11. Ananse und Ntakuma

Trotz der vielen Schicksalsschläge, die Ananse in seinem Leben schon gehabt hatte, konnte niemand bestreiten, daβ Ananse auf vielen Gebieten wirklich begabt war. Er hatte viele Interessen und Hobbys und konnte viele wunderschöne Sachen machen. Zum Beispiel war Ananse ein ausgezeichneter Koch, und als Jäger war er nicht zu schlagen. Er konnte ebenfalls tolle Häuser bauen. Und hübsche Bilder konnte er auch malen.

Ntakuma, Ananses ältester Sohn, war mittlerweile groβ geworden. Wie es bei vielen Kindern der Fall ist, wollte er genau die gleichen Fertigkeiten beherrschen wie sein Vater. Dies hatte Ananse bis jetzt immer abgelehnt, weil Ntakuma, seiner Meinung nach doch noch zu jung war.

"Warte, bis du ein richtiger Mann geworden bist. Dann kannst du mich auf die Jagd begleiten." Das war Ananses ständige Antwort. Ntakuma wurde zunehmend ungeduldiger. Natürlich hielt er sich schon für sehr erwachsen. Er hatte kein Verständnis für die Meinung seines Vaters und wartete auf den Tag, an dem er sein Können unter Beweis stellen konnte.

Was Ntakuma nicht wusste, Ananse beobachtete seinen Sohn sehr genau. Er stellte fest, daβ Ntakuma doch schon ein Mann geworden war. Er beschloss, ihm zu zeigen, wie man ein richtiger Jäger wird. Eines Morgens, Ntakuma war kaum aus dem Bett, da nuschelte Ananse ganz nebenbei, wie es seine Art war:

"Mach dich schnell fertig, wir gehen heute auf die Jagd."

Wie man sich vorstellen kann, war Ntakuma überglücklich. Er machte sich in der Tat sehr schnell fertig. Er frühstückte in Windeseile, holte seinen Pfeil und Bogen, schärfte sein Messer. Die beiden verabschiedeten sich und gingen fort zu den Jagdgründen, die rund 6 km westlich von Tamso lagen.

Dort angekommen dauerte es nicht lange bis sie eine Gazelle sichteten. Nun, Gazellen eignen sich vorzüglich für die berühmte Palmensuppe, die Okonnoro so gut zubereiten konnte. Ananses Aufregung war verständlich. Mit schnellen Handbewegungen machte er Ntakuma klar, daβ er sich still verhalten solle, um das Tier nicht zu verscheuchen. Ananse zielte kraftvoll und mit viel Konzentration, dann ließ er den Pfeil los. Leider traf er nicht. Die Gazelle sauste durch das Dickicht und verschwand. Ananse drehte sich schnell zu seinem Sohn.

"Du bist dran schuld. Du machst mich nervös mit deinem blöden Gesicht", schimpfte er. Insgeheim allerdings war er sehr überrascht und enttäuscht. Er traf selten daneben. Ausgerechnet heute, wo sein Sohn mit dabei war, hatte er sich vorgenommen, sein Können zu zeigen. Na ja, es war noch früh am Tag, tröstete er sich.

Fast den ganzen Tag lang stiefelten Ananse und Ntakuma durch den Wald und versuchten, ein Tier zu erlegen. Ananse zielte auf Antilopen, Wasserböcke, Wildschweine, alles vergeblich. Egal wie sehr er es versuchte, die Tiere entkamen. Ananse war verzweifelt aber er tat alles um seine Ruhe zu behalten. Als es ziemlich spät geworden war und immer noch keine Beute vorhanden war, sagte Ntakuma ganz schüchtern:

"Laβ mich doch mal probieren, Papa. Vielleicht habe ich mehr Glück."

Ananse lachte höhnisch und laut. "Wie bitte? siehst du nicht, daβ selbst ich, Kwaku Ananse, erfahrener Jäger, große Schwierigkeiten habe?"

Ntakuma schwieg, weil er Ananses Laune kannte. Er wollte seinen temperamentvollen Vater bloß nicht noch wütender machen. Aber plötzlich sagte Ananse:

"Jetzt ist es sowieso dunkel, meinetwegen kannst du den letzten Versuch machen, bevor wir zur Jagdhütte gehen. Ich habe einen Bärenhunger."

Kaum hatte Ananse gesprochen, da tauchte ein fettes Wildschwein auf. Jetzt war Ntakuma dran. Er nahm einen Pfeil aus seinem Köcher heraus, spannte den Bogen, zielte ganz konzentriert und schoss den Pfeil ab. Er traf! Ananse war sprachlos. Ntakuma aber jubelte. Der Tag war gerettet. Die beiden packten das Tier ein und brachten es zur Jagdhütte. Zum Abendessen wollten sie sich nun eine richtig opulente Mahlzeit gönnen. Genug Fleisch hatten sie ja. Die beiden trugen das Wildschwein in die Hütte, zerlegten es und räucherten das Fleisch, damit es nicht verderben konnte. Dann wählten sie einige schöne Stücke heraus, machten eine scharfe Gulaschsoße und kochten frische Yams dazu. Ihr Hunger war groß, und die Soβe duftete schön stark in der Abenddämmerung.

