14. Der gierige Leopard

Vor vielen, vielen Jahren waren der Hase und die Ziege Freunde. Sie halfen sich gegenseitig, wenn einer von den beiden etwas brauchte, und sie lebten in Frieden miteinander in Kwasikrom, ihren schönen Dorf. Zwischen Kwasikrom und der restlichen Welt lag ein Bergmassiv und ein groβer Fluss, den die Bewohner Tano nannten. Es hieß in Kwasikrom, wer den Fluss überquert, kommt nicht heil wieder nach Hause.

Wie es das Schicksal immer so fügt, passierte eines Tages etwas, was die Bewohner von Kwasikrom bis dahin nie gekannt hatten. Die Regenfälle blieben aus, und der Hunger breitete sich aus. Es blieb der Ziege und dem Hasen nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach etwas Eβbarem zu machen, um wenigstens für die Kinder Nahrung zu finden. Mit der Zeit wurde die Not immer gröβer und die Essensvorräte immer knapper. Sie mussten sich ernsthafte Sorgen machen und sich etwas einfallen lassen, wenn sie überleben wollten.

Dann kam eine wichtige Nachricht. Jenseits des groβen Flusses, an dem Ort, an dem die Berge nicht mehr so hoch waren und das Grasland begann, war ein Land, das keinen Hunger kannte. Dort hingen die Früchte an den Ästen, die so schwer waren, daβ sie den praktisch den Boden berührten. Noch dazu gab es dort Reis, Fleisch und Gemüse in Hülle und Fülle. Die Bewohner dieses Gebietes waren wohlgenährt. Sie waren so satt und rund, daβ sie teilweise Schwierigkeiten hatten, sich fortzubewegen. Als der Hase und die Ziege dies hörten, fassten sie den Entschluss, sich sofort auf den Weg zu machen. Sie hatten natürlich Angst, den großen Fluss zu überqueren aber der Hunger war zu groß, um noch länger zu zögern.

"Ich habe große Angst Ziege," sagte der Hase mit zittriger, angstvoller Stimme.

"Aber nein. Alles wird gut gehen. Ich werde dich beschützen," versicherte der Ziege.

Die beiden begaben sich kurz darauf auf ihre Reise zum Land jenseits der Berge. Es war ein langer Weg und viele kleinere Flüsse mussten überquert werden, bevor der groβe mächtige Fluss eines Tages vor Sonnenuntergang vor ihnen auftauchte. Doch angesichts des Überflusses auf der anderen Seite waren sie sehr erleichtert und glücklich. Dennoch hatten sie ein Problem. Der Hase konnte gut schwimmen, aber die Ziege bekam große Angst, weil sie Wasser auf ihrer Haut nicht ertragen konnte. "Was sollen wir jetzt machen?" fragten sie sich.

Sie waren noch am überlegen, als ein Pavian mit Pfeiffe im Mund, der am Flussufer wohnte, auftauchte.

"Kann ich euch irgendwie helfen?", fragte er.

Die beiden erzählten ihre Geschichte und bekräftigten ihre Absicht, Nahrungsmittel in dem Gebiet jenseits des groβen Flusses zu suchen.

"Seien Sie beruhigt", tröstete der Pavian die beiden Unglücklichen. "Ich habe ein Boot und werde euch an die andere Uferseite bringen." Gesagt, getan.

Jetzt waren die beiden im Land jenseits des groβen Flusses. Da wo Milch und Honig flossen. Nach einem Tagesmarsch kamen sie in Bonsaso an, wo die Getreidekammern tatsächlich mit Korn gefüllt und die Bäume voller Früchte hingen.

Gleich nach der Ankunft in Bonsaso, dem gröβten Ort des Landes, wurden sie vom Leoparden, dem mächtigsten Bewohner des Ortes, willkommen geheißen. Der Leopard war sehr erfreut, den Hasen und die Ziege zu sehen und organisierte dann sogleich ein groβes Fest zu ihren Ehren, zu dem ebenfalls alle Bewohner eingeladen wurden. Es wurde gesungen und getanzt und die Freude war riesengroß. Der Leopard war so glücklich, daβ er spontan laut zu singen begann:

"Schicksal kontrolliert das Leben aller Dinge.
Groβer Gott, der Du alles geschaffen hast,
wir danken Dir für Deine Fürsorge.
Du hast gezeigt, daβ nichts unmöglich ist.
Morgen werden wir wieder Fleisch essen.
Wir danken Dir."

Die Ziege hatte während der Feier ein wenig geschlafen und hatte offenbar die Worte des Leoparden nicht gehört. Der Hase jedoch hatte alles mitbekommen und wurde sofort misstrauisch. Waren sie etwa das Fleisch, das der Leopard meinte?

"Ziege, Ziege, wach auf! Sie wollen uns morgen verspeisen", flüsterte er. Daraufhin antwortete die Ziege ganz gelassen: "Beruhige dich, mein Freund. Ich habe es schon verstanden. Ich war gar nicht eingeschlafen. Wir werden schon etwas unternehmen. Verlasse dich auf mich."
Nach dem Lied des Leoparden sprang die Ziege ebenfalls auf und verkündete, daβ auch sie zu Ehren des Abends singen wolle. Sie begann mit bewegter Stimme:

"Du unfehlbarer Geist, der Du uns begleitest.
Du machst alles möglich und beschützt die Gerechten.
Wir werden sehr früh am Morgen
Dieses Land wieder verlassen,
Weil deine Wege unbekannt sind.
Wir danken Dir."

