- Über den Autor
- 1. Die Familie Ananse
- 2. Ananse und das Wissen
- 3. Ananse der Vogel
- 4. Ananse der Verwandlungskünstler
- 5. Ananse der Verräter
- 6. Ananse und das Zaubermesser
- 7. Ananse der Trickreiche
- 8. Ananse der Angeber
- 9. Ananse der Schurke
- 10. Ananse der Kahlkopf
- 11. Ananse und Ntakuma
- 12. Die Schöpfungsgeschichte
- 13. Der listige Hase
- 14. Der gierige Leopard
- 15. Die Prinzentochter
- 16. Der undankbare Jäger
- 17. Freundschaft ist wichtig
Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten
Unterhaltung
2. Ananse und das Wissen
Nachdem Okonnoro durch ihre Ungehorsamkeit Gott von der Erde vertrieben hatte, war Gott nun also weit weit weg. Dies war gar nicht gut, weil Gott die Menschen somit in ihrem Unglück allein ließ.
Denn da gab es noch ein Geheimnis welches niemand kannte. Er hatte nur wenig Wissen in die Köpfe der Menschen getan, als er die Welt schuf. Er hatte immer auf sie Acht gegeben, deshalb brauchten die Menschen auch nur wenig Wissen. Es gab keinen Klugen. Ein unhaltbarer Zustand! Aus seinem Ärger über das verbotene Stampfen von Fufu, verstreute Gott jetzt den Rest des Wissens welches in seinem Besitz war in die Luft und über die ganze Erde. Niemand konnte es einfangen, ganz gleich, wie sehr man es versuchte.
Eines Tages setzte sich Ananse unter den riesigen Baobab von Tamso und dachte über die Welt nach.
"Wenn ich das ganze Wissen in der Atmosphäre einfangen könnte, wäre ich der klügste Mensch der Welt. Ich könnte die Welt allein als mächtiger Kaiser regieren und Gott ersetzen. Ach, das wäre schön," träumte er.
Während die anderen Menschen ahnungslos auf der Erde lebten, entschied sich Ananse also, der klügste Mensch der Welt zu werden. Er entschloβ sich, das ganze Wissen auf der Umgebung einzusammeln. Zunächst suchte sich Ananse einen ganz groβen, runden Tontopf. Dann fing er mit der Arbeit an. Er reiste zu Fuβ durch die ganze Welt Afrika, Europa, Asien, Amerika und Australien. Er sammelte und sammelte und sammelte, überall wo er hin kam. Schlieβlich, nach vielen vielen Monaten und Jahren war das ganze Wissen der Erde in seinem groβen Topf und Ananse war jetzt der einzige Mensch auf der Welt, der alles Wissen besaβ. Er freute sich mächtig und träumte wieder von seinem künftigen Leben als Kaiser der Welt.
Ananse kehrte nun nach Tamso, seinem Heimatort, zurück. Aber von nun an hatte er ein groβes Problem. Wohin mit dem schweren Topf voller Wissen!? Er musste aufpassen, damit niemand seinen wertvollen Topf stahl. Schlafen konnte Ananse nicht mehr. Tag und Nacht trug er den groβen Topf mit sich herum. Keine Spaziergänge mehr mit seinen Freunden. Keine Zeit mehr für seine Farm, keine Freude mehr über das Leben. Bald konnte er nicht einmal mehr laufen, so schwer war der Topf. Er konnte nicht ständig stehen, und er konnte nicht immer sitzen. Und jedesmal, wenn man ihn fragte was in dem Topf nun sei, erzählte Ananse eine lange Geschichte über Tabak des Königs, den niemand rauchen dürfe bis zu seiner Rückkehr aus Chichiwire, wo er gerade seinen Bruder besuchte. Ananse hatte aber furchtbare Angst, das mit Mühe gesammelte Wissen wieder zu verlieren. Was tun?
Wie immer, wenn er nicht mehr weiter wusste, setzte er sich unter den großen Baobab im Zentrum des Dorfes und überlegte. Drei Tage und drei Nächte ohne Essen. Er dachte und dachte.
"Wenn ich mich nur mit dem Topf verstecken könnte"... sinnierte er. "Irgendwo, wo mich niemand erreichen könnte. Dann hätte ich meine Ruhe, meinen Topf und das ganze Wissen." Oh ja, das war die Idee!
