- Über den Autor
- 1. Die Familie Ananse
- 2. Ananse und das Wissen
- 3. Ananse der Vogel
- 4. Ananse der Verwandlungskünstler
- 5. Ananse der Verräter
- 6. Ananse und das Zaubermesser
- 7. Ananse der Trickreiche
- 8. Ananse der Angeber
- 9. Ananse der Schurke
- 10. Ananse der Kahlkopf
- 11. Ananse und Ntakuma
- 12. Die Schöpfungsgeschichte
- 13. Der listige Hase
- 14. Der gierige Leopard
- 15. Die Prinzentochter
- 16. Der undankbare Jäger
- 17. Freundschaft ist wichtig
Die Eskapaden von Ananse und andere Geschichten
Unterhaltung
13. Der listige Hase
Es lebten einmal ein Elefant, ein Hase, ein Affe und ein Löwe gemeinsam in einem groβen Dorf. In diesem Dorf gab es immer viele Probleme, weil dessen Bewohner sich nicht so gut miteinander vertrugen. Oft gab es Zank und Zwietracht und das Leben wurde mit der Zeit unerträglich. Etwas musste geschehen, wenn Bürgerkrieg vermieden werden sollte. Alle Tiere entschieden sich für eine groβe Zusammenkunft, bei der sie ihre Probleme beraten wollten.
An jenem Tag kamen alle Dorfbewohner zusammen, um Antworten auf ihre Probleme zu finden. Erst sprach der Elefant: "Liebe Mitbürger, wie ihr wiβt, haben wir alle groβe Zwistigkeiten und finden keine Lösung dafür. Nach reiflicher Überlegung bin ich zu der Meinung gekommen, daβ unsere Schwierigkeiten nicht verschwinden werden, bis wir einen König haben. Darum habe ich mir gedacht, ihr könnt mich zu eurem König machen, weil ich der Gröβte und im Kampf mit unseren Feinden kaum zu schlagen bin."
"Gut gesprochen, lieber Elefant", antwortete der Affe. Wir brauchen in der Tat einen König, aber ich glaube nicht, daβ du ein guter König sein kannst. Du isst zuviel und bist nicht sehr schnell.“ Er wendete sich an die Dorfbewohner und forderte sie auf: „ Macht mich zu eurem König. Ich kann wendig und schnell in die höchsten Baumwipfel klettern, um euch zu warnen, wenn uns Unheil droht. Deshalb bin ich der Beste."
Der Affe hatte kaum zu Ende gesprochen, als der Löwe sich erhob und mit tiefer Stimme und ernster Miene sagte: "Meine Lieben, ich habe bis jetzt geschwiegen und ganz ruhig zugehört. Aber jetzt muss ich etwas dazu sagen. Ihr scheint nicht zu merken, daβ ich der größte Jäger des Waldes bin. Ich bin der Schnellste und der Mutigste von euch allen und wegen meiner tollen Mähne und meines majestätischen Auftretens werde ich sowieso der König der Tiere genannt. Also, wenn ihr einen König braucht, bin ich selbstverständlich der klare Favorit."
Jetzt war das Durcheinander perfekt. Jeder wollte König sein, und deshalb entstand ein heftiger Streit. Der Einzige, der bis dahin geschwiegen hatte, war der Hase und der stand jetzt auf. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, brüllte der Löwe:
"Von dir will ich nichts hören, du Halbstarker. Du willst doch nicht etwa König werden, oder?"
"Liebe Freunde, begann der Hase mit zarter Stimme, wir dürfen uns nicht so entzweien. Ich selber bin für euch vielleicht zu klein, um König zu sein. Aus diesem Grunde würde ich auch nie darum bitten. Ich habe aber einen Vorschlag. Laβt uns alle einen Wettbewerb veranstalten. Die Aufgabe ist folgende: Wer von einer ganz weiten Entfernung so laut schreien kann, daβ seine Frau daraufhin Essen zubereitet, der verdient den Namen König zurecht. Ich hoffe, ihr alle seid damit einverstanden?"