Entgegen seiner Art schwieg Ananse eine ganze Weile. Er war in seiner Ehre zutiefst verletzt. Er konnte es einfach nicht verwinden, daβ er an diesem Tag versagt hatte. Er musste unbedingt zeigen, daβ er irgendwie seinem Sohn überlegen war. Die ganze Zeit dachte Ananse darüber nach, wie er seinem Sohn doch noch ein Schnippchen schlagen konnte.

Unmittelbar vor dem Essen sagte Ananse ganz nebenbei:

"Wir haben kein Wasser zu trinken. Hol schnell Wasser vom Fluss draußen, bevor wir mit dem Essen anfangen."

Ntakuma kannte seinen Vater und ahnte irgendetwas. Er sagte nichts, nahm den Tonkrug und machte sich auf den Weg, um Wasser zu holen. Dies war Ananses Ziel. Sobald Ntakuma weg war, fing er an, hastig zu essen. Auf das Fleisch in der Soβe hatte er vor allem abgesehen. Er holte sich alles, Stück für Stück, und aβ so schnell er konnte. In ein paar Minuten hatte er alles verschlungen. Dann nahm er ein paar Steine, die herumlagen, und legte sie in die Soβe. Dann deckte er die Töpfe wieder zu, leckte seine Finger sauber, putzte sich den Mund schön und begann lustig zu pfeifen. Er war zufrieden mit sich selbst.

Nach ungefähr zwanzig Minuten kam Ntakuma mit dem Tonkrug voller Wasser zurück.

"Komm', Papa, essen wir doch jetzt, ich habe einen Bärenhunger", sagte er.

"Oh, ja, ich kann es kaum abwarten, wo warst du so lange?": fragte Ananse scheinheilig. Ntakuma machte den Gulaschtopf auf. Seine Überraschung war perfekt. Aus der wunderschönen Soβe mit Fleisch war etwas ganz anderes geworden! Ntakuma schrie und fing an zu weinen, so groβ war seine Enttäuschung. Ananse blieb mit steinerner Miene sitzen und sagte ganz einfach: "Der Waldgeist hat das Fleisch in Steine umgewandelt."

Jetzt mussten sie die Yams ohne Soβe essen. Kaum hatte Ananse zwei Bisse genommen, meinte er, er hätte keinen Hunger mehr. Ntakuma war verwundert, aber er aβ weiter und sagte nichts. Irgendwie traute er Ananse nicht. Laut konnte er es nicht sagen, aber er glaubte nicht, daβ irgend jemand auβer Ananse mit dem verschwundenen Fleisch etwas zu tun hatte.

An den darauffolgenden Tagen jagten sie weiter. Ananse war in der Zwischenzeit wieder der Alte. Er jagte wie ein Weltmeister und traf immer wieder. Ntakuma machte Fortschritte in seiner Lehre als Jäger und lernte jeden Tag etwas Neues dazu. Sie machten viel Beute. Die Geschichte mit der Soβe war längst vergessen.

Am letzten Abend vor ihrer Rückkehr nach Hause wollten die beiden ein Abschiedsmahl zubereiten. Ntakuma kochte. Er machte eine Palmensuppe und stampfte dazu Fufu aus Maniokwurzeln. Alles sah sehr lecker aus. Dann sagte Ananse:

"Bis du fertig bist, Ntakuma, dauert es noch eine Weile. Ich hole schnell Palmenwein. Es passt gut zum Essen, und heute ist unser letzter Tag. Wir müssen feiern." Ananse schnappte seine Machete, nahm den Krug und machte sich auf den Weg.

Nicht viel später war das Essen fertig. Beim Warten auf Ananse fiel Ntakuma wieder ein, wie Ananse ihn vor einigen Tagen reingelegt hatte. Jetzt hatte er eine tolle Gelegenheit zur Revanche. Er zögerte nicht eine Sekunde. Genau wie Ananse vor einigen Tagen, setzte er sich bequem hin, aβ soviel Fufu und Fleisch wie er konnte, warf den Rest des Essens ins Feuer, spülte schnell die Kochtöpfe, deckte alles zu und wartete auf Ananse.

Ananse beeilte sich und kam kurz danach mit einem Krug voller frischem, schäumendem Palmwein zurück. Kaum hatte er den Krug abgesetzt, sagte Ntakuma ganz unbekümmert:

"Weiβt du, was eben passiert ist? Der Waldgeist war wieder da. Ich hatte soeben fertig gekocht, da tauchte er auf und lieβ alles verschwinden, genau wie das erste Mal. Jetzt sitzt er im Wald und genieβt unser schönes Essen."

Als Ananse den Namen "Waldgeist" hörte, wusste er, daβ Ntakuma log. Er wusste natürlich, dass gar keinen Waldgeist gab. Das wusste er ja ganz genau, weil er diese Kreatur selbst erfunden hatte.

"Du kleiner Lügner, du. Ich werde es dir zeigen", schrie Ananse vor Wut. Er stürzte sich auf Ntakuma und riss ihn zu Boden.

Bevor er zuschlagen konnte, sagte Ntakuma:

"Moment mal, Kwaku Ananse, der groβe Jäger. Warum bist du denn so böse? Warum bin ich ein Lügner. Du hast doch selbst von dem Waldgeist erzählt. Wenn er bei dir essen konnte, warum sollte es dann bei mir anders sein?"

Er lieβ Ntakuma los. Ananse wusste nun, dass sein Sohn ihn durchschaut hatte. Ihm blieb nichts mehr zu sagen. Er musste einsehen, daβ sein Sohn doch nicht mehr so naiv war.

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