ersten Vögel wach. Die Kiste für den König war verschwunden! Sie suchten sie vergeblich. Stattdessen fanden sie etwas anderes. Ein Wunder war geschehen! Sie entdeckten einen groβen, mächtigen Adler unter sich. Jetzt war die Hölle los.
"Der neue König ist unter uns", schrieen einige von Baum zu Baum. "Wir danken Gott", schrieen andere. Schnell waren sich alle versammelten Vögel einig. So ein groβer Adler musste unbedingt König werden. Gesagt, getan. Die Versammlungstrommel wurde geschlagen, das Essen gekocht. Der Adler blieb die ganze Zeit stumm und beobachtete das Geschehen.
Um Punkt zehn fing die Krönungsfeier an. Der Adler wurde gebeten, auf dem Thron Platz zu nehmen. Mit dem Schwert der Weisen legte er den Königseid ab, sein Reich gegen Unheil zu schützen. Die Zeit für die Freudentänze war gekommen. Alle feierten die Krönung ausgiebig. Es wurde ein wunderschöner Tag. Die Vögel waren alle stolz auf ihren König. Ananse war überglücklich. Endlich konnte er sich König nennen. Sein Traum hatte sich erfüllt. Ein schönes Leben war das.
Nun war es Sitte im Vogelreich, daβ der König einmal im Jahr seine Flugkunst zeigen musste. Dies war der Tag, an dem er zeigen musste, daβ er sein Reich gegen Feinde verteidigen konnte. Ananse hatte das nicht gewusst. Er ärgerte sich, daβ ihm niemand von diesem Brauch erzählt hatte. Was sollte er jetzt machen? Er musste sich schnell entscheiden. Der Tag rückte immer näher. Ananse entschloss sich, wirklich zu fliegen. Was alle diese kleinen Vögel können, dürfte doch nicht so schwer sein, dachte er. Jeden Tag, wenn er allein war, übte er ein wenig. Von Baum zu Baum hüpfte er. Er wurde immer flinker und konnte sogar immer weiter gleiten. Ananse war jetzt sicher, dass er würde fliegen können.
Der Tag kam. Ein wunderschöner Tag, voller Sonnenschein, genau richtig für einen Adler, der bekanntlich immer der Sonne entgegen fliegt. Alle waren gespannt. Als Ananse die heiβe Sonne spürte, wusste er, daβ er Schwierigkeiten haben würde. Sein Körper fing an, furchtbar zu jucken. Er versuchte nicht zu kratzen. Mit der Zeit war es nicht mehr auszuhalten. Er kratzte nur einmal. Prompt hatte er eine Feder in der Hand. Nanu! Der Klebstoff für die Feder war durch die Hitze aufgeweicht. Einige Federn waren schon herausgefallen.
"Na ja, ich werde es schon schaffen", ermunterte sich Ananse.
Die groβe Versammlung der Vögel wartete schon. Ananse stellte sich in Pose, lieβ sich hofieren, breitete seine mächtigen Flügel aus und flog davon. Für ein paar Sekunden flog Ananse tatsächlich, aber dann begann er, durch den starken Wind, seine Federn zu verlieren. Einige Sekunden später hatte er fast keine Federn mehr. Ananse stürzte halsbrecherisch zu Boden. Er hatte schwere Verletzungen am ganzen Körper und konnte kaum laufen. Die herbeigeeilte Rettungsmannschaft der Vögel machte eine entsetzliche Entdeckung. Statt ihres Königs fanden sie einen verletzten Kwaku Ananse, den gemeinen Spinnenmenschen! Er hatte alle Vögel getäuscht. Als Strafe wurde er ins Dorfzentrum getragen und ausgelacht. Dies wiederum war für seine Familie, die er dadurch lächerlich gemacht hatte, unerträglich. Ananse wurde aus dem Dorf verbannt.
Wie schon so oft, hatte sich Ananse wieder mal gründlich blamiert. Ob er diesmal seine Lektion gelernt hatte, das war die Frage, auf die jeder gerne eine Antwort gehabt hätte. Aber Ananse schwieg. Er ging allen aus dem Weg und plante weiter nach Möglichkeiten, einmal etwas wirklich Groβes in seinem langweiligen Leben zu machen. Er hängt heute noch in Ecken und Kellern und plant immer weiter. Ob er in der Zukunft erfolgreich sein wird?