Die anderen Tiere guckten sich gegenseitig an. Na ja, ein Brüllwettbewerb könnte nicht schaden, war die allgemeine Meinung. Es wurde ein Tag vereinbart und alle vier Kandidaten folgten dem Hasen zu dem Ort, wo der Wettbewerb stattfinden sollte. Jeder von ihnen war siegessicher. Alle verabschiedeten sich von ihren Ehefrauen und erinnerten sie daran, von nun an auf ihren Ruf zu hören, damit sie anfangen konnten, das Essen kochen.
Der Hase sagte seiner Frau ganz leise: "Wenn du das Himmelzeichen hörst, habe ich gebrüllt." Seine Frau hatte verstanden und nickte geheimnisvoll. Dann gingen sie fort.
Sie liefen Tag und Tag und immer weiter, aber der Hase war noch nicht an der Stelle angekommen, wo der Wettbewerb stattfinden sollte. Bald waren dicke Wolken am Himmel, und nach aller Vorausschau würde es in wenigen Minuten regnen. Die anderen waren jetzt verunsichert und fragten, ob sie nicht anfangen sollten.
"Der Hügel da vorne ist unser Ort", antwortete der Hase. "Jetzt müssen wir uns beeilen, bevor es regnet."
Also fing der Wettbewerb an. Erst kam der Affe. Er reckte sich empor und schrie so laut er konnte den Namen seiner Frau Konadu und seiner vier Kinder. Mit einem siegessicheren Sprung zur Seite gab der Affe zu verstehen, dass er mit Sicherheit gewonnen hatte.
Dann folgte der Löwe. Er reckte seine mächtige Mähne in die Luft, atmete tief ein und brüllte den Namen seiner Frau Malaika mit einer so furchterregenden Stimme, daβ die Erde ein wenig bebte. Wer sollte noch diese beeindruckende Vorstellung überbieten, dachten die Anwesenden.
Als nächster kam der Elefant. Er streckte einfach seinen Rüssel in Richtung des Himmels und bließ einen Trompetenknall in die stille Luft.
Schlieβlich war der kleine Hase dran. Er hob seine zwei Vorderbeine hoch, blieb auf den Hinterbeinen stehen und schrie den Namen seiner Frau Adankoa ganz zart in die stille Umgebung. Dabei gab er so ein lustiges Bild ab, daβ die anderen anfingen, laut zu lachen. Es war klar, daβ so eine mickerige Stimme niemals gehört werden würde.
Gerade als der Hase fertig war, fing es an zu regnen. Der Himmel öffnete seine Tore und es regnete eimerweise. Dann blitzte und donnerte es und die Wettbewerbsteilnehmer beeilten sich nun nach Hause zu kommen um nicht allzu naβ zu werden. Alle waren auf das Ergebnis des Wettbewerbs gespannt.
Als sie zurück ins Dorf kamen, besuchten sie alle zunächst das Haus des Affen. Sie klopften an, und Konadu seine Frau öffnete die Tür. Sie war überrascht, daβ ihr Mann schon wieder zurück war. Leider hatte sie nichts gekocht, da sie immer noch auf die Stimme ihres Mannes wartete. Damit hatte der Affe verloren und die anderen grinsten schadenfroh.
Dann gingen sie in das Haus des Löwen. Frau Löwe war gar nicht zu Hause. Sie war unterwegs, um ihre Freundin zu besuchen, weil sie der Meinung war, sie würde die Stimme ihres Mannes überall hören. Gekocht hatte sie auch nichts. Der Löwe war sehr verärgert und enttäuscht, weil er sicher war, daβ er am lautesten gebrüllt hatte. Die Spannung wuchs.
Nun ging es weiter zum Haus des Elefanten. Aber es war das gleiche Bild. Frau Elefant spielte gerade "Versteck Dich" mit ihren Kindern und behauptete, sie hätte überhaupt nichts gehört. Der Elefant war sprachlos. Was für eine Demütigung für ihn, der größer und stärker war als alle anderen!
Jetzt war der Hase dran. Ungefähr zehn Meter vom Haus entfernt konnten sie schon den Duft einer Lammbratensoβe wahrnehmen. Frau Hase, genannt Adankoa, hatte natürlich die Stimme ihres Mannes gehört und dementsprechend gekocht, genau wie verabredet. Der Hase lächelte selbstbewusst vor sich hin.