Erneut wurde viel geklatscht und das Fest ging zu Ende. Insgeheim hatte der Leopard tatsächlich beschlossen, daβ er die beiden fangen wollte, und die Ziege hatte sich einen Plan überlegt, wie sie rechtzeitig entkommen konnten.

Es wurde schnell dunkel in Bonsaso, man bereitete sich auf den Abend vor.
"Kann ich bitte eine Schaufel haben?", fragte die Ziege kurz bevor sie ins Bett gingen. Als Erklärung fügte sie hinzu, daβ das in ihrem Land Brauch wäre und sie daher ohne Schaufel nicht einschlafen könne. Der Leopard war ein wenig überrascht, aber er brachte dennoch die Schaufel, um nicht Verdacht zu schöpfen. Dann sagte er ganz nebenbei, daβ er alle Türen und Fenster des Gästezimmers verriegeln müsse, da es bei ihnen so Brauch sei. Der Hase und die Ziege hatten keine Angst und stimmten zu.

Kaum waren Tür und Fenster verriegelt, da fingen die Ziege und der Hase an, eifrig zu buddeln. Sie arbeiteten die ganze Nacht durch und kurz vor Tageseinbruch flohen sie ins Freie. Bevor sie jedoch gingen, holten sie Eier und Früchte aus dem Speicher des Dorfes und rannten so schnell sie konnten Richtung Heimat.

In der gleichen Nacht hatte der Leopard die Messer scharf gewetzt und sich auf das Schlachtfest vorbereitet. Am frühen Morgen wurden die Fenster und Türen des Gästezimmers entriegelt. Was für eine Überraschung! Der Hase und die Ziege waren fort. Zu sehen war nur ein Loch mitten im Zimmer. Der Leopard musste nun schnell etwas unternehmen, um nicht sein Gesicht zu verlieren. "Die kriege ich noch. Wenn nicht, bin ich nicht mehr der Stärkste hier", schwor der Leopard. Schwupps, verschwand er im Loch und nahm die Verfolgung auf.

Um diese Zeit waren die Ziege und der Hase bereits am Ufer des groβen Flusses angekommen. Wieder hatten sie das Problem, den Fluss überqueren zu müssen. Die Ziege sagte dem Hasen, er solle allein zum anderen Ufer schwimmen. Sie würde für sich selbst sorgen, da sie ja nicht schwimmen könne. Daraufhin verwandelte sich die Ziege in einen groβen Stein und blieb ruhig im Flusssand liegen. Der Hase schwamm mit den Nahrungsmitteln ans andere Ufer.

Es dauerte nicht lange bis der Leopard auch das Ufer erreichte. Er sah den Hasen, auf der anderen Seite ganz ruhig und genüsslich eine mitgebrachte Ananas essen.

"Wenn du ein Mann bist, lieber Leopard, komm hierher", frohlockte der Hase.
Der Leopard war verärgert und überlegte sich, was zu tun sei. Er konnte zwar gut schwimmen, wusste aber, dass der Hase einen beträchtlichen Vorsprung hatte. Dann sah er einen groβen Stein am Ufer liegen. "Wenn ich gut ziele, ist dieser freche Hase erledigt." Also hob er den groβen Stein mit aller Kraft und warf ihn nach dem Hasen. Der flinke Hase hüpfte ganz elegant zur Seite, der große Stein fiel polternd zu Boden. Am anderen Ufer gelandet, verwandelte sich der große Stein prompt wieder in die gesuchte Ziege. Mit viel Freude setzten die beiden Freunde ihre Heimreise fort, voll bepackt mit genug Vorräten für die ganze Trockenzeit.

Das Spiel war aus. Der Leopard wusste, daβ er nun gegenüber seinen sogenannten Gästen auch seine Ehre verloren hatte. Er ärgerte sich grün und blau, daβ er die beiden nicht rechtzeitig hatte fangen können. Warum war er so dumm gewesen, den beiden einen Spaten zu geben? Warum hat er sie nicht gleich geschlachtet? Er quälte sich eine Zeit lang mit solchen Fragen. Zurück nach Hause wollte er nicht mehr. Wie könnte er sich künftig den Stärksten nennen? Trotz Stärke, Schönheit und Macht hatten ihn die Ziege und der Hase ganz schön überlistet. Eine Woche lang hatte der Leopard keinen Appetit mehr und lief ziellos am Fluss umher. Er zog es vor, am Flussufer zu bleiben und sich mit einem einsamen Leben voller Sorgen und Schande zu begnügen. Von nun an und auf sich allein gestellt, musste er selber jeden Tag nach Essen suchen. Er schwor aber, die Jagd nach dem Hasen und der Ziege niemals aufzugeben.

Bis heute ist der Leopard immer noch voller Wut und jagt weiterhin diese beiden Feinde. Er hofft, irgendwann seine Ehre zurück zu bekommen. Der Tag an dem er beiden habhaft werden kann, wird auch der Tag seiner Rückkehr als stärkstes Tier nach Bonsaso sein. Bis jetzt allerdings wartet er immer noch am Flussufer und hofft, das eine erneute Hungerskatastrophe die Beiden bald wieder dorthin treibt. Aber Hase und Ziege lassen bis zum heutigen Tag auf sich warten. Offensichtlich wird der Leopard viel Geduld haben müssen.

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