Nicht sehr weit von Tamso, rund 3 km von Ananses Dorf, stand ein mächtiger Wawa-Baum. Er war mit Sicherheit der gröβte Baum der Welt mit seinen 100 Metern Höhe und 20 Metern Durchmesser. Auf diesen Baum wollte Ananse hoch hinauf bis zur Krone klettern, um seinen Topf in Sicherheit zu bringen. Er war sichtlich stolz auf seine neue Idee und hatte deshalb gute Laune. Den ganzen Tag lang summte er Lieder und hüpfte aus Freude von rechts nach links. Aber, wie klettert man auf so einen groβen Baum mit einem so schweren Topf?
Ananse dachte: "Wenn ich den Topf auf meinem Rücken trage, kann jemand leise von hinten kommen und mein Wissen klauen. Oh, nein, das geht nicht. Und wenn ich mit einer Leiter hochklettere ...?", aber leider war in ganz Tamso keine Leiter hoch genug für so einen groβen Baum. Er überlegte weiter:
"Und wenn mir mein Sohn Ntakuma helfen würde ...?
Oh, nein, dann wüsste er, wo mein Versteck ist. Das geht nicht. Ich werde mir den Topf auf meinen Bauch binden und den Baum hinaufklettern", entschloβ sich Ananse.
Gleich am nächsten Tag stand Ananse früh auf. Es war noch nicht einmal hell an diesem Morgen. Die Vögel lagen ruhig in ihren Nestern und die Menschen schliefen noch. An diesem Tag wollte Ananse den Topf voller Wissen verstecken. Er zog sich schnell an, schaute links, schaute rechts und schlich aus seiner Hütte. Niemand war in Sicht. Der Topf saβ stramm auf seinem Bauch. Ananse sah schon recht komisch aus. Er war rund wie eine Kugel und unterwegs zum Baum watschelte er wie eine Gans. Er lief ganz leise in Richtung des groβen Wawa-Baumes.
Am Baum angekommen, fing Ananse gleich mit dem Klettern an. Dies war allerdings ganz schön schwierig, viel schwieriger als Ananse es sich vorgestellt hatte. Der Topf war wirklich unförmig und schwer. Wer kann schon auf einen Baum klettern mit einem Topf auf dem Bauch? Ananse schwitze. Ihm tat der Bauch weh. Die Füβe taten ihm auch weh. Seine Arme waren müde, ihm war schwindelig. Er war aber noch lange nicht oben angekommen. Plötzlich schwankte der Topf hin und her. Ananse versuchte mit aller Kraft, ihn zu halten und vor dem Runterfallen zu bewahren. Doch dann verlor er sein Gleichgewicht. Dann hörte er einen dumpfen Schlag. Mit einem groβen Knall zerbrach der Topf. Armer Ananse. Er hing mit entsetztem Gesicht immer noch im Baum. Das Wissen war weg, der Topf kaputt.
Fast zur gleichen Zeit, und bevor Ananse herunter klettern konnte, um alles wieder aufzusammeln, kam ein Sturm auf und blies das herumliegende Wissen wieder in die Luft. Das Wissen teilte sich in kleine Mengen auf und wurde wieder über die ganze Welt verstreut. Alle Einwohner von Tamso, die am Baum vorbeikamen, nahmen sich ein wenig von dem Wissen mit. Bis Ananse vom großen Baum hinunter geklettert war, war alles weg. Durch dieses Missgeschick kamen alle Menschen der Welt in den Besitz von Weisheit und wurden klüger, nur Ananse nicht. Was sollte er jetzt machen? Er war der Einzige auf Erden geblieben, der nur einen Fetzen von Wissen besaß. Er verschwieg diese Tatsache, und tat so, als ob nichts geschehen wäre. Jetzt hatte er ein Geheimnis, er allein wusste, dass er nicht viel im Kopf hatte. Durch seinen Egoismus war Ananse sozusagen verblödet. Um diese Tatsache weiterhin zu vertuschen, lief er herum und gab sich sehr klug. Insgeheim ahnte er, dass irgendjemand hinter sein Geheimnis kommen würde. Er mußte höllisch aufpassen, aber er fragte sich immer wieder, wie lange dieses Unglück unentdeckt bleiben würde.
Seit diesem Tag wurde Ananse gedankenvoll. Wenn er das Wissen vorher mit den anderen geteilt hätte, hätte er auch Klugheit erlangt. In diesen nachdenklichen Momenten dachte er an ein beliebtes Sprichwort seines längst verstorbenen Vaters, der oft gesagt hatte:
"Wer nicht teilt, bekommt auch nichts".